Grenzschließungen wegen Corona-Mutationen: Wenn die Pendler fehlen

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Gut 9000 Tschechen fahren zur Arbeit über die Grenze nach Sachsen. Die Grenzschließung trifft viele von ihnen und ihre Arbeitgeber. Aber sorgen Berufspendler für mehr Infektionen?

Chemnitz.

Heulen könnte er, wenn er sich in die Lage der Unternehmen versetze, sagt Hans-Joachim Wunderlich. Auf dem Tisch des Hauptgeschäftsführers der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz und auf denen seiner Mitarbeiter stapeln sich schon seit ein paar Tagen die Anfragen von Firmen, die wissen möchten, worauf sie und ihre tschechischen Mitarbeiter sich einstellen müssen. "Wir haben eine große Liste." Wunderlich hat durchaus Verständnis für das Problem der Virusmutationen und der hohen Infektionszahlen in Tschechien. Die Risiken müsse man ernst nehmen, sagt er. Doch die Zahlen im Nachbarland seien schon zu Wochenbeginn hochgeschossen. Dass dann bis Freitagnachmittag niemand genau wisse, was ab Montag für Mitarbeiter, die über die Grenze pendeln, gilt, hält er für eine "Bankrotterklärung der Politik". Wunderlich: "Die Unternehmen und Beschäftigten müssen planen. Nun werden sie alle vor den Kopf gestoßen."

Gut 9000 Tschechen kommen nach jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zum Arbeiten nach Sachsen. Allein im Erzgebirge sind es fast 2200. Im Vogtland sind rund 1600 Grenzgänger aus Tschechien beschäftigt. Selbst in Chemnitz, Zwickau und Freiberg haben Firmen tschechische Mitarbeiter angeheuert. Nahezu ein Viertel ist im Verarbeitenden Gewerbe beschäftigt. Auch der Bereich Verkehr und Logistik - dazu zählen etwa auch Lastwagenfahrer und Kurierdienste - spielt eine größere Rolle, ebenso das Gastgewerbe. Experten gehen aber davon aus, dass die Zahlen im Gastronomiebereich coronabedingt gesunken sein dürften. Speditionen greifen laut IHK inzwischen häufig auf Fahrer aus Tschechien zurück, weil hierzulande nur schwer Personal zu finden ist. Oft kommen die Fahrer am Montag über die Grenze und sind dann eine Woche lang unterwegs, teils europaweit. Der Anteil der tschechischen Pendler, die im Gesundheits- und Sozialwesen tätig sind, bewegte sich zuletzt hingegen im einstelligen Prozentbereich. Vor allem im industriellen Bereich gebe es ganze eine Reihe von Firmen, bei denen 30 bis 40 Prozent der Belegschaft Grenzpendler sind, heißt es bei der IHK.

Die Grießbacher Firma Mogatec (Erzgebirgskreis) ist ein Beispiel dafür. "Wir gehören zu einer Vielzahl von Betrieben, die mittlerweile von tschechischen Mitarbeitern abhängig ist", sagt Geschäftsführer Alexander Gränitz. Im produzierenden Bereich sei jeder zweite ein Grenzpendler - Leiharbeiter sowie Festangestellte. "Diese Größenordnung ist bei unserem Drei-Schicht-Betrieb nicht zu kompensieren, auch wenn wir alles versuchen", meint Gränitz.

 

IHK-Mann Wunderlich ärgert deshalb, dass Politiker die Folgen ihrer Entscheidungen "oft nicht bis zu Ende denken". Wenn Mitarbeiter nicht mehr über die Grenze kommen und sich daraufhin krank melden, weil sie sonst kein Geld bekämen, müsse der Betrieb sechs Wochen lang den Lohn fortzahlen. Wunderlich: "Bei 30 Prozent und mehr Pendlern kann man sich ausrechnen, wann das Unternehmen Insolvenz anmelden muss." Er sei daher froh, dass die Agentur für Arbeit eine Hotline für betroffene Firmen einrichte, um Fragen zu möglicher Kurzarbeit zu klären.

Noch stärker als Sachsen ist Bayern von der Grenzschließung betroffen. Mit 22.000 pendeln dort mehr als doppelt so viele Tschechen zur Arbeit ins Nachbarland. Im Grenzbereich sind dort die Infektionszahlen gegenüber anderen Regionen des Freistaates besonders hoch: Das Robert-Koch-Institut meldete für den Landkreis Tirschenreuth am Donnerstag mehr als 333 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Es folgten die Landkreise Wunsiedel im Fichtelgebirge mit einer Inzidenz von 256,0, die Stadt Hof mit 178,9, der Landkreis Hof mit 162,4. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte, dass die ansteckendere Virusvariante aus Großbritannien in einigen ostbayerischen Regionen bei Einpendlern die Oberhand gewonnen habe. Nach einer Studie im Landkreis Wunsiedel besteht bei 65,5 Prozent der positiven Tests der Verdacht auf die Mutation - bei mehr als zwei Dritteln davon handelte es sich um die Tests tschechischer Staatsbürger.

Tschechische Epidemiologen erwarten laut "Süddeutscher Zeitung", dass die britische Mutante in 14 Tagen die vorherrschende Virusvariante in dem Land sein wird. Für Söder sind die Grenzkontrollen daher unverzichtbar: "Wir sind für ein freies Europa", aber in der Pandemie müsse die Sicherheit oben stehen, sagte er am Freitag in seiner Regierungserklärung im Landtag.

Inwieweit Berufspendler für ein verstärktes Infektionsgeschehen sorgen, ist aber nicht sicher geklärt. Beweise dafür fehlen. Nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks gehen die Landkreise in der dortigen Grenzregion dennoch davon aus, dass der Grenzverkehr einen gewissen Einfluss hat. Das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit stellte demnach für den Freistaat generell einen steigenden Anteil der Ansteckungen am Arbeitsplatz fest. Das Amt erklärte aber zugleich, dass es sich bei den Corona-Ausbrüchen "zumeist um ein diffuses Geschehen mit zahlreichen Häufungen in privaten Haushalten handelt." (mit dpa)

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55 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    1
    mops0106
    13.02.2021

    @karstenp:

    Das Problem ist, dass ganze Branchen schon seit 03/2020 kaltgestellt sind und damit viele tausend Menschen betroffen sind. Das ganze Ausmaß wird sich erst ab 2022 zeigen.

  • 5
    4
    karstenp
    13.02.2021

    Andere dürfen schon seit dem 16.12.2020 nicht arbeiten, also wo ist das Problem???

  • 4
    10
    Interessierte
    13.02.2021

    Wenn die Pendler fehlen / ausfallen , dann sterben keine Alten mehr in den Pflegeheimen !!!
    Ich hatte ja` schon einmal gefragt , wer die Überträger sind , welche die Alten in den Pflegeheimen anstecken , wenn die Verwandtschaft nicht kommen darf - also die Pfleger ...

    Hier war doch mal ein schöne Übersicht , wo die meißten Ansteckungen sind ...
    Also im Vogtland und in der Lausitz / Görlitz , nahe der Grenzen zu CS und Polen ....
    https://www.ardmediathek.de/mdr/video/mdr-sachsenspiegel/mdr-sachsenspiegel/mdr-sachsen/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy9lOWRiOTM5Ni00MmNiLTRjYmYtODg2Zi1jZWUwZWM0NzM5ZmY/

    Und wenn der Herr Kretschmer jetzt alles dicht macht , was ´wir` schon im November empfohlen hatten , dann darf er das wohl jetzt , weil auch der Westen in Bayern nun alles dicht macht , weil es in Tirschenreuth so schlimm geworden ist , 1.000 Tote pro Woche !!! ?

  • 25
    1
    Erzbürger
    13.02.2021

    Könnte man den tschechischen Kollegen nicht übergangsweise Hotelzimmer zur Verfügung stellen? Die Kollegen hätten eine Unterkunft, die Hoteliers Gäste. Und die staatlichen Hilfen könnten zielgerichtet in eine sinnvolle Sache investiert werden.....

  • 32
    1
    Mittelständisch
    13.02.2021

    An dieser Stelle möchte ich mich vorab bei allen tschechischen Arbeitnehmern bedanken, welche die Trennung von Familie und Freunden auf nicht absehbare Zeit hinnehmen, in eine Pension ziehen und so als Arbeitskraft unter anderem auch in unserem Unternehmen erhalten bleiben. Ihr seid uns eine große Hilfe.

    Habe aber natürlich auch für alle Kollegen Verständnis welche diesen Schritt nicht gehen können, weil sonst das Familienleben in Tschechien zusammenbricht.

    Bei uns im Unternehmen haben alle tschechischen Arbeitnehmer einen festen Arbeitsvertrag und sind auch sonst ihren deutschen Kollegen 100% gleichgestellt. Stellenausschreibung laufen bei uns schon länger immer auf deutscher und tschechischer Seite parallel. Für Stellen im Schichtdienst ist die Resonanz aus technischen meist aber deutlich höher. Ohne Schichten können wir aber unsere Aufträge nicht erfüllen.

    Z?sta?te zdraví a starejte se o sebe. Hezký víkend. (Bleibt gesund und passt auf euch auf. Schönes Wochenende.)