Hinhören und ernstnehmen, um Missbrauch sichtbar zu machen

Fall Münster facht die Diskussion um härtere Strafen für Täter und bessere Hilfen für Opfer neu an

Münster.

Wir alle müssten aufmerksamer werden, um abscheuliche Missbrauchsverbrechen an Kindern früher aufzudecken: Mit diesem Appell wandte sich Münsters sichtlich bewegter Polizeipräsident Rainer Furth am Wochenende an die Öffentlichkeit. Seine Ermittler waren gerade auf ein Netzwerk von Beschuldigten gestoßen, die Kinder missbraucht, die Gewalttaten gefilmt und die schrecklichen Bilder verbreitet haben sollen. Wie wirkt sich Missbrauch auf Kinder aus? Was kann man tun? Ein Überblick.

Was richtet sexueller Missbrauch bei den Kindern an?

Missbrauchte Kinder reagieren ganz unterschiedlich. Die Reaktion sei abhängig vom Alter, von der Nähe zwischen Opfer und Täter und der Form des Missbrauchs, sagt Professor Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm. "Das extrem Belastende für Kinder ist, dass über ihre Bedürfnisse hinweggegangen wird", sagt er. "Viele erleben dabei Todesangst und sind völlig überwältigt." Dazu kommen der massive Vertrauensverlust, wenn Täter aus dem nahen Umfeld kommen, und das Empfinden von Beschädigtsein und Ohnmacht.

Gibt es auch Spätfolgen?

Nicht immer wirke sich das Geschehen unmittelbar aus: Posttraumatische Belastungsstörungen können beispielsweise nach scheinbar unkomplizierter Verarbeitung nach einem zweiten belastenden Ereignis auftreten. Angst, sozialer Rückzug und Depressionen können laut Fegert auch erst später auftreten, wenn Kinder mit Begreifen ihrer eigenen Sexualität realisieren, wie sie ausgebeutet wurden. Das gilt auch, wenn es um Kinderpornografie geht. Das löse neue Beschämungen und abermals Kontrollverlust aus. "Dadurch endet es nie", schildert Fegert.

Wie kann ich Opfer sexueller Gewalt erkennen?

Missbrauch kann man Kindern oft nicht ansehen. Experten bei Polizei und Opferschutzorganisationen zufolge sind sichtbare Verletzungen eher selten oder bleiben dem Außenstehenden verborgen. Und auch Signale der Seele sind nicht eindeutig: "Es gibt keine spezifischen Symptome, die Missbrauch sichtbar machen", sagt Kinderpsychiater Fegert. Veränderungen im Verhalten können Warnsignale sein, müssen es aber nicht: Einnässen, Rückzug oder andere Verhaltensauffälligkeiten können auch auf vergleichsweise banale Sorgen des Kindes zurückgehen. "Es ist einfach sehr wichtig, dass Erwachsene das gesprochene Wort ernst nehmen und eine Atmosphäre schaffen, in der Kinder sich anvertrauen können", sagt Fegert. "Ich muss ihnen auch vermitteln, dass sie nicht die Verantwortung tragen für das, was geschehen ist."

Wo muss das Umfeld genauer hinschauen?

"Es müssen bestimmte Risiko-Konstellationen stärker in den Blick genommen werden", sagt Fegert. So müssten Jugendhilfe und Justizbehörden etwa bei verurteilten Sexualstraftätern gemeinsam genauer hinsehen, wenn diese in Kontakt mit Kindern kommen. "Das Kindeswohl muss hier vor der Chance auf Wiedereingliederung eines Straftäters gehen", sagt Fegert. Außerdem gelte es, ein weitgehendes Tabu abzubauen und den Blick zu schärfen dafür, dass auch Mütter und andere weibliche Bezugspersonen als Mittäterinnen in Frage kommen: "Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, dass Mütter ihre Kinder schützen."

Was sollte ich bei einem Verdacht tun?

"Ergibt sich ein vielleicht auch nur vager Verdacht, ist Handeln das Gebot der Stunde. Und das besser einmal zu oft als gar nicht", rät Joachim Schneider, Geschäftsführer beim Programm Polizeiliche Kriminalprävention. "Wenn es falscher Alarm war, kann der Verdacht ausgeräumt werden. Wenn er aber zutrifft, kann unsägliches Leid beendet und dem Kind geholfen werden." Wichtig sei es, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen, mit anderen das weitere Vorgehen zu besprechen. Verdachtsfälle können rund um die Uhr bei jeder Polizeidienststelle angezeigt werden. Es gibt darüber hinaus eine Vielzahl von leicht zugänglichen Beratungshotlines oder Anlaufstellen, an die man sich wenden kann, ohne dass gleich ein Ermittlungsverfahren angestoßen wird. Bei der Vermittlung kann etwa das Hilfeportal sexueller Missbrauch des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs helfen.dpa

Streit um das Strafmaß

Die jüngsten Fälle von Kindesmissbrauch haben eine Diskussion um eine Erhöhung des Strafrahmens für die Täter sowie für den Besitz von Kinderpornografie ausgelöst.

BundesfamilienministerinFranziska Giffey (SPD) forderte, bei Kindesmissbrauch den Strafrahmen auch auszuschöpfen. Möglich sind derzeit bis zu 15 Jahre Haft und anschließende Sicherheitsverwahrung. Auch die Kapazitäten von Ermittlern müssten ausgebaut werden.

CDU-GeneralsekretärPaul Ziemiak forderte in der Bild-Zeitung "drastische Strafen" für Kinderschänder. Er sprach sich zudem dafür aus, dass es beim Besitz von Kinderpornografie eine Haftstrafe bis zu fünf Jahren statt bis zu drei Jahren geben sollte.

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte nach dem Missbrauchsfall von Münster gefordert, Kindesmissbrauch in jedem Fall als Verbrechen und nicht mehr nur als Vergehen zu ahnden, damit stets eine Mindeststrafe von einem Jahr drohe.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will mit einem verschärften Netzwerkdurchsetzungsgesetz soziale Netzwerke verpflichten, nach Hinweisen auf verdächtige Bilder und Filme diese nicht nur zu löschen, sondern sie zusätzlich an eine Zentralstelle beim Bundeskriminalamt (BKA) zu melden. Dem BKA würden auch die IP-Adressen und Port-Nummern mitgeteilt, damit die Urheber ermittelt werden könnten.

0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.