Jetzt bloß nicht durchdrehen!

Schulen und Kitas sind seit Tagen zu, Familien müssen sich neu sortieren. Eine Chemnitzer Psychologin rät, wie Krach vermieden wird.

Mutter und Vater arbeiten im Homeoffice. Die Kinder müssen beschult, beschäftigt und bespaßt werden. Haushalt, Kontaktsperre, knappes Geld - das alles bringt viele Familien an ihre Belastungsgrenze. Wie man es schafft, das Ganze nicht eskalieren zu lassen und vielleicht noch von der Krise zu profitieren, wollte Stephanie Wesely von Ines Enge wissen. Sie ist Psychologin und Leiterin der Erziehungsberatungsstelle der AWO in Chemnitz.

Freie Presse: Frau Enge, Sie und Ihre Mitarbeiter beraten per Telefon und moderieren Foren, in denen sich Eltern, aber auch Jugendliche austauschen können. Wird das jetzt stärker genutzt?

Ines Enge: Ja. Dort ist momentan eine große Verunsicherung zu spüren. Die Teilnehmer haben das Bedürfnis, sich ihre Sorgen von der Seele zu reden und zu schreiben. Denn unfreiwillige Enge sowie fehlende Freiheiten und Strukturen belasten vor allem Jugendliche und damit auch oft die familiären Beziehungen.

Welche Probleme tauchen am häufigsten auf?

Den meisten - übrigens auch vielen Eltern - fehlt eine Tagesstruktur. Wir haben jetzt einen Alltag, der sich wie Wochenende, aber auch wieder nicht so anfühlt. Kinder und Jugendliche vermissen den Kontakt zu ihren Freunden und das Austoben auf dem Spielplatz. Bei manchen staut sich dadurch Frust auf, sie sind mit ihrer Situation unzufrieden und lassen das bisweilen auch Angehörige spüren. Aber sie leiden selbst am meisten darunter.

Sie sprechen hier von Gewalt?

Ja, auch davon ist in den Chats die Rede - vom verbalen Streit bis zu Handgreiflichkeiten. Mitunter entsteht ein Streit auch nur aus Langeweile und schaukelt sich hoch.

Was empfehlen Sie Eltern, um den Lagerkoller zu vermeiden?

Die Mahlzeiten könnten ein Ort des Austauschs werden. Man kann morgens beim Frühstück besprechen, was jeder heute zu tun hat, welcher Elternteil vormittags und welcher nachmittags ins Homeoffice geht. Jeder darf sagen, was er sich für den Tag wünscht, um auch gemeinsame Freizeit und Spaß zu haben. Selbst in kleineren Wohnungen ist es meist möglich, dass sich jeder seinen geschützten Bereich abtrennt, der von den anderen auch respektiert wird. Da kann ein Klapptisch und -stuhl vom Balkon schon reichen. Jeder sollte auch Grenzen wahren, zum Beispiel den anderen nicht permanent fragen, was er gerade macht oder ihm über die Schulter schauen. Das ging vorher ja auch nicht. Ich empfehle hier zum Beispiel die "Rote Karte". Hält einer die hoch, heißt das, "nerve mich jetzt nicht". In Coronazeiten ist es nicht verboten, nach draußen zu gehen. Da kann sich jeder seine eigene halbe Stunde Auszeit nehmen - zum Spazieren gehen oder Radfahren. Er darf sich natürlich nicht mit Freunden treffen, aber mal ungestört mit ihnen zu telefonieren, das hilft meist schon.

Mediennutzung - ein wichtiges Thema mit reichlich Konfliktpotenzial. Sollte man jetzt besonders streng sein, wo man doch mehr Zeit zusammen hat?

Davon rate ich entschieden ab. Die Kinder können jetzt ihre Freunde nicht mehr sehen. Das Smartphone oder Tablet ist die einzige Möglichkeit, sich mit ihnen auszutauschen. Da sollten Eltern jetzt eher mal großzügig sein und nicht für zusätzliches Streitpotenzial sorgen. Natürlich gilt es Grenzen zu setzen. Nachtruhe ist Nachtruhe, und zwar ohne Medien. Der Raum für schulische Aufgaben sollte genauso da sein wie der für die Nutzung medialer Kontakte.

Wie kann man denn seine Freizeit gestalten, wenn man nicht auf den Spielplatz darf?

Man könnte doch einfach wieder mal die Spielekiste hervorholen und schauen, was da Schönes drin ist. Wichtig ist auch, dass man mit den Kindern spielerisch das verarbeitet, was gerade abläuft, was man darf, was nicht und warum. Das lässt sich sehr gut mit Puppen nachspielen. Ich empfehle auch, mal etwas ganz Verrücktes zu machen: zum Beispiel ein Picknick auf dem Wohnzimmerboden. Oder, wenn alle müde sind, ein Wohnzimmer-Kinoabend mit selbst gemachtem Popcorn. Mathematikaufgaben lassen sich auch bei einer Kopfrechen-Schnitzeljagd durchs Zimmer üben.

Das klingt alles sehr lustig, doch über mehrere Wochen gehen vielen die Ideen aus. Und alle Familien sind dazu ja auch nicht in der Lage. Was dann?

Viele Wochen zusammen in der Wohnung zu verbringen, kann für alle Beteiligten sehr anstrengend werden und die Eltern-Kind-Beziehung belasten. Gerade wenn es in Familien bereits länger schwelende Konflikte gibt, dann kommen diese in Ausnahmesituationen häufig an die Oberfläche. Dann empfiehlt es sich, fachlichen Rat einzuholen. Dazu gibt es sogenannte Sorgentelefone oder Beratungsmöglichkeiten bei Wohlfahrtsverbänden und unsere Bundeszentrale für Erziehungsberatung mit ihren Kontaktangeboten online oder per Telefon.

Sollte man jetzt auch als Nachbar aufmerksamer sein?

Ja, aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger oder gar mit der Polizei drohen. Besser ist es, zu fragen, ob der andere Hilfe braucht. Man könnte ihm anbieten, das Baby im Kinderwagen mitzunehmen, wenn man einkaufen oder spazieren geht. Das gibt den Nachbarn dann die wichtige halbe Stunde zum Verschnaufen oder um sich den größeren Kindern zu widmen. Wer die Situation als bedrohlich oder gar kindeswohlgefährdend empfindet, sollte aber nicht zögern und zum Beispiel mit uns Kontakt aufnehmen. Unsere Online-Foren sind rund um die Uhr erreichbar. Wir können dann Ansprechpartner vermitteln. Auch die "Nummer gegen Kummer" für Kinder und Jugendliche 116111 ist anonym und kostenlos von Handy und Festnetz Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr erreichbar.

Was kann jeder selbst dazu beitragen, dass Meinungsverschiedenheiten nicht zum handfesten Krach werden?

Zunächst kann ich mich selbst fragen, ob es gerade mein eigener Frust ist, der mich zum Streiten veranlasst. Ich kann mich zurücknehmen und fragen: Warum passiert das jetzt gerade? Ich kann das Zimmer verlassen. Mit einem Ortswechsel ändert sich nachweislich auch die Sicht auf ein Problem. Wenn sich alle beruhigt haben, kann man darüber sprechen, wie man solche Situationen künftig vermeidet.

Was ist eigentlich mit Kindern, deren Eltern getrennt leben?

Das Wechselmodell oder die bisherige Aufteilung der Betreuungszeiten geht weiter wie vorher. Da gibt es vom Bundesfamilienministerium keine anderen Aussagen. Eine Ausnahme besteht natürlich dann, wenn ein Elternteil oder das Kind selbst infiziert oder in Quarantäne ist. Dann ist das eine Ausnahmesituation. Die Zeit, die das Kind dann zwangsläufig bei einem Elternteil ist, wird dem anderen aber nicht gutgeschrieben.

Kann die Corona-Krise auch etwas Positives haben?

Unbedingt. Denn wenn ich die Corona-Krise als Familie gut gemeistert habe, kann ich mit Recht stolz darauf sein. Denn auf diese Ausnahmesituation konnte sich niemand wirklich vorbereiten. Viele Aktivitäten und Rituale lassen sich aber auch in die Nach-Corona-Zeit retten. Davon profitieren letztlich alle.


Die Psychologin

Ines Enge ist auch Mediatorin und Familientherapeutin. Sie leitet seit 1990 die Familienberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt in Chemnitz. Die Beratungsstelle ist Mitglied in der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Die 57-Jährige hat eine Tochter.


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