130. Geburtstag der ersten Geigen des Erzgebirges

Die Erzgebirgische Philharmonie feiert am Wochenende 130. Geburtstag. Das Programm umfasst viel internationale Musik. Die Wurzeln aber liegen in den Traditionen des Landstrichs begründet.

Aue/Annaberg-Buchholz.

Mit den ältesten ihrer Zunft können sie nicht mithalten - der Sächsischen Staatskapelle und dem Gewandhausorchester Leipzig beispielsweise, deren Gründungen auf die Jahre 1548 beziehungsweise 1743 zurückgehen. Doch weit weg von diesen Jahreszahlen liegen die Wurzeln der heutigen Erzgebirgischen Philharmonie nicht. Immerhin sind für die Stadt Annaberg schon 1653 die ersten Stadtpfeifer niedergeschrieben - von der Stadt angestellte Musiker.

Bis zum ersten städtischen Musikdirektor sollten noch einige Jahre vergehen. Der wurde erst im Jahr 1888 bestellt. Im Januar zunächst in Annaberg, elf Monate später folgte Aue. So gilt dieses Jahr heute als Gründungsjahr der Erzgebirgischen Philharmonie. Wenngleich an einen solch homogenen Klangkörper wie heute zur damaligen Zeit längst nicht zu denken war, wie bei Musikprofessor Werner Kaden nachzulesen ist. Er hatte zum Jubiläum des Orchesters vor zehn Jahren gemeinsam mit dem Verein Freunde und Förderer der Erzgebirgischen Philharmonie sowie dem Verlag Klaus-Jürgen Kamprad das Buch "120 Jahre Erzgebirgische Philharmonie Aue" herausgegeben. Eine beeindruckende Dokumentation der wechselvollen Geschichte der bis in die 1990er-Jahre selbstständigen Orchester in Annaberg und Aue.

Mittlerweile ist aus dem Stadtmusikdirektor ein Generalmusikdirektor geworden - Naoshi Takahashi, gebürtiger Japaner und mit seinen 45 Jahren noch immer einer der jüngsten Chefdirigenten der großen Orchester in Sachsen. Seine Musikerinnen und Musiker muss er sich auch längst nicht mehr selbst suchen, wie es seine musikalischen Vorgänger über viele Jahrhunderte tun mussten. Das übernimmt die Erzgebirgische Theater- und Orchester GmbH. Und bei ihr sind gegenwärtig 46 Musikerinnen und Musiker unter Vertrag - aus Rumänien und Bulgarien, Tschechien und Ungarn, aus Russland und den Nachfolgestaaten der einstigen Sowjetrepubliken und sogar aus den USA. Eine Größe, mit der die Erzgebirger zwar nicht mit Orchestern wie der Philharmonie in Chemnitz beispielsweise mithalten können. Aber in der Qualität, davon ist Ingolf Huhn als geschäftsführender Intendant überzeugt, "sind die Unterschiede nicht mehr so groß". Das führt er vor allem auch auf das große Angebot an guten Musikerinnen und Musikern zurück. So ließen sich frei werdende Stellen meist schnell wieder besetzen. "Da befinden wir uns in einer guten Situation" sagt er. Zumal die personelle Ausstattung des Klangkörpers auch perspektivisch beibehalten werden soll. Allein schon, da die Bühne im Eduard-von-Winterstein-Theater als eine der wichtigsten Spielstätten - neben dem Kulturhaus in Aue - platzmäßig Grenzen setzt.

Viele der nicht selten jahrhundertelangen Querelen in den und um die beiden Klangkörper sind also längst beigelegt. Ein Problem aber zieht sich wie ein roter Faden durch bis in die Gegenwart: der Kampf um eine gute Bezahlung. Auch wenn sich diesbezüglich seit Anfang dieses Jahres einiges getan hat. Denn Sachsens Landesregierung stellt in den nächsten vier Jahren 40 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung - davon jährlich 7 Millionen Euro für kommunale Theater und Orchester mit Haustarifverträgen. Für die Beschäftigten der Erzgebirgischen Theater- und Orchester GmbH heißt das: Ihr Tarifniveau ist zum Jahresbeginn von 90,10 auf 95 Prozent des aktuell gültigen Flächentarifvertrages gestiegen.

Eine Entscheidung, die bei Ingolf Huhn für viel Erleichterung sorgt. "So können wir unsere seit Jahren geltenden Haustarifverträge um einen großen Teil reduzieren", sagt er. Wenngleich damit nach wie vor noch kein einhundertprozentiges Tarifniveau erreicht wird und die zum Teil großen Unterschiede zwischen den Orchestern in Sachsen bestehen bleiben. Ingolf Huhn ist dennoch dankbar - vor allem auch für das finanzielle Engagement des Erzgebirgskreises, der die Finanzierung des 30-prozentigen Eigenanteils stemmt. Zusätzliche finanzielle Unterstützung kommt seit 2007 bereits vom Verein der Freunde und Förderer der Erzgebirgischen Philharmonie und der Erzgebirgischen Theater- und Orchesterstiftung.

Rückhalt, der auch Raum bietet für neue musikalische Wege wie beispielsweise das Inklusionsprojekt "Viel Harmonie Tanzt" vor drei Jahren oder das Crossmedia-Projekt "Kino für die Ohren" mit der Hochschule Mittweida in dieser Spielzeit. Und im August steht zweite Auflage des Internationalen Märchenfilmfestivals Fabulix in Annaberg-Buchholz an, bei dem die Philharmonie wieder mit den Ton angeben wird. Am Wochenende aber werden erst einmal die Geburtstagskonzerte angestimmt: am Samstag im Kulturhaus in Aue, am Montag Theater in Annaberg-Buchholz - jeweils ab 19.30 Uhr. Höhepunkt der konzertanten Geburtstagsfeiern ist das Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur von "Teufelsgeiger" Niccolò Paganini. Solistin: Liv Magdal.

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