20 Jahre "Californication": Gepresste Sonne

Der Klassiker von den Red Hot Chili Peppers gehört mit über 16 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Platten der Rockgeschichte. Das allein macht das Album aber nicht so legendär: Hier kommt die ganze Bandgeschichte ins Spiel!

Zu Beginn der Neunziger sind die Red Hot Chili Peppers eine der aufstrebendsten Rockbands. Ihr Rap-Gesang mit Funk- und Punk-Elementen begründet den Crossover mit und sorgt für einen erfrischenden Kontrast zum destruktiven Grunge. Doch von den ersten drei funkigen, psychedelischen Alben des 1983 gegründeten Quartetts nimmt noch niemand so recht Notiz. Schlimmer noch: Der Herointod von Gitarrist Hillel Slovak und der Ausstieg von Drummer Jack Irons zwingt Sänger Anthony Kiedis und Bassist Flea zum Handeln. In einer Jam-Runde überzeugt Drummer Chad Smith schnell mit seinem Groove. Flea hatte sich in gemeinsamen Sessions mit dem Gitarristen John Frusciante angefreundet und bittet ihn einzusteigen. Dieser lässt dafür angeblich sogar ein Vorspiel bei Frank Zappa sausen - er will eine Rockstar-Karriere, statt in eine schon ruhmreiche Band einsteigen, in der noch dazu Drogen verboten sind. Ein Omen - wie eng der Erfolg der RHCP, wie Fans die Band nennen, mit dem Schicksal des damals 18-Jährigen verbunden ist, soll sich später noch offenbaren.

1989 erscheint "Mother's Milk", ein Album, auf dem die Red Hot Chili Peppers sich von einer rappenden Untergrund-Funk-Kombo in eine Mainstream-Alternative-Rockband transformieren. Mit dem Nachfolger "Blood Sugar Sex Magik" (1991) gelingt ihnen dann der erste meisterliche Schritt, und sie definieren endgültig ihre Trademarks: griffige, komplexe Gitarrenriffs, minimalistisch geslappte Basslinien mit Groovedrums und Kiedis' markiges, immer mal leicht schiefes Sprechgesinge. Das kreative Potential zwischen Sänger und Gitarrengenie zeigt sich in der Klassiker-Ballade "Under The Bridge" und dem Tanzkracher "Give It Away": Das Album verkauft sich 12 Millionen Mal und macht die Peppers zu Stars.

Der Erfolg ist aber zuviel für Mastermind Frusciante, ebenso die Sticheleien der deutlich älteren Bandkollegen: Der junge Gitarrist ist gelangweilt von seiner Musik und flieht ins Heroin. Während der laufenden Tour steigt er aus, Dave Navarro von Jane's Addiction muss übernehmen. Mit ihm nehmen die Red Hot Chili Peppers vier Jahre später das düstere "One Hot Minute" auf - ein Flop! Die Band ist am Ende und hat nur zwei Möglichkeiten: den hochkreativen Ex-Gitarristen zurückzuholen oder Auflösung. Frusciante geht in dieser Zeit durch die Hölle. Seine Freunde Flea und Johnny Depp unterstützen ihn beim Entzug, der 1998 letztlich gelingt. Kiedis und er treffen sich nach sechs Jahren wieder und sprechen sich beim Bummel über den Wochenmarkt aus. Doch neben die Unsicherheit, ob er überhaupt noch so virtuos spielen kann, kommt der Fakt, dass er keine Gitarre mehr besitzt - als depressiver Junkie hatte er im Drogenwahn sein Haus mitsamt den Instrumenten niedergebrannt. Kiedis ging mit ihm in einen Laden und erstand eine 1962er Fender Stratocaster, mit der die erste sanfte Jamsession ein Erfolg wird - der erste Schritt zum Meisterwerk der Bandhistorie: Im Juni 1999 erscheint "Californication" - und schlägt ein wie eine Bombe. Die Platte zeigt sofort Meilensteinpotenzial mit den Red Hot Chili Peppers als Meistern poppiger Melancholie. Allein "Scar Tissue" mit den zarten, luftigen Gitarrensoli ist eine unfassbare Hymne. Die Peppers treffen voll den Nerv der Zeit und spielen ihre größte Welttour. Während Frusciante und Flea jede Möglichkeit zum Jammen nutzen, laufen Singles wie das auf low-key getrimmte "Otherside" und der langsam aufschäumende Rock-Grande "Californication" Gefahr, im Radio totgespielt zu werden.

Dabei ist es vor allem der Klang der Platte, der im Gegensatz zur meisterlichen Musik für Ärger sorgt. Obwohl Frusciante die Produktion akribisch überwachte, gilt "Californication" als prominentes Beispiel für den sogenannten "Loudness War" der späten Neunziger. Die Idee: Damit die Musik im Radio besser ankommt, werden die leiseren Passagen gegenüber den lauteren stärker abgemischt, die Dynamik wird mit Kompressoren gequetscht. Das Ergebnis: Die gefühlte Lautheit eines Liedes steigt, was ihm einen Vorteil vor der Konkurrenz verschaffen soll. Dabei übersteuern aber die Höhen, Klang und Lebendigkeit leiden.

Das Nachfolgealbum "By The Way" (2002) wirkt noch poppiger und melodiöser. Frusciante setzt mit seinem melodiösen Akkordspiel und ausgefallenen, sphärischen Effekten neue Standards. 2006 erscheint das Doppelalbum "Stadium Arcadium", das nicht nur in der gleichen Villa wie "Blood Sugar Sex Magik" aufgenommen wurde, sondern auch alle Musikstile der über 20-jährigen Bandkarriere integriert. Rückblickend ein Abschiedsgeschenk Frusciantes: Der Gitarrist verlässt 2009 die RHCP erneut. Wie sehr seine Kreativität und sein versiertes Gitarrenspiel fehlen, ist auf den beiden verkrampft wirkenden Alben "I'm With You" (2011) und "The Getaway" (2016) zu hören.

Auch zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen ist "Californication" der Band-Gradmesser - und mit 16 Millionen verkauften Einheiten ihr erfolgreichstes Album. Die Red Hot Chili Peppers werden 2008 mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame ausgezeichnet und sind seit 2012 Mitglied in der Rock'n'Roll Hall of Fame. Nahezu alle Auszeichnungen von Grammy bis MTV Award holt die Band aber während ihrer Zusammenarbeit mit Frusciante.

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