Abflug in die Moderne!

Wer seiner Fantasie mal wieder Flügel verleihen will, sollte die Ausstellung "Zukunftsräume" in Dresden besuchen. Sie widmet sich der abstrakten Kunst von Kandinsky & Co. und stellt auch eine bemerkenswerte Dame vor.

Dresden.

Ida Bienert hatte ein Problem. Als Gattin des reichen Mühlenbesitzers Erwin Bienert lebte sie in den 1920er-Jahren in Dresden in einer Gründerzeitvilla, die, gemäß der gesellschaftlichen Stellung der Familie, opulent geschmückt war mit Stuck, Vergoldungen und Vertäfelungen. Das mag andere verzückt haben, nicht aber Ida Bienert. Sie drängte nach moderner Ausstattung! Kein Wunder, liebte sie doch die aufkommende abstrakte Malerei und Gestaltungsideen der progressiven Bauhausschule. Doch Ida Bienert saß in ihrer Villa voll Stuck und Gold. Zugegebenermaßen ein Luxusproblem. Aber manchmal bringen uns selbst die weiter. Auch davon erzählt im Dresdner Albertinum die neue Ausstellung "Zukunftsräume. Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932". Klingt abgehoben, ist es aber nicht.

Die Ausstellung will zeigen, dass die Dresdner beim Thema Kunst nicht immer nur - wie oft behauptet - zurückgeschaut haben. Dass es in dieser Stadt nicht immer nur um die großen alten Meister ging, nicht immer nur um Traditionspflege. Sondern dass sich auch hier, vornehmlich in den 1920er-Jahren, die Tür zur Moderne öffnete.

Es war die Zeit, als die abstrakte Malerei aufkam. Auf den Leinwänden dieser Künstler erschienen immer seltener eindeutig deutbare Szenen, Gegenstände und Menschen, stattdessen wurde verfremdet und vereinfacht, tauchten vermehrt Linien, Kreise und Flächen als Spiel mit geometrischen Figuren auf. Manche dieser Künstler lehrten an der Bauhausschule, in der auch die Zukunft des Wohnens verhandelt und mit Farben und Formen, Funktionalität und Reduktion experimentiert wurde - und nicht mit Stuck und Schnörkel. Die Ausstellung in Dresden nun zeigt rund 180 Werke bedeutender Vertreter der damals neuen Kunst, darunter von Wassily Kandinsky, Paul Klee, Lyonel Feininger, Piet Mondrian, El Lissitzky und László Moholy-Nagy. Mithilfe von Informationstafeln, Texten und historischen Fotos zeigt sie aber auch, wer in Dresden dieser neuen Kunst den Weg ebnete. Es waren aufgeschlossene Kritiker, die darüber schrieben, es waren Kunstsammler wie Ida Bienert, die diese Kunst kauften, und es waren Galeristen, die die Kunst ausstellten und somit der Öffentlichkeit zugänglich machten.

Nun ist es aber auch in Dresden nicht so gewesen, dass sich jeder von dieser Euphorie anstecken ließ, wie in dem sehr informativen Katalog zur Ausstellung nachzulesen ist. Manche ätzten, das sei doch nur kalte Ingenieurskunst, und weil sie keinen gewohnten Inhalt in den Bildern sahen, beschieden sie ihnen Inhaltslosigkeit. Oder meinten spöttisch, ein Kreis sei eben leichter zu zeichnen als ein Hund. Dabei darf man davon ausgehen, dass Kandinsky & Co. Hunde fabelhaft zeichnen konnten. Aber diesen Malern reichte das für einen künstlerischen Ausdruck nicht aus. Wer einen Hund sehen will, kann ihn in natura oder auf einem Foto betrachten, was braucht es dazu die Kunst? Die Kunst, soll Paul Klee einmal gesagt haben, zeigt nicht das Sichtbare, sondern macht sichtbar. Unsere Gefühle zum Beispiel. Unsere inneren Zustände. Unsere Fantasie. Vielleicht auch das, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Jene, die diese abstrakte Kunst damals schon mochten, lobten ihre Auseinandersetzung mit Ordnung und Reduktion. Manche fanden in diesen Bildern Beruhigung, andere Energie. Ida Bienert habe, so schreibt Mit-Kuratorin Heike Biedermann im Katalog, ihre Liebe zu dieser Kunst einmal so erklärt, dass sie in der gegenstandslosen Malerei eine vom Individuellen gelöste, von Nebensächlichem befreite Form fand, die ihr nach Schicksalsschlägen wie dem Tod ihrer Tochter neue Zuversicht gab.

Dabei waren die abstrakt-konstruktiven Bilder von Kandinsky, Lissitzky & Co. keineswegs leicht dahingeworfen. Sie waren durchdacht, nahmen Anleihen bei Mathematik, Naturwissenschaften, Musiklehre. Man muss das als Laie nicht unbedingt verstehen, sondern darf beim Betrachten der Bilder auch einfach nur ihre Kraft spüren und mitnehmen, vorgefasste Vorstellungen im Kopf loslassen, Herz und Sinn fokussieren und die Fantasie fliegen lassen - zusammen mit den in den Bildern gezeigten Balken, Linien und Kreisen, die sich stapeln, aufeinander balancieren oder hinweg schweben. Man darf in den Schiffen, die man sich aus manchen Linien bei Kandinsky denken kann, Platz nehmen und davonsegeln oder bei Klees rot-golden geflutetem Bild "Sonnengold" die Seele hüpfen lassen. Denn auch darum geht es, wie Kandinsky formuliert hat: Farbe kann einen direkten Einfluss auf die Seele ausüben. Zweifellos.

Ein Höhepunkt in der Dresdner Kunstszene damals war die Internationale Kunstausstellung 1926 mit rund 1000 Werken von etwa 460 Künstlern aus 20 Ländern. Die abstrakten Bilder darunter als neue Kunstrichtung sollten außergewöhnlich präsentiert werden. So baute Lissitzky, der sich unter anderem auch der Architektur widmete, einen "Raum für konstruktive Kunst" (der auch als "Raum für abstrakte Kunst" bezeichnet wird). Die Bilder wurden darin weniger dicht gehängt und konnten so größere Wirkung entfalten. Zudem durften Besucher durch verschiebbare Lochbleche an den Wänden einzelne Werke verdecken oder offenlegen und damit entscheiden, welches Werk sie anschauen. Auch gestaltete Lissitzky die Hintergrundwände mit verschiedenfarbigen Lamellen, sodass je nach Standort des Betrachters die Bilder vor andersfarbigem Hintergrund hingen und unterschiedlich wirkten. Dieser Raum wurde für die aktuelle Ausstellung im Albertinum nachgebaut. Allerdings sind darin nicht mehr die Bilder zu sehen, die 1926 dort ausgestellt waren, sie sind zu fragil für den Transport geworden, verschollen oder übermalt. Doch es sind vom Stil her verwandte Bilder angeordnet. Und: Mit einer Spezialbrille können Besucher zu festgelegten Zeiten den Originalraum von einst auch virtuell besuchen.

Dieser Raum also war ein Zukunftsraum. So, wie Ida Bienert wohl auch gern ihre Villa gesehen hätte. Sie beauftragte 1925 Mondrian mit der Gestaltung eines Zimmers der Villa. Die Entwurfszeichnungen sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen. Allerdings wurden die Pläne nie umgesetzt. Es scheiterte wohl auch, so schreibt Heike Biedermann im Katalog, am Geld. Das musste Ida Bienert ihrem reichen Gatten entlocken. Der galt als großzügig, teilte jedoch nicht jeden Geschmack seiner Frau - die aber zumindest einige Änderungen in der Villa durchsetzen konnte. Es gab punktuelle Umbauten im Bauhausstil, manche Zimmer wurden farbig gestaltet und zudem Bauhaus-Möbel aufgestellt. Und so waren die Träume und das Drängen Ida Bienerts auch Mosaiksteine auf dem Weg, der die Künstler von damals weiterführte, bis ihre Kunst etabliert war. Eine Kunst, die unserer Fantasie bis heute Flügel verleihen kann.

Die Ausstellung  "Zukunftsräume" im Albertinum in Dresden ist bis 2. Juni zu sehen. Geöffnet 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen. Die Ausstellung "Tendenz Abstraktion" im Kupferstich-Kabinett Dresden ist bis 12. Mai zu sehen. Dort wird Kandinskys Weg von der gegenständlichen zur abstrakten Kunst gezeigt. Geöffnet 10 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...