Absorbierte Außenseiter bei den Bayreuther Festspielen

Mit einer überraschenden Neuinszenierung der Oper "Tannhäuser" sind die diesjährigen Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth gestartet. Enttäuscht hat dabei aber ausgerechnet der Dirigent.

Bayreuth.

Die Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele am Donnerstag wurde mit Spannung erwartet. Nicht nur, weil mit Tobias Kratzer eines der größten neuen Regietalente für die Inszenierung zuständig war - sondern auch, weil der rastlos in der ganzen Welt dirigierende Russe Valery Gergiev am Pult stehen sollte. Zur Premiere war er zwar pünktlich zur Stelle - hätte aber wohl besser auf das hören sollen, was Christian Thielemann am Tag zuvor beim Festakt zum 100. Geburtstag von Wolfgang Wagner über die Tücken der Akustik im Festspielhaus gesagt hatte.

Nun saß zwar zur Premiere das gleiche Orchester wie beim Chef der Staatskapelle Dresden im Graben: Aber das, was an Gestaltungswillen und Inspiration vom Pult kommen muss, wurde zur Enttäuschung des Abends. Anfangs hatte man noch den Eindruck, dass Gergiev sich bewusst zurückhielt. Doch beim Sängerkrieg im zweiten Akt, der eigentlich das Potenzial hat, dass man ihm auf der Stuhlkante folgt, kam die innere Spannung fast gänzlich abhanden. Den großen Bogen, die Idee, den Willen zu "seinem" Tannhäuser blieb der Russe jedenfalls weitgehend schuldig.

Ganz anders die Sänger. Hier war beisammen, was auf die Bayreuther Festspielbühne gehört. Stephen Gould ist einer der weniger "Nummer-Sicher" Tannhäuser, der jeden Ton beherrscht und mit immer noch imponierender Sicherheit abliefert: Aus der Rom-Erzählung macht er tatsächlich eine vokal und darstellerisch imponierende Studie jener inneren Zerrissenheit, die der Regisseur im Visier hatte. Die kurzfristig eingesprungene Elena Zidkova war der (um Tannhäuser) kämpfenden Dauerpräsenz dieser Venus voll gewachsen. Lise Davidsen hat eine stimmliche Kraft, die für zwei Elisabeths reichen würde: Hier kommt mal wieder eine Wagnerstimme aus dem Norden im Jahrhundertformat! Ihre Partie wäre auch ein klein wenig dosierter noch eine Sensation. Aber nicht nur der Mann im Zentrum und "seine" beiden Frauen - auch alle anderen Akteure sangen auf Festspielniveau. Markus Eiche ist ein vitaler Wolfram ohne Überfeinerung, Daniel Behle ein wohlklingender Walther, und Stephen Milling ein profunder Landgraf, dazu Katharina Konradi ein glockenklarer junger Hirte.

Regisseur Kratzer erlaubt sich gleich zu Beginn einen augenzwinkernden Verweis auf die Vorgängerinszenierung. In einem der der vorzüglichen und passgenauen Videos von Michael Braun sehen wir die Off-Theatertruppe mit Venus, dem traurigen Clown Heinrich, dem kleine Oscar mit seiner Blechtrommel und Drag-Queen Le Gateau Chocolat, die dem Personal der Oper hinzugefügt wurden, im alten Citroën Kastenwagen durch den deutschen Wald und an der echten Wartburg vorbei Richtung Festspielhaus gondeln. Als sie an einer Biogasanlage vorbeikommen, wird deren Firmenschild gerade mit dem Aufdruck "Mangels Nachfrage geschlossen" überklebt - was einen der ersten Lacher am Abend provoziert. Bei Kratzer geht es nicht um den Mann in der erotischen Falle zwischen zwei Frauenbildern, sondern in der zwischen zwei Welten. Ausbruch ins ungebunden Freie hier - Ordnung und "Hochkultur" dort.

Die "Venuswelt" ist also die eines Theaters auf eigene Rechnung: On the road, bunt, unangepasst - aber auch skrupellos: Getankt wird ohne zu bezahlen. Der Uniformierte, der sie stoppen will, wird überfahren. Rast machen sie dann in einem romantischen Wald mit Caspar-David-Friedrich-Kreuz und deutschem Märchengrusel mit Gartenzwergen.

Doch vor allem mit dem Toten hat der mitreisende Tannhäuser ein Problem - kurz vor dem Festspielhaus verlässt er die Truppe, die mit ihrem Wagen dann in der ersten Pause den Teich im Park unterhalb des Festspielhauses entert und krawallig bespielt. Der Sänger, der im Clownskostüm auf der Straße gelandet ist, aber seine Wagnerpartitur noch im Gepäck hat, hat Glück: Er trifft auf die, die oben im Haus die Oper einstudieren, in der sie eh alle gerade mit von der Partie sind. Die Elisabeth-Darstellerin scheuert dem Abtrünnigen zwar eine - aber er darf im getreulich historisch inszenierten Contest mitmachen. Während des Einzugs der Gäste, schleichen sich aber auch Venus und Co. über den Balkon ins Haus. Venus schaltet eine Choristin aus - und mischt sich in deren Kostüm unter die Festgesellschaft.

Die Leiter steht in der zweiten Pause dann tatsächlich draußen am Balkon, und auch das Transparent mit Richards revoluzzerndem Motto "Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Geniessen" hängt. Bei den Polizisten, die sich unters Publikum gemischt haben, weiß man nicht genau, ob sie wegen der Kanzlerin da sind - oder ob es sich um jene Statisten handelt, die am Ende des Sängerwettstreits auf einen Anruf der Festspielchefin (im Video!) hin mit gezogener Waffen die Bühne stürmten, um Tannhäuser abzuführen. Auch eine Weise, um dessen überraschendes "Nach Rom!" umzusetzen! Als die Drag-Queen in dem ganzen Tumult dann eine Regenbogenfahne über die Harfe wirft, fragt man sich unwillkürlich, was wohl Putinfreund Gergiev dabei denkt - wenn er es denn mitgekriegt hat.

Im letzten Akt ist der demolierte Wagen der "Venustruppe" unter einer Werbetafel gestrandet, auf der Le Gateau Chocolat Reklame für Luxus-Uhren macht: Das System hat wieder einmal die Außenseiter absorbiert. Oscar nutzt seine Blechtrommel, um sich was aus dem Glas warm zu machen - und ein Revoluzzerplakat als Klopapier. Was bei der letzten Begegnung von Wolfram und Elisabeth als Sex im Auto hätte schief gehen können, wird zu einem berührend packenden Bild. Er zieht sich die Clowns-Klamotten Tannhäusers über, um bei ihr doch noch zu landen. Als er aber Skrupel kriegt und sich zu erkennen gibt, besteht sie auf der Verkleidung - trauriger gehts nimmer. Am Ende halten Tannhäuser und Wolfram die tote Elisabeth im Arm. Doch auf der Leinwand flimmert ein Film, in dem man Elisabeth und Heinrich hinterm Steuer des Citroën sieht, ins Irgendwo entschwindend: In beiden Welten lässt es sich nur im Traum leben - oder auf der Leinwand.

Kratzer ist eine kluge, sehr heutige "Tannhäuser"-Variante gelungen, wie man sie lange nicht gesehen hat. Und wie sie nach Bayreuth gehört. Im nächsten Jahr wird Axel Kober am Graben stehen. Diesmal viel Bravos und Buhs an der richtigen Stelle.

www.bayreuther-festspiele.de

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