Alarm bei Löschmeister Wasserhose

"Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt" von Hannes Hüttner und Gerhard Lahr ist ein DDR-Kinderbuchklassiker. Ein Team aus zwei Österreichern hat im Auftrag der Chemnitzer Theater daraus eine Oper gemacht. Am Samstag findet die Uraufführung statt.

Chemnitz.

Qualität und grenzüberschreitender Ruhm gehen nicht immer Hand in Hand. So ist das 1969 - vor 50 Jahren - erstmals erschienene DDR-Kinderbuch "Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt" zwar in hiesigen Breiten ein Klassiker und wird bis heute aufgelegt und gelesen. Im Westen allerdings ist es nahezu unbekannt - und erst recht in Österreich. So war es denn auch für den Wiener Komponisten Oliver Ostermann und seinen Landsmann, den Librettisten Alexander Kuchinka, die erste Begegnung mit dem Buch des Zwickauer Kinderbuchautors Hannes Hüttner (1932 - 2014) und des Reichenbacher Illustrators Gerhard Lahr (1938 - 2012), als sie den Auftrag aus Chemnitz erhielten, den Stoff zur Oper zu verarbeiten. "Wir haben aber sofort Zugang zu dem Buch gefunden", sagt Kuchinka. "Es ist zeitlos und überregional und hat mich sofort an die Kinderbücher meiner Jugend erinnert."

Modern sei es insofern bis heute, so Ostermann, als die Sprache stellenweise Comic-Charakter habe und so der Musik entgegenkomme. Nur der Titel folge nicht der österreichischen Sprachmelodie: "Wo man hier sagt ,Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt', würde man bei uns sagen: ,Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt'", streicht Ostermann die unterschiedliche Betonung - und den unterschiedlichen Stellenwert - dieses zentralen Kulturbegriffs in beiden Ländern heraus.

Das Kinderbuch von den Brandschützern um Löschmeister Wasserhose hat eine recht einfache Handlung: Nacheinander werden sie zum Brand vor Oma Eierscheckes Ofen gerufen, danach zum in den zugefrorenen Teich eingebrochenen Emil Zahnlücke sowie in den Tierpark, wo ein umgestürzter Baum den Zugang zu einem Käfig versperrt, in dem Tiere auf ihr Futter warten. Immer wieder, wenn die Kameraden nach festem Ritual ihre Kaffeepause machen wollen, schellt der Alarm, und sie müssen raus.

Die Geschichte kennen Generationen. Mithin kann man auch keine reine Kinderoper mehr darüber schreiben. In solchen Kategorien denken die beiden Österreicher ohnehin nicht. Gerade in der Oper, so Kuchinka, werde das Publikum in seinem Staunen, seinem Mitfiebern und in seiner Freude ein Stück weit wieder zu Kindern. Und Kinder selbst, unterstreicht Ostermann eine alte Theaterweisheit, seien ohnedies ein Publikum, das auf logische Fehler, aber auch auf alles, was nicht gut klingt, sehr kritisch reagiert.

Die beiden sind mithin beim Konzipieren der Oper nach eigenen Worten auch ihrem Geschmack gefolgt: "Wir wollten Musik, die wir selbst gern hören würden", sagt Ostermann, der diese als romantisch, aber leicht und transparent charakterisiert. Knapp zwei Dutzend Streicher, Blech und Holz doppelt besetzt nebst einem vielfältigen, effektvollen Schlagzeugapparat bilden das Orchester.

Ein Zeichen dafür, dass die Musik geglückt ist, sieht der Komponist, der die Premiere und sechs der zehn weiteren Chemnitzer Vorstellungen selbst dirigieren wird, an der Reaktion der Musiker und Solisten. Viele hätten die Proben Melodien aus der Oper pfeifend und summend verlassen, sagt er. Mithin, meint er, habe er offenbar mit seinen Ideen nicht ganz falsch gelegen.

Was auch Kuchinka hinsichtlich seines Librettos hofft. Eine Konstellation wie diese sei insofern delikat, als hier zwei Österreicher versuchen, ein Stück DDR-Kultur zu deuten und dabei, wie ihm bewusst ist, nicht sonst was damit machen können. So sind denn die Veränderungen an der Handlung behutsam und der Umsetzung auf der Bühne dienlich, ohne die Vorlage unnötig zu verfremden: Aus praktischen Gründen - warum, wird man noch erfahren - wird aus Buchfigur Emil Zahnlücke in der Oper eine Emilia. Der Zoodirektor, dem die Oper eine größere Rolle zugesteht als das Buch, bekommt, um mit den beiden anderen "Kunden" der Feuerwehr, Oma Eierschecke und Emilia Zahnlücke, phonetisch eine Dreiheit zu bilden, den Nachnamen Futtersack. Wichtiger wird seine Figur in der Oper auch, weil Librettist Kuchinka, der auch die Regie führt, die linear erzählte Geschichte zum Kreis formt: Die Oma, die kleine Schlittschuhläuferin und den Zoodirektor verbindet etwas. Die Feuerwehreinsätze hindern die drei daran, ein gemeinsames Vorhaben umzusetzen, das am Ende dann doch gelingt. Und das alles hat Tempo: "Wir gehen die Sache mit filmischem Auge an", sagt Kuchinka, der auch Regie führt und eine turbulente, unterhaltsame und spannende Inszenierung verspricht.

So realitätsnah die erzählte Geschichte auch grundsätzlich ist, so fantasievoll hat Alexia Redl sie ins Bild gesetzt: Die Feuerwache im Zentrum der Mal um Mal in Rotation befindlichen, wie eine Telefonwählscheibe gestalteten Drehbühne sieht aus wie ein überdimensionaler Hydrant inmitten einer Spielzeugstadt. Wichtige Requisiten wie das Telefon und das Feuerwehrauto verkörpern lebende Darsteller. Bevölkerung und Zootiere stellt großenteils der Kinder- und Jugendchor der Oper Chemnitz, den auf der Bühne Mitglieder der Statisterie sowie der Opernballettschule verstärken.

Überhaupt zeigen sich Kuchinka und Ostermann beeindruckt von dem Apparat, den die Chemnitzer Oper in Gang gesetzt hat, um ihre Visionen auf die Bühne zu bringen. Und auch wenn sie wissen, was am Mittwoch vorvergangener Woche, als sie mit der "Freien Presse" sprechen, noch an Probenarbeit vor ihnen liegt, wirken sie bei alldem gelöst und entspannt. Noch keine Gelegenheit haben die zwei Gäste aus der Heimat der "Mehlspeis'" nach eigenem Bekunden jedoch zu diesem Zeitpunkt gehabt, das neben der Stulle (Ostermann: "Wir wussten erst nicht, was das ist. Bei uns nennt man das Jausenbrot.") zentrale essbare Requisit der Inszenierung zu kosten: die Eierschecke. Es sei aber ihre feste Absicht, das noch vor der Uraufführung nachzuholen.

Qualität und grenzüberschreitender Ruhm - das Thema hat schon Erich Kästner beschäftigt: "Die Eierschecke ist eine Kuchensorte, die zum Schaden der Menschheit auf dem Rest des Globus unbekannt geblieben ist", soll er gesagt haben.

Der zweite Teil des Satzes dürfte auch auf das in Chemnitz zur Oper verarbeitete Kinderbuch zutreffen.

Die Uraufführung der Oper "Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt" findet am 2. November, 18 Uhr, in der Oper Chemnitz statt. Sie ist fast ausverkauft. Weitere 18-Uhr-Vorstellungen am 6. Dezember sowie am 10.und 18. Januar 2020. 15-Uhr-Termine am 26. Januar und 29. März. Ab 11 Uhr wird die Oper am 14. November, 6. Dezember gespielt, ab 10 Uhr am 30. März, am 11. und 12. Mai sowie am 10. Juni 2020. Kartentelefon 0371 4000430 www.theater-chemnitz.de

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