All diese schmerzhaften Momente

Missverstanden, vereinnahmt und jederzeit neu lesenswert: Vor 120 Jahren wurde Schriftstellerin Anna Seghers geboren. Nicht nur ein Preis trägt ihren Geist ins Heute.

Berlin.

Sie hat geschwiegen. Seit der Wende klebt dieser Vorwurf an Anna Seghers, dieser Weltschriftstellerin der DDR: als dem Chemnitzer Kommunisten, Defa-Mitbegründer und mutigen Aufbau-Verleger 1957 von den eigenen Leuten als "Konterrevolutionär" der Prozess gemacht wurde. Als man 1979 kritische Autoren wie Stefan Heym, Klaus Schlesinger oder Rolf Schneider aus dem Schriftstellerverband, den sie so viele Jahre vor Hermann Kant geleitet hatte, ausschloss. Schon galt sie als "systemtreu". Ausgerechnet Seghers, als Jüdin und Kommunistin vor den Nazis geflohen. Seghers, die in der Immigration des Zweitens Weltkriegs mit Weltliteratur wie dem "Siebten Kreuz" die Stimme erhob, wo Thomas Mann und andere schwiegen. Seghers, die stets nach einer genauen, richtigen Perspektive suchte zwischen all der unfassbaren Brutalität einerseits, der aber auch nie ganz erlöschenden Barmherzigkeit andererseits in ihrem Heimatland.

Am 19. November vor 120 Jahren wurde sie als Netti Reiling in Mainz geboren. Das Pseudonym Seghers, anfangs ohne Vornamen, sollte bei den ersten Werken verschleiern, dass da eine Frau schrieb, mit klarem, harschen Herz. Früh trat sie der kommunistischen Partei bei, floh vor der Gestapo erst in die Schweiz, dann nach Frankreich, dann Mexiko. Geschwiegen? Sie hat den Mund immer und immer wieder aufgemacht, wenn sie glaubte, etwas sagen zu können. Erzählen, so sagte sie einmal ihrer Freundin Christa Wolf, könne man nur, was man schon verwunden habe. Nichts aber, was noch in einem glüht.

Und geglüht hat es in Anna Seghers, die sich nach 1945 für die DDR entschied, für den echten Neuanfang unter harten Bedingungen, unter Trommelfeuer: Wie konnte es sie da verwinden, dass sich ihre Leute gegen ihre Überzeugungen stellten? Dass sich die neue Freiheit unter dem blinden, auch unfähigen Druck zu verformen begann, mit der sie geschützt werden sollte - vor äußeren Attacken wie auch dem fraglos noch fruchtbaren Schoß? Ließt man ihre Bücher heute, findet man bemerkenswerte Reflexionstiefe, einen neugierigen Blick zwischen die Fronten, und bei einiger Bitterkeit immer auch so viel Hoffnung. Seghers starb 1983 in Berlin. Sie wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte beigesetzt.

Mit den Einkünften aus ihrem Werk, so hat sie es verfügt, sollen Nachwuchsautorinnen und -autoren gefördert werden. Die diesjährigen Träger sind eben bekannt gegeben worden: Die kroatisch-schweizerische Autorin Ivna Zic und der Argentinier Hernán Ronsino teilen sich die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung, die am heutigen Freitag im Berliner Brechthaus verliehen wird - per Youtube-Übertragung. Die Preisträger werden aus Buenos Aires beziehungsweise Zürich zugeschaltet.mit epd

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