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Alles fließt: Leipziger Ballett glänzt mit neuem Ballettabend

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Die Premiere des dreiteiligen Stücks "Marin/Schröder" an der Oper vom Sonntag zeigt überraschende wie herausragende Bilder.

Es hat gedauert, aber endlich hat es mit der eigentlich nahe liegenden Kooperation geklappt: Die Premiere des neuen Ballettabends an der Oper Leipzig vom Sonntag ist zugleich der Abschluss des sächsischen Euro-Scene-Theaterfestivals. Nach der "Dollarprinzessin" an der Musikalischen Komödie und Lortzings "Undine" in der Oper ist der zugleich der Abschluss des Auftakt-Dreiers von Tobias Wolf, Intendant der Oper Leipzig.

Den Titel für den Ballettabend liefern die beiden kreativen Köpfe hinter dem Dreiteiler: die französische Choreografinnen-Legende Maguy Marin (geboren 1951) und Mario Schröder, Ballettchef an der Oper Leipzig. Es ist ein Dreiteiler, für den sie zwei kleine Arbeiten reanimiert und er eine neue geschaffen hat.

"Duo d'Eden" aus dem Jahr 1986 ist zu einem Klassiker von Marins Schaffen avanciert. Es ist ein knapp viertelstündiger Prolog des Abends, der zugleich wie ein Prolog zu Allem wirkt. Der Titel outet die beiden Tänzer als Adam und Eva (Itziar Ducaju und Marcelino Libao). Zwei maskierte und stilisiert nackte menschliche Körper, aufeinander bezogen, verschlungen, sich tastend annähernd, eins werdend. Noch vor jeder Emanzipation des Weiblichen vom Männlichen, eher am Beginn von dessen Dominanz. Kraft bestimmt die Regeln. Die ersten Schritte aus dem Paradies in einen Raum noch ohne Kontur und ohne Musik. Die Natur selbst liefert den Sound. Plätscherndes Wasser, Donnergrollen - das Raunen einer archaischen Urmusik. Das ist in dieser Reduktion ungemein spannend und ein Prolog zum Tanz überhaupt.

Für die folgende "Große Fuge" (nach Beethoven in einer Fassung für Streichorchester von Felix Weingärtner) steuern Matthias Foremny und das Gewandhausorchester die Musik bei. Natasa Dudar, Madoka Ishikawa, Diana Sandu und Vivian Wang machen die auf der Bühne gleichsam klassisch sichtbar. Jede für sich, und doch immer wieder in synchronen Bewegungsabläufen mündend, wieder zerfallend und auf ihrer Autonomie bestehend. Sie entfesseln eine Dynamik mit Inseln von Ruhe, Vorwärtsdrängen und Innehalten. So werden mit musikalischem Instinkt für die Bewegung Assoziationsräume geöffnet.

Den Clou des Abends freilich liefert Hausherr Schröder mit seiner Kreation "Panta Rhei", das mit "alles fließt" übersetzt werden kann. Für deren faszinierende Wirkung sind die Bühne von Paul Zoller und dessen Ausleuchtung (Michael Röger) geradezu konstituierend. Einen so in sich stimmigen, den eigenen Gesetzen gehorchenden Kunst-Raum in Schwarz und Rot hat man lange nicht auf einer Bühne gesehen. Hier waltet eine ästhetische Souveränität jenseits jedes Naturalismus, wie sie etwa Robert Wilson zelebriert. An der Rampe bewegt sich ein Objekt hin und her, das an Dalis zerlaufende Uhr erinnert. Eine Pflanze wächst im Zeitraffer. Ein Tuch wird wie ein Zelt nach oben gezogen und stürzt immer wieder in sich zusammen. Zwei rote Neostreifen bewegen sich wie Gestirne. Über alldem schwebt ein riesiges, transparentes Zwölfeck. Allein diese Bühne ist ein dynamisches Kunstwerk. Für seine fabelhaft zwischen konzentriert und spielerisch changierende Truppe hat Schröder Musik von Bach und Pascal Dusapin kombiniert. Die Kunst der Fuge (Contrapunctus 1-4) im Streichorchesterformat liefert dem geordnet Formalen die Vorlage; Dusapin den Impuls für explodierende Emotion. Dass der Franzose sich auf Oper versteht, hat er gerade im Sommer in Aix-en-Provence mit einer Dante-Oper bewiesen. In Leipzig kann man erleben, wie bewegungsaffin seine flutende Musik sein kann. Für Schröder eine Inspiration für seine bislang vielleicht verblüffendste und originellste Arbeit. Befreit vom Korsett einer erzählten Geschichte legitimiert sich jede Bewegungskombination aus der Musik und führt ihre eigene Zwiesprache mit dem Raum. Das ist so fantasievoll wie witzig. Vom Surfen auf einem Körper, der sich auf Menschen bewegt, die unter ihm abrollen, bis hin zum angedeuteten Hüftschwung zu gezupften Streichern. Das Changieren zwischen Bachscher Formenstrenge und Dusapins dringlich alarmistischen Tonfluten zu einer fantasievoll explodierenden Bewegungssprache füllt so wie von selbst den kongenialen Kunstraum. Und krönt so einen in jeder Hinsicht hochkarätigen Abend!

Nächste Vorstellungen sind am 19. November, 11. und 16. Dezember zu sehen.
 

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