Alles ist erleuchtet

Neoklassik-Musikerin Lisa Morgenstern gilt als eines der größten deutschen Talente ihres Genres: Die Sängerin, Pianistin und Komponistin aus dem Vogtland zeigt mit ihrem neuen Album "Chameleon" aber vor allem, welche verborgen Überraschungen noch in ihr schlummern.

Reichenbach/Berlin.

Selbst tiefen Gewissheiten tun Bestätigungen mitunter gut. Insofern waren die letzten Monate für Lisa Morgenstern ein Segen: Die junge Vogtländerin konnte ihre Musik bei mehreren Europa-Konzerten des Neoklassik-Stars Ólafur Arnalds im Vorprogramm aufführen. "Diese Momente, in denen ich spüren durfte, wie stark das Publikum in diesen riesigen Sälen meine Sachen angenommen hat, da wusste ich: Genau das will ich machen. Also, das wusste ich natürlich vorher schon, aber plötzlich fühlte es sich wieder so richtig an", sagt sie. Da hatte sie bereits einen gewichtigen Mentor überzeugt: Arnalds, der auf seiner Welttour zum Album "Re:Member" aus Prinzip eigentlich auf ein Vorprogramm verzichtet, machte für Lisa Morgenstern eine Ausnahme - nachdem er ihre Musik vor einiger Zeit auf Facebook für sich entdeckt hatte.

Das hatte vor allem bei seinem Label, dem Major Mercury, für Aufmerksamkeit gesorgt: Neoklassik gilt in der Branche als Wachstumsmarkt, da Genrekünstler wie Nils Frahm oder eben Arnalds die Tiefe klassischer Musizierweise mit der popkultureller Zugänglichkeit verbinden. Lange verhandelte das Label daher um die Rechte, Lisa Morgensterns zweites, bereits seit einiger Zeit fertiggestelltes Album "Chameleon" veröffentlichen zu dürfen. Die Musikerin entschied sich letztlich aber dagegen - zu ungünstig waren ihr die Bedingungen. Nun bringt Morgenstern die vom argentinischen Neoklassik-Cellisten Sebastian Plano bemerkenswert reduziert und dennoch weitspannend produzierte Platte selbst heraus.

Der eigene musikalische Weg der jungen Frau begann 2010 im vogtländischen Reichenbach, wo die Tochter zweier Orchestermusiker ihr Abitur ablegte. Ballettausbildung und ein Klavierunterricht, der ihr immerhin einige Meriten bei "Jugend musiziert" brachten, füllten Lisa Morgenstern nicht aus: Sie begann, eigene Piano-Miniaturen für ihre beeindruckende Multioktavenstimme zu komponieren, angesiedelt irgendwo zwischen klassischem Lied und dunkelromantischen Stücken aus der Gothic-Szene, in der sie sich mitunter verfing. Am Laptop fügte sie erste elektronische Experimentalteile hinzu, angeregt vom damals neuen "Soap&Skin"-Projekt der österreichischen Musikerin Anja Plaschg. Einem Studium verweigerte sich Morgenstern: Sie wollte sich frei entwickeln, begann in einem Tonstudio eine Lehre und grub sich auf Orientierungssuche nebenbei in besagte Subkultur ein.

Im Ergebnis entstand 2013 das Debütalbum "Amphibian", das oft düstere Gemütslagen spiegelt - aber auch schon den starken Willen zeigt, sich nicht in Szeneschablonen fesseln zu lassen: Lisa Morgenstern schöpfte auf der Platte aus ihrem großen Können als klassische Pianistin, rang den kraftvollen Tiefen ihrer markanten Stimme zahllose schimmernde Facetten ab und näherte sich dabei mehr einer Art weltmusikalischem Chanson mit großem Chopin-Charme, der unter aller Melancholie den lebhaft schimmernden Willen zur Freudenkraft nicht unterdrücken konnte.

Es folgte ein Bruch: Die Vogtländerin zog nach Berlin, hielt sich mit Musikunterricht und kleinen Studiojobs über Wasser, immer das Ziel eigener Musik vor Augen. Auf Basis ihrer eher strikt durchkomponierten Stücke, die sie für "Chameleon" ansammelte und aufnahm, entwickelte sie in Konzerten parallel ein Händchen für elektronische Klänge, die sie mit analogen Synthesizern erzeugt und live ganz ohne Computersteuerung bändigt. "Das erhöht natürlich die Gefahr, das etwas schiefläuft. Aber das immer etwas schiefläuft ist ja auch eine große Chance", sagt sie. Dass ihr zweites Album so lange unveröffentlicht in der Schublade schlummerte, macht die Platte zu einer Art Katapult: Die Stücke zeigen Lisa Morgenstern auf dem Weg, lassen den Hörer miterleben, wie die Künstlerin sich zwischen Neoklassik, Ambient und immer wieder aufschimmernder Weltmusik quasi häutet, neu findet, selbst immer wieder durchleuchtet. Und überall strahlt, wo es hingehen könnte - ein einziges Faszinosum! Wie sie das Licht in ihr Leben lässt, zur Koexistenz mit ihren Dämonen findet und aus Spannungsverhältnissen freudige Kraft und innere Ruhe zu schöpfen lernt. Vor allem ihre Stimme, die zwischen Kate Bush und Soap&Skin einfach alles mit einer unfassbar prägnanten Leichtigkeit zu können scheint, ergreift den Hörer stets aufs Neue.

Dass Morgenstern im Konzerten mittlerweile weiter ist als auf den "Chameleon"-Aufnahmen, die am kommenden Freitag veröffentlicht werden, liegt unter anderem an einem weiteren Betätigungsfeld: Seit einiger Zeit singt die Künstlerin im Chor der Bulgarian Voices Berlin. Dort hat sie nicht nur die Heimatklänge ihrer Mutter für sich quasi wiederentdeckt, sondern auch entfesselt, was wohl schon lange in ihr schwang: "Diese Musik ist so voller gewaltiger Emotionen, so lebensfroh, leuchtend und doch auch auf ungewöhnliche Weise traurig, das entspricht mir sehr. Es ist ein großes Glück, das entdecken zu können", sagt Lisa Morgenstern: Künftig wird das Bulgarische neben der Elektronik stärker in ihr Werk einfließen.

Im Konzert Lisa Morgenstern tritt am kommenden Samstag, dem 27. April in der Dreikönigskirche Dresden mit der Record-Release-Show ihres neuen Albums "Chameleon" auf. Am 16. Juni ist sie in Mannheim beim Mayfeld Derby, am 8. August in Rees beim Haldern Pop und am 20. September in der Elbphilharmonie Hamburg beim Reeperbahn-Festival.

www.lisa-morgenstern.com

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