Allrounder in Gottes Namen

Zwischen Bach-Oratorium und Gospel-Chor, zwischen Profis und Laien, Jungen und Alten - Kantoren bewegen sich auf weitem Feld und bringen Musik in die Kirchgemeinden. Doch das wird immer schwieriger.

Konzentrierte Stille herrscht an diesem unspektakulären Dienstagabend im kleinen Probenraum der evangelischen Kirchgemeinde Mölkau im Leipziger Speckgürtel. Dann gibt Michael Kreibich den Einsatz; samtene Töne finden sich zu einem sanften Klang. So gemischt wie die Register der Blockflöten sind auch Herkunft und Generationen ihrer zehn Besitzer: Zwischen 30 und 70 Jahre sind die Laien alt, und sie kommen gerne hierher, das kann man spüren. Kantor Kreibich, ihr Chef für eine Stunde, gibt klare Anweisungen, scherzt zwischendurch, probt mit Ernst und Eifer, aber ohne Strenge.

Noch ist das Alltag in vielen sächsischen Dorfkirchgemeinden. Abseits der großen Stadtkirchen geben viele Kantoren so wie Kreibich in der kulturellen Peripherie Musikunterricht, leiten klassische Kirchen-, Kinder- und Posaunenchöre, Bands oder Gospelgruppen. Familienfreundlich ist das für die Kantoren nicht, die Arbeit findet in der Regel nachmittags, abends und natürlich am Wochenende statt: Jeden Sonntag ist Gottesdienst, oft in verschiedenen Kirchen, sie spielen zu Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Und sie organisieren, finanzieren und bewerben ihre selbst dirigierten Konzerte, die oft das einzige Kulturangebot fernab der urbanen Zentren sind.

"Wir erfüllen die musikalischen Aufgaben, aus denen sich die staatliche Bildungspolitik zurückgezogen hat, und sind oft die letzten Orte, an denen diese musikalische Grundausbildung überhaupt noch stattfindet", ist Michael Kreibich überzeugt. Dabei geht es ihm nicht um Missionierung, wie den Kirchen oft unterstellt werde, sondern um das Ausfüllen einer pädagogischen Lücke. "Zu mir kommen auch Atheisten", sagt der Lausitzer aus der Nähe von Bautzen, der selbst aus einem nichtkirchlichen Elternhaus stammt. In seinem Spatzenchor singen derzeit acht Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren: Davon sind nur vier evangelisch getauft, zwei sind katholisch, zwei konfessionslos. "Sie kommen einfach, weil sie singen wollen, weil ich ihnen Geschichten und Märchen erzähle, weil wir auch weltliche Musik machen und weil sie sich hier geborgen fühlen."

Gerade in Sachsen ist der Musikunterricht ein Sorgenkind: Erst fiel die Hälfte der Stunden aus, dann wurde der Lehrplan gekürzt, und die musikalische Ausbildung, die noch zu DDR-Zeiten bei Kitapersonal obligatorisch war, spielt heute kaum noch eine Rolle. Dabei ist der pädagogische Wert von Musikerziehung für Kinder und Jugendliche unter Wissenschaftlern längst unumstritten. In Mölkau und anderswo müssen daher die Kirchgemeinden dafür einspringen.

Aber die Idylle der kulturellen Basisarbeit trügt. Denn der Fachkräftemangel ist auch bei den Kirchenmusikern angekommen - nicht nur in Sachsen, sondern bundesweit, wo demnächst ein Generationenwechsel ansteht: Obwohl die Mitgliederzahlen auch in Zukunft kontinuierlich zurückgehen, Gemeinden zusammengeschmolzen und Stellenpläne erheblich gekürzt werden, können Hochrechnungen zufolge in den nächsten zehn Jahren von den 1900 hauptamtlichen Stellen in den evangelischen Kirchgemeinden Deutschlands wohl 200 nicht wieder besetzt werden. In Sachsen sind jetzt schon von den etwas mehr als 150 Stellen zehn unbesetzt, teilweise seit Jahren wie etwa im erzgebirgischen Eibenstock. Inzwischen bewerben sich die Kirchgemeinden bei den Absolventen und nicht umgekehrt.

Ohne die rund 200 Kirchenmusiker im Nebenberuf, die wie Michael Kreibich mit dürftig bezahlten Teilzeitverträgen die kleinen Gemeinden retten, hätte die kulturelle Landkarte noch viel mehr weiße Flecken. Der 31-Jährige macht dafür auch die sächsische Landeskirche selbst verantwortlich, die es versäumt habe, den Beruf attraktiver zu machen. "Viele 70-Prozent-Stellen sind mit 100 Prozent Arbeit angefüllt. Das ist sehr wenig Geld dafür, dass man eigentlich fast täglich arbeitet, meistens auch sehr zerstückelt über den Tag verteilt", sagt Kreibich. Dafür müsse man wie jeder andere Berufsmusiker auch seit der Kindheit eine jahrzehntelange Ausbildung durchlaufen. Erst in der letzten Zeit hat ein Umdenken eingesetzt, werden mehr hauptamtliche Kirchenmusiker berufen, die zwar ein größeres Gebiet abdecken müssen, aber davon leben können.

Der Grund für die Misere ist aber auch: Es werden schlicht zu wenige Kirchenmusiker ausgebildet, denn das Curriculum ist wegen des notwendigen Einzelunterrichts extrem teuer. "Bei den sechs von der evangelischen Kirche getragenen Musikhochschulen und den 17 kirchenmusikalischen Instituten ihrer staatlichen Pendants gibt es insgesamt nur 380 Plätze", sagt Sachsens Landeskirchenmusikdirektor Markus Leidenberger. Das wird vorn und hinten nicht reichen. Dabei erwägen die durch den erheblichen Mitgliederschwund in Sparzwänge geratenen Landeskirchen sogar, ihre eigenen Hochschulen zu verkleinern, zu fusionieren oder gar ganz zu schließen. "Aber das wäre ein Schuss ins eigene Knie, weil diese Einsparung die Schrumpfung der Kirchgemeinden beschleunigen würde, deren kulturelles Zentrum die Musik ja ist, wo die Menschen noch zusammenkommen", so Leidenberger.

Auch für die Dresdner Kirchenmusikhochschule, an der sich Michael Kreibich per Fernstudium zum nebenamtlichen Kantor ausbilden ließ, gab es inzwischen abgewendete Fusionsüberlegungen. Aber die Lage bleibt angespannt, wenngleich es Konsens ist, die Zahl der Studienplätze wenigstens zu erhalten. Im Frühjahr soll in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland immerhin der Vorschlag eingebracht werden, alle 20 Landeskirchen solidarisch an der Finanzierung der sechs Kirchenmusikhochschulen zu beteiligen. Parallel werden in Dresden, wo derzeit inklusive aller Weiterbildungen gerade einmal 70 Studenten gezählt werden, Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der staatlichen Musikhochschule geprüft, um Synergien nutzen und so die Qualität der Ausbildung langfristig garantieren zu können. Die Frage ist deswegen delikat, weil der Freistaat Sachsen auf der Grundlage eines Vertrages aus den 90er-Jahren schon die Theologenausbildung an der Leipziger Universität bezahlt. Würde nun auch noch die Musikerausbildung kofinanziert, wären Verhandlungen notwendig. Aber selbst wenn sie erfolgreich wären, ist an eine Ausweitung des Lehrbetriebs zur Sicherung des kirchenmusikalischen Nachwuchses gar nicht zu denken.

Sachsen-Anhalt indes hat den Wert der Hallenser Kirchenmusikhochschule, an der sich Michael Kreibich nun zum hauptamtlichen Kirchenmusiker ausbilden lässt, längst erkannt. "Knapp die Hälfte unseres Budgets steuert das Land bei", zeigt sich Rektor Peter Kopp dankbar. "Es wird wertgeschätzt, dass unsere Ausbildung wichtig für die Gesellschaft ist, denn das Berufsbild des Kantors hat sich vom bloßen Lob- und Dankpreis zum Allrounder gewandelt, der musikalisch zwischen Bach-Oratorium und Gospel zu Hause sein und überdies pädagogisch und organisatorisch viel abarbeiten muss."

Ein sehr motivierendes Bild für den Erstsemester Michael Kreibich: "Die Vielfalt ist entscheidend: Ich bin Vertrauensperson und Autorität, Kultur- und Wertevermittler, aber auch gleichberechtigt in der Verkündigung." Dass er rund um die Uhr mit Menschen zu tun hat, ist für Kreibich das Spannendste an seinem Beruf: "Bei mir kommen verschiedene Generationen zusammen, die außerhalb ihrer Familien vermutlich nie aufeinandertreffen würden." Zudem rede einem Kantor in Repertoire, Lehrplan oder Aufführungspraxis niemand herein: "Diese Autonomie ist viel wert, und das Spektrum der Aufgaben ist viel breiter, als es ein Orchestermusiker je erlebt."

Der Probenraum leert sich schnell, Michael Kreibich angelt sich den beeindruckenden Schlüsselbund für alle Gotteshäuser, die seine Welt sind. Bevor morgen der Kirchenchor zur Probe kommt, hat der Kantor noch einen Termin mit dem Glockengießer, denn das Läutwerk gehört als Musikinstrument genauso zu seiner Verantwortung. Jetzt aber schnell nach Hause! "Ich muss noch für die Hochschule Klavier üben", sagt er lachend. Man sieht, Michael Kreibich wird nie langweilig. Endlich ist es dunkel in der Mölkauer Kirche.


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