Als der Graf katholisch wurde

Vor 150 Jahren konvertierte der in Wechselburg residierende protestantische Carl von Schönburg- Glauchau zum Katholizismus. Ein in seiner Härte heute kaum nachvollziehbarer Kulturkampf folgte, der in Sachsen beträchtliches Aufsehen erregte.

Wechselburg/Rom.

"Graf unter Polizeischutz", "erhebliche Unruhe in konservativen protestantischen Adelskreisen", "Untertanen verweigern Kirchengebet" - so lauten zeitgenössische und spätere Einlassungen über die Lage in den Schönburgischen Herrschaften um das mittelsächsische Wechselburg. Denn am 19. März 1869 hatten der protestantische Graf Carl von Schönburg-Glauchau (1832-1898) und seine Gattin Adelheid, eine fränkische Gräfin von Rechteren-Limpurg-Speckfeld, das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt. Die Konversion des Sprosses einer so bedeutenden sächsischen Familie, Landtagsmitglieds und Ehrenritters des Johanniterordens war ein Skandal ersten Ranges in einem Stammland der Reformation.

Dies lag auch daran, dass Carl, als er aus Rom an die Zwickauer Mulde zurückkehrte, einen Hausgeistlichen für die bis dato evangelische Schlosskirche mitbrachte. Es beruhigte die Gemüter wenig, dass er aus dem Orden austrat und auf Rechte zugunsten von weiter protestantischen Mitgliedern des Gesamthauses Schönburg verzichtete: Anstoß nahm die protestantische Seite daran, dass "die Hauskapläne aus der Schloßkirche unter der Hand eine öffentliche katholische Kultusstätte zu machen und das Recht der evangelischen Kirche an ihr stillschweigend zu beseitigen suchten". Dabei hatte bereits Carls protestantischer Vater Alban das Gotteshaus auch für regelmäßige katholische Gottesdienste geöffnet. Carls Schwester war schon 1859 katholisch geworden, das Gotteshaus in Familienbesitz, und die evangelische Pfarrkirche St. Otto liegt nur einen Steinwurf entfernt. Öffentliche katholische Messen, etwa für Zuwanderer, waren lange tabu. "Das wurde", so der evangelische Kirchenhistoriker Klaus Fitschen von der Uni Leipzig, "erst nach jahrzehntelangen Verhandlungen und heftigen Debatten im Landtag genehmigt." "Rekatholisierungsversuche" wurden in Sachsen scharf bekämpft - für die katholische Seite wiederum galt jeder Übertritt als propagandistischer Gewinn. Noch ab etwa 1895, so der katholische Historiker Heinrich Meier 1988, spitzte sich die Lage in Wechselburg weiter zu. Etwa seit 1879 hatte es im gräflichen Schlosspark Prozessionen an katholischen Feiertagen wie Fronleichnam gegeben, die zunächst kaum Widerspruch auslösten, schreibt Meier. Da es wohl aber die einzigen unter freiem Himmel weit und breit waren, stieg der Zustrom der Gläubigen. Behördlich genehmigt war die Teilnahme an solchen Prozessionen aber nur der gräflichen Familie und dem "Hausstand". Da die Bestimmung wiederholt unterlaufen wurde, verbot die Leipziger Kreisdirektion für Fronleichnam 1900 allen "Auswärtigen" den Zutritt zum Schlosspark. Dass es sich um mehr als eine Posse handelte, zeigt der Aufwand, den man betrieb, um der Anordnung Geltung zu verschaffen: Fünf Gendarmen überwachten die Einhaltung, dem Grafen wurden 100 Mark Strafe für jede einzelne Übertretung angedroht. Erst später einigten sich die Schönburger und das Kultusministerium; öffentliche Messen durften dann stattfinden.

1945 wurde mit Enteignung und Flucht der Familie zwar deren Wirken in der Region unterbrochen, nicht aber das katholische Leben, das sie auch mit einer Schulgründung gefördert hatten. Die ehemalige Schlosskirche ist seit DDR-Zeiten Pfarr- und seit 1993 auch Klosterkirche. Joachim von Schönburg, nach der Wiedervereinigung für die CDU Bundestagsabgeordneter der Region, wurde 1998 darin beigesetzt. "Die Konversion spielt für uns eine große Rolle", sagt dessen Sohn, der 1969 geborene Alexander von Schönburg. Für den Journalisten, aktuell einer der Textchefs der "Bild"-Zeitung, bleibt Wechselburg "geistiges Zuhause"; sein ältester Spross ist in der Basilika getauft worden. Im Gedenken an die im Januar verstorbene Schwester Alexanders, Maya von Schönburg-Glauchau, werden Angehörige am 18. März, dem Vorabend des Jahrestages der Konversion, in der einstigen Schlosskirche zu einem Gottesdienst zusammenkommen. Und die Zeiten ändern sich: Während sich schon vor Jahren Wechselburger Laienschauspieler dem Ereignis von 1869 beim traditionellen Marktfest widmeten, singt nun der ökumenische Kirchenchor im Gottesdienst. Dass aber heute in Wechselburg Mönche leben und die Kirche als erste Ostdeutschlands vom Papst den Ehrentitel "Basilica minor" erhalten hat, kann als Folge der Konversion des Grafen vor 150 Jahren gelten.

Gedenkgottesdienst Im Gedenken an die im Januar verstorbene Maya von Schönburg-Glauchau, Schwester von Alexander von Schönburg und Gloria von Thurn und Taxis, findet am 18. März, dem Vorabend des Konversionsjubiläums, ein Gottesdienst statt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...