Alte Räder, große Gefühle

In nunmehr 20 Jahren hat sich die Band Asp zum Top-Aushängeschild der deutschsprachigen schwarzen Szene gemausert. Gekleidet in düsteren Gothic-Rock, sind es vor allem die lyrischen Welten von Mastermind Alexander "Asp" Spreng, die eine große treue Fanschar begeistern - gern in Erzählzyklen über mehrere Alben.

Nimmt man einen Baukasten mit klassischen "Grufti"-Klischees und beginnt zu basteln, kann es gut sein, dass dabei Asp und seine Fans herauskommen: Bleiche Gesichter, mit schwarzem Kajal morbide verziert, schwarze Lederkluft. Klassischer Gothic-Rock, mal balladesk getragen, mal brachial dem Metal winkend, verziert wahlweise mit düsteren Synthie-, tanzbaren Folk- oder melancholischen Klassik-Elementen. Dazu Lyrik, die sich in Geschichtenreichtum und Hintersinn ergeht und dabei fachgerecht die erogenen Sprachzonen der Schwarzen Szene kitzelt. Ergebene Fans, die sich textsicher und tanzend ihrem Weltschmerz hingeben. Das sind natürlich zunächst oberflächliche Zuschreibungen, die jedoch eine Band wie Asp so stilsicher zu nutzen weiß, wie nur wenige ihres Genres. Diese ästhetische Konsequenz führt zu Verehrung auf der einen und belächelndem Abwinken auf der anderen Seite. Namensgeber und Mastermind Alexander "Asp" Spreng sind sowohl die "Abwink-"Seite als auch Szene-Schubladen egal: "Ich mache Musik mit Leidenschaft und der Freiheit, an vielen Geschmäckern vorbeizuproduzieren." Obwohl sich der Sänger laut eigenem Bekunden selbst kaum mehr in der einstigen Subkultur bewegt und sich auch nicht anmaßen möchte, zu wissen, "wie die so ganz genau tickt", zählt seine Band seit nunmehr 20 Jahren zu den mittlerweile bekanntesten deutschen Vertretern der "Schwarzen Szene". Gleichzeitig behält Spreng insofern Recht, als man hierbei ein klares Alleinstellungsmerkmal geschaffen hat: Asp ist der Geschichtenerzähler der Szene, seit jeher folgt seine stark konzeptionelle Arbeit thematischen Zyklen, die sich meist über mehrere Alben spannen. Insofern waren Asp nie die große Hit-Schmiede, sondern eher unermüdlich arbeitende Gesamtwerk-Enthusiasten. Prägend für Kult und Karriere waren hierbei zwischen 2000 und 2007 die ersten fünf Platten rund um den "Schwarzen Schmetterling", die die Bandästhetik bis heute prägen.

Mit ihrem aktuellen Album "Kosmonautilus" befinden sich Asp momentan im vierten Teil ihres vierten Liederzyklus', der mit dem Schlagwort "Fremder" überschrieben ist. Die Zyklen handeln von inneren, gern bösen Stimmen, interpretieren alte Zaubergeschichten neu, reisen zu verfallenen Orten in die Gothic-Hauptstadt Leipzig oder, wie aktuell auf Kosmonautilus, in einer kalten Welt umher bis in die Tiefen der Meere. Dass derlei Themen mit großer Geste Kitsch- und Pathos-Vorwürfen ausgesetzt sind, sieht Asp gelassen: "Nichts, was ich sage oder mache, würde an solchen Meinungen etwas ändern. Ich habe für Kitsch und Pathos gar nichts übrig. Aber für große Gefühle durchaus, was für manche wohl nicht unterscheidbar ist. Meistens bekommen wir solche Etiketten von irgendwelchen Rezensenten aus der Metal-Szene verpasst, und ich finde, grade dort sitzt man mit Pathos-Vorwürfen im Glashaus."

Neben den Texten, die je nach Sichtweise zwischen lyrisch anspruchsvollem Tiefgang und kryptisch-verschwurbeltem Therapeutenton changieren, ist ein oft spaltendes Element zwischen Fans und Skeptikern die Stimme des Meisters selbst. Sprengs Gesang muss man mögen, er ist weder ein szenetypisch sonor-eingängiger Selbstläufer noch eine ebenso häufig anzutreffende intensiv-fragile Gefühlsmaschine. Seine unzweifelhaft ambitionierte Artikulation kämpft mit einer Tonlage, die man selbst wohlwollend gewöhnungsbedürftig nennen darf. Wiedererkennungswert aber sichert man sich so immerhin auch.

So ausgeklügelt und verweisreich die musikalischen Kompositionen, so zahlreich die Interpretations- und Reflexionsmöglichkeiten der Texte, so markant das Gesamtbild: Das Rad neu erfunden haben Asp nicht und tun dies auch mit "Kosmonautilus" nicht, weder im Szene- noch im Asp-Kosmos. Wie im Vorgänger "Zutiefst" geht es hinab ins dunkle Meer, für Asp ein Sinnbild "für die Tiefe, die uns allen innewohnt."

Das stilechte, aufwendige Album-Artwork ist neben dem künstlerischen Anspruch erneut eine Verneigung an die treuen, noch physische Tonträger kaufenden Fans. Je nach Vorliebe können sich diese zwischen mehreren limitierten Versionen entscheiden, sei es auf CD, Vinyl oder digital. Diese zum Teil mehr von Leidenschaft als von reiner Wirtschaftlichkeit getragene Bindung zwischen Künstler und seinen Anhängern ist seit jeher ein weiteres Markenzeichen Asps: "Ich bin unendlich dankbar, dass ich Fans habe, die das Hören einer neuen CD richtiggehend zelebrieren und darin eintauchen. Das ist in diesen schnelllebigen, aufmerksamkeitsarmen Zeiten ein wahrer Segen und hilft uns zu überleben."

Musikalisch nimmt schon der Opener "Rückfall" die musikalische Richtung des Albums vorweg: Klar geschliffener Gothic-Rock und düster lyrischer Text, der diverse Schlagworte szenegerecht aneinanderreiht. In anderen Stücken wird noch ein wenig Barock-Klassik zitiert, das Spektrum der Rock-Spielarten reicht von Subway-To-Sally-Anleihen über 90er-Crossover-Zitate, Symphonic Metal und einer Prise Folk. Thematisch streift man auf der der Suche nach Wärme, Nähe und Liebe, vorbei an lebendig werdenden Tattoos meist durch dunkle Tiefen.

Aber bei aller Liebe zum weitschweifenden Geschichtenerzählen, zur Ästhetik und Musik an sich: Vor den drängenden Fragen der Zeit kann und will sich Asp nicht verschließen, auch so war eine klare Haltung der Band noch nie fremd: Als 2009 das Leipziger Wave-Gotik-Treffen seine Obsorge-Karten mit der auch als rechtsradikales Symbol genutzten Schwarzen Sonne schmückte, waren Asp eine der ersten und lautesten, die sich von derlei Tendenzen in der Szene distanzierten. Im Booklet des neuen Albums findet sich am Ende der Satz: "Danke an alle Rechten dafür, dass sie unsere Songs nicht mögen." Sicherzustellen, dass das auch so bleibt, ist für Spreng kein Hexenwerk: "Meinen Standpunkt mache ich seit vielen Jahren klar, und trotz aller Düsterkeit ist die Asp'sche Lyrik voller positiver Botschaften, die sich mit rechtem Gedankengut in keiner Weise vereinbaren lassen. Und spätestens seit ich mit Konstantin Wecker bei der Neuaufnahme seines Anti-Nazi-Songs mitgewirkt habe, sollte auch der letzte mitbekommen haben, dass auch mein Motto lautet: ,Sage Nein!'"


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