Am Ende dann genial miteinander verwoben

Bernardine Evaristo erzählt die Geschichte von zwölf schwarzen Frauen

Für der Roman "Mädchen, Frau etc" erhielt Bernardine Evaristo 2019 den Booker Prize zusammen mit der kanadischen Autorin Margaret Atwood. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin war Evaristo bis dahin im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt. Doch das wird sich mit dem Erscheinen ihres unglaublichen Buches ändern. Geplant hatte die Autorin, das Leben von nicht weniger als 100 Frauen zu beschreiben. Am Ende sind es zwölf geworden; schwarze Frauen, die im Vereinigten Königreich aufwachsen, deren Eltern eingewandert sind, um ein besseres Leben für sich und ihre Kinder zu haben.

Es beginnt mit Amma, gerade fünfzig geworden, der es endlich gelingt, ihr Theaterstück über lesbische Frauen am Londoner Theatre aufzuführen. Bis zu diesem Erfolg liegt ein langer Kampf hinter ihr. Zur Aufführung kommt natürlich ihre Tochter Yazz, Studentin, die zu ihrer dominanten Mutter auf Abstand achtet und ein Studium in englischer Literatur begonnen hat.

Auch Dominique, eine enge Freundin Ammas, kommt extra mit dem Nachtflug aus Amerika zur Premiere. Sie hat eine toxische Beziehung mit einer anderen Frau hinter sich und mittlerweile in Kalifornien eine neue Heimat gefunden. Carole, die erfolgreiche Bankerin freut sich ebenso auf das Theaterstück und ist erstaunt, dass sie dort ihre ehemalige Lehrerin Mrs. King wiedertrifft. Ihr hat sie es zu verdanken, dass sie während ihrer Schulzeit nicht komplett abgestürzt ist. Mit der strengen Hilfe von Mrs. King hatte sie sich damals zu deren Musterschülerin entwickelt.

Anhand dieser völlig verschiedenen Frauenleben erzählt Bernardine Evaristo eine Fülle von Schicksalen: lesbische Beziehungen, Genderproblematik, Diskriminierungen, sexuelle Übergriffe. Und sie erzählt das alles tatsächlich ohne Punkt und erreicht so ein sehr besonderes, sehr intensives Leseerlebnis. Die Rahmenhandlung, die diesen opulenten Roman zusammenhält, der geradezu überzuquellen scheint von Familienschicksalen, unterschiedlichen, auch sehr radikalen Lebensentwürfen, ist die Theateraufführung und die anschließende Premierenfeier.

Bernardine Evaristo wurde 1959 in London geboren, ihre Mutter ist Engländerin, ihr Vater kommt aus Nigeria. Sie wuchs als viertes von acht Kindern in London auf und lehrt heute als Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University. Es ist die Spezialität dieser Autorin, jedes dieser Leben sehr genau und detailreich zu beschreiben, ohne auch nur mit einem einzigen Satz zu langweilen. Man folgt ihr gebannt in die unterschiedlichen Lebensentwürfe, die am Ende so genial alle miteinander verwoben sind. In diesem Jahr ist mit ihrem Roman schon das erste Lese-Highlight entdeckt.

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