Am Rande der Hoffnung

Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen einen repräsentativen Ausschnitt aus dem Werk des französischen Künstlers André Masson, in dem sich oft surreal die Brüche des 20. Jahrhunderts spiegeln.

Chemnitz.

Wenn man die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz betritt, schaut man zuerst auf das an der gegenüberliegenden Wand etwas prononciert hängende Bild "La Résistance", "Widerstand", aus dem Jahr 1944. Es ist nicht nur ein besonderes Bild, weil es dem Widerstand der Franzosen gegen Nazideutschland gewidmet ist. Fast lyrisch fasst André Masson in dem Gemälde den Schmerz, die Kraft und das Widerstehen in wenige Figuren, die fast zu entschwinden scheinen. In anderen Gemälden, Zeichnungen und Plastiken ist die Realität viel weiter ins Surreale entschwunden und lässt doch immer einen Bezug zu den Brüchen und Konflikten des 20. Jahrhunderts zu, das auch André Masson und seine Kunst prägte.

Geboren 1896 im französischen Departement Oise, studierte er bereits mit 14 Jahren an der Kunstakademie Brüssel, später an der Nationalen Hochschule der schönen Künste in Paris. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich als Freiwilliger, wurde 1917 schwer verwundet. Die Erfahrung des Krieges wird einen Teil seiner Arbeiten bis ans Lebensende prägen. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebte Masson in Spanien, emigrierte danach in die USA, kehrte 1945 nach Frankreich zurück.

Die Chemnitzer Ausstellung unter dem Titel "Zwischen Welten" wurde von Diana Kopka kuratiert und zeigt einen repräsentativen Querschnitt aus André Massons Werk. Zunächst vom Kubismus beeinflusst, lernte er bald JoanMiró, die Surrealisten um André Breton kennen, freundete sich mit dem irrwitzigen Genie Georges Bataille an, las Nietzsche, de Sade, hörte gern Wagner. Er experimentierte als einer der Ersten mit dem "automatischen Zeichnen", intuitiv gesteuerten Zeichnungen, die das Unbewusste sichtbar machen sollten. Dies rückt ihn in die Nähe von Carlfriedrich Claus, der später ähnlich experimentierte. Masson aber blieb doch vor allem Maler und Zeichner, obwohl die Ausstellung auch einige starke Plastiken von ihm zeigt.

In den imaginären Künstlerporträts wird Massons Ansatz vielleicht am deutlichsten. Der belesene Künstler zeichnete Goethe als funkensprühenden Geheimrat, einen doppelgesichtigen Jean Paul, Hölderlin als hellsichtigen wie weltentrückten Dichter. Sein kraftvoll farbiges Kleist-Gemälde zeigt den Dichter mit einer Blume im Mund, aus dessen Kopf das Innere mit aller Gewalt nach außen drängt und ihn zu zerreißen droht.

In anderen Gemälden ist die Welt schon zerrissen und hat nichts Figürlich-Feststehendes übrig gelassen. Das "Opfer" ist so abstrakt verwundet, wie es sich konkret Schutz suchend zusammenkrümmt und etwas wie eine unbestimmte Hoffnung umschließt. Das "Gefängnis" wirkt wie eine mit Menschen vollgestopfte ganz "normale" Großstadt - die Hölle ist überall, die Hölle sind wir selber, wie es bei T. S. Eliot heißt. "Zerstörung" ist eine Sammlung gescheiterter Versuche. Im "Blut der Vögel" weisen nur noch rote Farbkleckse und Federn auf die vorangegangenen Kämpfe hin. Wie eine Zusammenfassung der aus den Fugen geratenen Welt erscheint die Serie der 20 Zeichnungen "Zum Thema der Begierde", die Liebe, Erotik, Sexualität, Gewalt und (Selbst-) Zerstörung vereint.

Und doch sind manche Bilder auf eine gewisse Art zu schön, um all den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts gerecht zu werden. Selbst die "Abhandlung über die Verzweiflung" oder die "Geschundenen Männer und Frauen in Rüstung" strahlen in ihrer Farbigkeit noch einen Abglanz vergangener oder künftiger Schönheit, Harmonie, Ausgewogenheit aus, der Hoffnung macht. Eine Hoffnung, wie sie wohl auch Masson bis zu seinem Tod hatte. Er starb in der Nacht zum 28. Oktober 1987 mit einem Buch in der Hand.

Die Ausstellung "André Masson. Zwischen Welten - Entremondes" in den Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz 1 ist noch bis zum 12. Januar 2020 zu sehen. Geöffnet ist dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 14 bis 21 Uhr. Am 24. und 31. Dezember ist geschlossen.

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