An das Unmögliche glauben

Unter dem Titel "Herzenssache" vereint ein neues Buch von Gerhard Wolf Texte zu "unvergesslichen Begegnungen". Es ist einmal mehr ein Beleg für das Einfühlungsvermögen und die Kollegialität des Autors.

Der beeindruckendste Text ist der letzte des Buches und der jüngste, den Gerhard Wolf für den Band "Herzenssache: Memorial - Unvergessliche Begegnungen" ausgewählt hat. Er erzählt darin die Geschichte von Frantiska "Franci" Faktorová. Sie lebte von 1926 bis 1997, ist tschechische Auschwitz-Überlebende, Übersetzerin wichtiger Werke von Christa Wolf und nicht zuletzt Mutter von Gerhard Wolfs Schwiegersohn Jan Faktor.

Christa und Gerhard Wolf lernten Franci Faktorová Ende 1958 in Prag kennen. Aus der Begegnung wurde eine "Lebensfreundschaft, die ... schließlich mein Dasein und das meiner gesamten Familie betraf und bestimmte", schreibt Gerhard Wolf. In der Geschichte dieser Freundschaft spiegelt sich mehr als ein halbes Jahrhundert: die Verfolgung der jüdischen und antifaschistischen Bevölkerung durch die Nazis, die Hoffnung auf einen demokratischen und nichtkapitalistischen Neuanfang, der in der ČSSR spätestens 1968 enttäuscht wurde, die mal mehr, mal weniger erfolgreichen Versuche, sich in den Ländern des real nicht existierenden Sozialismus doch einige Freiheiten zu erkämpfen, die physischen und psychischen Folgen, der derart widerständiges, und doch auch nicht von Kompromissen freies Leben forderte. Gerhard Wolf zitiert aus den Aufzeichnungen seiner Frau Christa über Franci Faktorová: "Sie identifizierte sich mit dem Satz: Einmal im Leben, zur rechten Zeit, muss man an das Unmögliche geglaubt haben."

An das Unmögliche glauben - diese Maxime verbindet vielleicht auch die Protagonisten der übrigen Texte des Buches. Es sind Grab-, Preis- und Eröffnungsreden, Vorworte zu Büchern von und über Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Künstlerinnen und Künstler. Chemnitzer und Sachsen spielen dabei eine besondere Rolle.

Irmtraud Morgner, die "Scheherezade aus Sachsen", wie Wolf sie nennt, hatte ihn um ihre Grabrede gebeten. Für Stephan Hermlin, den immer unterschätzten Dichter, führten Christa und Gerhard Wolf ein "nicht beendetes Gespräch", dem sie eine seltene Geradlinigkeit attestieren: "Er hat wie kaum ein anderer sich unserer Vergangenheit gestellt. Auf schmerzhafte Weise ... Wo es für ihn nichts mehr zu sagen gibt, ist er sprachlos." An Stefan Heym erinnert er auch mit dessen Behandlung durch andere Parteien im Bundestag: "Als er als Alterspräsident des Bundestages 1994 Worte der Versöhnung sprach, blieb man auf den Regierungsbänken sitzen. Aber ihnen zum Munde hatte er, früher wie heute, eigentlich nie gesprochen."

Mit Carlfriedrich Claus würdigt er einen "über sein Jahrhundert weit hinausreichenden, kaum erschlossenen Daseinsentwurf, der ein dem Menschen würdiges Leben verheißt". Von Volker Brauns Zeilen schreibt Gerhard Wolf, dass sie ihm "Jahre pflastern - Wege und Abwege. Um- und Irrwege, die ich stets zur Verfügung habe ..." An den Versen der sorbischen Dichterin Róza Domascyna lobt er: "Beschaulich sind ihre Texte nie; ihr Spott gilt der gängigen Spreewaldfolklore, dem 'Ansichtsparadies' mit 'Spreewaldpuppen'".

Heinz Zöger aus Leipzig, der Anfang der 1950er Jahre beim Rundfunk der DDR und als Chefredakteur bei der Wochenzeitung "Sonntag" arbeitete, 1957 im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Walter Janka verhaftet wurde und nach seiner Entlassung aus der Haft 1959 in die Bundesrepublik ging, hielt Gerhard Wolf die Treue und er konstatierte bei der Wiederbegegnung nach der Wende, "wir waren vielleicht erst jetzt als alte Sozialisten auf rechte Weise verbunden".

Gerhard Wolfs Texte zeugen von einer bemerkenswerten Empathie, mit der er sich in die Werke anderer Künstler und Schriftsteller hineindenkt und -fühlt. Er ist in diesen öffentlichen Texten kein Kritiker (der er in der schöpferischen Auseinandersetzung mit Einzelnen durchaus sein konnte). Hier ist er eher verständnisvoller, aufgeschlossener Mutmacher, Freund und Wegbegleiter, der die Lebensleistungen von Menschen würdigt, die gleich ihm selbst "in finsteren Zeiten" (nach Brecht) einen Weg zu mehr Menschlichkeit, Solidarität und Offenheit finden mussten, ohne dabei ihre Ideale (die etwas anderes sind als Ideologien) zu verraten. Er macht denn auch keinen Hehl daraus, was für ihn die wohl bitterste Enttäuschung bedeutete: "Ich glaube noch heute, eine Erneuerung des Sozialismus hätte, wenn überhaupt, nur mit den grundsätzlichen Reformen, wie sie damals in Prag angestrebt wurden, stattfinden können." "Herzenssache" ist ein Buch, das Mut macht, nicht nur einmal im Leben an das Unmögliche zu glauben.

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