"Anatevka": Liebe in hässlichen Zeiten

Auf der Küchwaldbühne hatte das Musical Premiere - eine gelungene Hommage an die Menschlichkeit, allerdings mit einigen Längen.

Chemnitz.

"Liebe, das ist ja ganz was Neues", wundert sich der Milchhändler Tevje, als seine drei Töchter Zeitel, Hodel und Chava mit der Tradition brechen und nicht den von einer Heiratsvermittlerin ausgesuchten Mann heiraten wollen - sondern stattdessen einen, den sie lieben.

Dabei ist doch Tevje, der gern einmal reich wär, wie auch den meisten Bewohnern des kleinen russischen Dorfes Anatevka im Jahre 1905 Tradition extrem wichtig. Es gibt sie daher für alles: wie man isst, wie man schläft, wie man sich kleidet - und eben auch dafür, wie man heiratet. Ohne Tradition fühlten sich die Juden wie ein "Fiedler auf dem Dach": Dies war der ursprüngliche Titel des Musicals von Jerry Bock (Musik) und Joseph Stein (Texte) nach dem Roman von Scholem Alejchim. Als das Stück 1964 am New Yorker Broadway Premiere hatte, war das Publikum ebenso begeistert wie irritiert, gab es doch bis dahin kaum Musicals mit ernsten Themen. Doch bald regnete es Preise, und "The Fiddler On The Roof" wurde in acht Jahren 3242 Mal aufgeführt. Seinen Siegeszug in Europa trat das Musical 1966 schließlich unter dem Namen "Anatevka" an.

Für die Küchwaldbühne hat Werner Haas das Musical mit Riesenensemble - mit Doppelbesetzungen etwa 50 engagierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene (viele ohne Schauspielerfahrung), drei Pferde, fünf Hühner - sehr klassisch inszeniert. Für mitreißende und oft lustige Tanzszenen sorgt Choreograph Robin Martin. Die einfühlsame Musik steuert die Gruppe Ziganimo bei.

In dem Stück wechseln ernste, tragische und komische Szenen einander ab. Die Emanzipation von Tevjes Töchtern fällt in eine Zeit aufflammender antijüdischen Pogrome im zaristischen Russland, die darin gipfeln, dass die Bewohner Anatevka verlassen müssen. Die Männer, in die sich Zeitel, Hodel und Chava verlieben - ein armer Schneider, ein ukrainischer Revolutionär und ein junger Russe - symbolisieren auch die Konflikte der Zeit. Es bleibt Tevje vorbehalten, sich der neuen Zeit zu stellen und die Wahl seiner Töchter zu akzeptieren. Um seine Frau Golde ebenso zu überzeugen, inszeniert er sogar einen urkomischen Alptraum, der ihr schließlich keine Wahl lässt. Und Tevje registriert froh, dass seine Zeitel mit dem armen Schneider Mottel so glücklich ist, "dass sie gar nicht merken, wie dreckig es ihnen geht". Es sind diese zutiefst menschlichen Momente, die das Musical sehenswert machen.

Inszenierungen gab schon rasantere auf der Küchwaldbühne. Die in sich stimmigen Szenen wollen sich nicht immer nahtlos aneinander fügen, sodass auch der Spannungsbogen mitunter nicht hält: Mit ausführlichsten Danksagungen, Grußworten, bei denen der Wahlkampf grüßen ließ, und Pause kam die Premiere auf fast vier Stunden Spielzeit, was zumindest für jüngere Zuschauer eine Herausforderung ist. Im Grunde aber ist das Stück auch für junge Leute geeignet, zeigt es doch eindrucksvoll, wie der Bruch mit Traditionen, die dem Menschen etwas aufzwingen ebenso möglich ist wie auch wahre Liebe in hässlichen Zeiten- wobei das Wort hier ganz auf seinen Ursprung, den Hass, zurückgeht. Denn Liebe bewahrt Menschlichkeit als beste Tradition auch dann, wenn sich die Menschen von ihrer unmenschlichsten Seite zeigen; wenn Menschen fliehen müssen vor Gewalt und wirtschaftlicher Not - womit "Anatevka" eine dringende Aktualität gewinnt. Es gab sehr viel Applaus.

Nächste Aufführungen"Anatevka" ist wieder am kommenden Freitag 17 Uhr, am Samstag 17 Uhr und am Sonntag 15 Uhr auf der Küchwaldbühne Chemnitz zu sehen.

www.kuechwaldbuehne.info

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