Applaus auf Amerikanisch

Deutsche Filme haben in New York überraschend drei Emmys einkassiert. Vor allem die talentierte Berliner Schauspielerin Christiane Paul wird verdient geadelt - zumal sie seit Jahren für die fruchtbare Verbindung von Unterhaltung und politischem Engagement steht.

New York/Berlin.

Nein, den ersten Emmy hat Christiane Paul nicht nach Deutschland geholt - das war bereits kurz nach der Wende einer jungen Frau aus Karl-Marx Stadt gelungen: Katarina Witt bekam den wichtigsten amerikanischen Fernsehpreis 1990 für ihre darstellerische Leistung im Tanzfilm "Carmen on Ice", in dem sie an der Seite von Brian Boitano, Brian Orser und Anett Pötzsch ihre sensationelle Olympiakür ins Kino brachte. Damals bekam man hierzulande von dem Preis so wenig mit wie vom amerikanischen Fernsehen: Dortige Erfolge wie "Dallas" oder "Raumschiff Enterprise" pflegte man in Deutschland bestenfalls mit einigen Jahren Verspätung aufzugreifen.

Doch Privat- und Bezahlsender sowie das Internet haben das in den letzten zehn Jahren gründlich geändert: Amerikanische Fernsehserien sind weltweit mittlerweile künstlerisch wie kommerziell dem Kino mehr als ebenbürtig, die Verleihung der "Emmy"-Preise gilt in der Branche als mittlerweile fast genauso gewichtig wie die "Oscars" Hollywoods. Das ist die Gewichtsklasse, aus der die Glückstränen stammen, die Schauspielerin Christiane Paul sich in der Nacht zum Dienstag in New York nicht mehr verkneifen konnte, als sie auf der großen Bühne im Ballsaal des Hilton Hotels die goldene Trophäe in die Höhe reckte: "Das ist das Größte, was mir bis jetzt in meinem Leben passiert ist!" Dass Paul und zwei deutsche Produktionen - die RTL-Serie "Deutschland 83" und der Dokumentarfilm "Krieg der Lügen" - den International Emmy mit nach Hause nehmen, gibt an diesem Abend nicht nur den Gewinnern Rückenwind. "Ich glaube, dass sich das Deutschlandbild komplett verändert hat, sich komplett gedreht hat", sagt Jörg Winger, der "Deutschland 83" um einen zum Stasi-Spion gewordenen ostdeutschen Soldaten in der Bundesrepublik produziert hat.

Der International Emmy Award ist so etwas wie der "Auslands-Oscar", angesiedelt neben den Hauptpreisen für amerikanische Produktionen. In den vergangenen Jahren wurde er häufig an britische oder kanadische Produktionen vergeben. Deutschland wurde nur für gelegentliches Anspruchsfernsehen wie "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" (2002) oder die Dokumentation "Das Drama von Dresden" (2005) bedacht. Einziger nennenswerter Ausreißer war bisher Wolfgang Petersens "Das Boot", das 1985 den Emmy als beste Dramaserie gewann, nachdem die Kinoversion 1983 zwar für sechs Oscars nominiert gewesen war, jedoch hinter Hits wie "E. T." zurückstehen musste.

Aber bei den Darstellern? Die Preise gingen regelmäßig an Startalente wie Ben Whishaw oder Helena Bonham Carter. Da ist selbst ein verpasster Preis wie der von Florian Stetter, der als bester Hauptdarsteller in der ARD-Serie "Nackt unter Wölfen" nominiert war und dann Superstar Dustin Hoffman ("Roald Dahl's Esio Trot") unterlag, ein Motivationsschub für das deutsche Fernsehen gewesen. Dass nun Christiane Paul im Islamismus-Terror-Thriller "Unterm Radar" das britische Schwergewicht Judy Dench ("James Bond") bei der Preisvergabe übertrumpft hat, dürfte ein neues Licht auf die Darstellerin werfen, die auf deutschen Leinwänden und Bildschirmen zwar bisher als respektabel galt, allerdings immer hinter inländischen Schauspiel-Schwergewichten wie Corinna Harfouch, Julia Jentsch, Iris Berben oder Jessica Schwarz zurückstand. Paul ist eine zurückhaltende, erst im Detail sehr einnehmende und intensive Darstellerin - und eine, die sich des eigenen Kopfes willen im Filmbetrieb gelegentlich störrisch verhält. Diese Haltung hat ihre ganze Karriere geprägt: Die am Frauentag 1974 geborene Arzttochter betrieb ihre Schauspielkarriere anfangs nur als Passion neben ihrem Medizinstudium, nachdem sie, entdeckt als Fotomodell in der "Bravo", mit 17 in der durchwachsenen Mauerfallgeschichte "Deutschfieber" ihre erste Hauptrolle hatte. Es folgten Komödien wie "Workaholic" (1996) oder Nebenrollen in "Knockin' on Heavens Door" (1997) sowie zahlreiche Fernseheinsätze: Paul promovierte lieber 2002 im "richtigen Leben" als Ärztin. Erst 2004 gab sie ihren Beruf auf, um sich ganz der Schauspielerei zu widmen, in die die alleinerziehende Mutter zweier Kinder vor allem eine unglaublich gewinnende Mimik einzubringen weiß. Ihren daraus resultierenden klaren Blick auf die Welt hat Paul, die sich seit vielen Jahren gegen Armut und für Menschenrechte engagiert, daher auch in New York nicht verloren - und applaudierte Moderator Alan Cumming, als der mit Blick auf den nahen Trump-Tower und die im gleichen Hotel ausgetragene Feier des neuen US-Präsidenten den Gästen ins Gewissen redete: "Am 8. November war dieser Saal der Veranstaltungsort für einen der dunkelsten, negativsten und vollkommen zerstörerischen Momente in der Geschichte dieses Landes." In Amerika ist dieser Mix aus Unterhaltung und Politik normal, während man solche Sätze auf einer deutschen Fernsehgala kaum hören dürfte. Doch Paul zeigt gerade in "Unterm Radar", wie diese Verbindung auch hierzulande funktioniert. (mit dpa)

 

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