Asche zu Tasche - 25 Jahre nach Kurt Cobains Tod

Am 5. April vor 25 Jahren schoss sich Kurt Cobain in den Kopf: Ein Selbstmord, der heute zu den großen Mythen der Popkultur gehört. Das ist aber nicht der Grund, warum der damalige Nirvana-Sänger immer noch als Idol für Millionen funktioniert.

Seattle.

Es gibt kein Grab von Kurt Cobain. Es gab nur eine rosafarbene Plüschtasche im Kleiderschrank von Courtney Love, der Witwe des Nirvana-Sängers. Dort hat sie seine Asche versteckt und mit sich herumgetragen, wenn sie ihm nahe sein wollte. Kleinere Teile seiner Überreste hatte sie bereits in Flüssen, buddhistischen Tempeln und im Garten des gemeinsamen Hauses verstreut.

Dass es keine öffentliche Gedenkstätte für Kurt Cobain gibt, liegt auch an den Behörden in Seattle: Die Verantwortlichen fürchteten einen Massenansturm wie beim Grab von Jim Morrison in Paris. Sie wollten verhindern, dass hunderttausende Fans kommen und einige dem Selbstmord des Idols nacheiferten. Der Musiker selbst wollte dieses Idol gar nicht sein: "Ich will lieber gehasst werden für das, was ich bin, als geliebt zu werden für etwas, was ich nicht bin", hat er einmal gesagt.

Und obwohl er natürlich auch für viel dafür geliebt wurde, was er wirklich war - unangepasst, verletzlich und ein guter Musiker - war es so, dass je mehr seine Karriere aufwärts, es mit ihm selbst bergabging. Nachdem 1991 das Nirvana-Album "Nevermind" mit dem Riesenhit "Smells Like Teen Spirit" erschien, hagelte es Preise, es gab große Tourneen, Hype überall. Die Platte wurde 30 Millionen mal verkauft und löste als eines der wichtigsten Alben der Popgeschichte maßgeblich die "Grunge-Welle" aus. Nirvanas Songs prägten die mit ihnen wachsende Generation - Selbermachen und Selbstreflexion wurden die großen Themen, die dem plakativen Feelgood-Zeigefinger des Stadion-Rocks der 80er und dem hedonistischen "Friede, Freude, Eierkuchen"-Feierkult der Techno-Kultur ein nötiges Gegengewicht gaben.

1993, mit dem nächsten Album "In Utero", war Nirvana bereits eine Legende. Das MTV-Unplugged-Konzert ein Jahr später, mit einer Zehn-Millionen-Auflage eine der bedeutendsten Liveaufnahmen der Rockmusik, verstärkte diesen Status zusätzlich. Das war zuviel für Cobain: Seine Drogensucht, mit der er auch seine Magenschmerzen zu bekämpfen versuchte, zog ihn immer tiefer. Am 1. März 1994 brachen Nirvana nach einem Konzert in München ihre Europa-Tour ab. Cobain ging in eine Entzugsklinik, floh aber aus der Einrichtung - und schoss sich am 5. April 1994 nach einer großen Dosis Heroin mit einer Schrotflinte in den Kopf. Er hinterließ seine Frau Courtney Love, seine Tochter Frances Bean, seine Band Nirvana - und Millionen Fans.

Und es werden immer mehr Fans nach seinem Tod, mit dem er sich in den Klub 27 katapultiert hatte zu den anderen mit 27 Jahren verstorbenen Rockstars wie Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morisson und inzwischen auch Amy Winehouse. Vor fünf Jahren wurden Nirvana in die Rock and Roll Hall Of Fame aufgenommen, diverse Musikzeitschriften küren sie immer wieder zu den einflussreichsten Rockbands der Welt - und zur wichtigsten Band des Grunge. Zu "Smells Like Teen Sprit" springen auch heute noch alle in die Luft, und Nirvana-T-Shirts gibt es längst bei H&M. Unangepasst und wild, verzweifelt und verletzlich waren die Band und ihr Sänger, die bald ungewollt als Sprachrohr der Generation X galten, die für Orientierungs-, Lust- und Hoffnungslosigkeit in einer veränderten Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges stand. Dabei kritisiert "Smells Like Teen Spirit" die politikmüde, aber unterhaltungssüchtige Jugend. Über die Songs der ersten Nirvana-Platte "Bleach" sagte Band-Hauptkomponist Cobain noch, dass ihm die Texte nicht wichtig waren: Oft entlieh er sie aus Artikeln oder Büchern, die er las, um seine Unzufriedenheit mit der Gesellschaft auszudrücken. Dabei macht er aber klare Ansagen: Wer Homosexuelle, Menschen mit anderer Hautfarbe oder Frauen hasse, solle keine Nirvana-Platten kaufen und nicht zu Shows kommen. Kurt Cobain äußerte sich oft feministisch und antirassistisch. Er trat mal in Frauenkleidern auf oder sagte, er wäre gerne schwul - um schwulenfeindliche Fans zu verärgern. Auch die Musikindustrie verachtete er - und funktionierte doch in ihr. Gerade, weil er anders war und aneckte, wurde er erfolgreich. Independent und Alternative begannen damals, eigene Musikgenres zu werden, auch in die Schublade Grunge wurden die Bands gepresst, obwohl sie nicht wollten. Auch Cobain wollte keine Hochglanzbilder liefern. Wüsste er, dass sein Holzfällerhemd-Schlabberlook inzwischen modemäßig hoch angesagt ist und dass es eine eigene Nirvana-Kollektion der Schuhmarke Converse gibt, würde er sich wohl in seiner rosa Plüschtasche umdrehen.

Man weiß natürlich nicht, was Kurt Cobain heute wirklich denken und tun würde. Vielleicht würde der heute 52-Jährige gegen den vulgären Donald Trump demonstrieren, vielleicht würde er mit Michael Stipe von R.E.M. großartige Alben machen (beide hatten kurz vor Cobains Tod über eine Zusammenarbeit gesprochen), und vielleicht würde er einen Streichelzoo betreiben, wie er in einem Interview einmal ernsthaft überlegte. Aber wahrscheinlich wäre er nicht ein so großes Idol für Jugendliche der letzten drei Jahrzehnte, denn in den ewig 27-Jährigen kann jeder alles Mögliche hineinprojizieren. Ein so großes Idol, dass einer sogar unbedingt seine Asche haben wollte und die Tasche aus dem Kleiderschrank von Courtney Love klaute: Jetzt weiß wirklich keiner mehr, was aus Kurt Cobain geworden ist.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...