"Auf der Bühne bleibt nichts von einem zurück"

Die Französin Yasmina Reza lässt in "Anne-Marie die Schönheit" eine gealterte Schauspielerin vom Verblassen ihrer Träume erzählen.

Paris.

In der Schule bekam Yasmina Reza manchmal die Aufgabe gestellt, eine Geschichte mit einer bestimmten Anzahl von Wörtern, einer bestimmten Zahl von Figuren und einem einzigen Schauplatz zu erfinden. Als Kind liebte sie das. Wahrscheinlich rühre daher ihre Leidenschaft fürs Theater, erzählte sie einmal in einem Interview. "Das moderne Theater ist gewissermaßen der Gipfel an Vorgaben, das Königreich der Konzentration. Sie können nicht 400 Leute auf die Bühne stellen, Sie können nicht kommentieren, was die Figuren sagen, nicht korrigieren, was sie denken, Sie verfügen nur über begrenzte Zeit. Die Kunst besteht darin, innerhalb dieses fixen Rahmens die größtmögliche Fantasie zu entwickeln."

In ihrem neuen Buch "Anne-Marie die Schönheit" treibt die 1957 in Paris geborene Yasmina Reza diese Konzentration jetzt auf die Spitze und lässt nur eine Person auftreten. In einer fingierten Interviewsituation erzählt die in die Jahre gekommene Schauspielerin Anne-Marie Mille aus ihrem Leben. Wie sie als Kind im fiktiven Bergbaudorf Saint-Sourd-en-Ger sehnsüchtig auf der Straße den Schauspielern der Theatertruppe hinterherschaut. "Sie waren groß und blass. Sehr viel größer als normale Menschen. Unser eigenes Leben kam uns daneben klein vor. Kein Künstler hat je die Größe der Schauspieler von Saint-Sourd-en-Ger erreicht."

Später als Jugendliche schneidet Anne-Marie Bilder von Brigitte Bardot aus Zeitschriften aus, mit der sie sich identifiziert, und klebt sie in ein Album. Endlich erwachsen, geht sie nach Paris, um selbst Schauspielerin zu werden, und lernt am Theater Giselle Fayolle kennen. Die hat schon eine eigene Garderobe, und das Gerücht geht um, sie habe ein Verhältnis mit Alain Delon und vielleicht auch mit Ingmar Bergman. Anne-Marie und Giselle freunden sich an. Doch als Giselle ein Angebot vom Film erhält, verlässt sie mitten in den Aufführungen das Theater. Die Frauen verlieren sich aus den Augen. Nur aus der Ferne verfolgt Anne-Marie die Karriere ihrer Kollegin. 40 Jahre später laufen sie sich zufällig in der Rue de Courcelles wieder über den Weg. Ab und zu steht Giselle noch auf der Bühne. "Doch die Flamme war erkaltet". Beide tun so, als wüssten sie das nicht.

In einer behutsam gesetzten, knappen, aber klingenden Sprache, die mit Zeilensprüngen und fehlenden Satzzeichen fast ein wenig an Gedichtverse erinnert, erzählt Yasmina Reza vom Altern und von gescheiterten Lebensträumen. "Auf der Bühne bleibt nichts von einem zurück", legt sie, die an der Universität Paris-Nanterre Schauspiel studiert hat und früher selbst jahrelang auf der Bühne stand, ihrer fiktiven Figur in den Mund. Der Traum vom Berühmtwerden und vom Beifall des Publikums erweist sich als jugendliche Illusion. Einsam sitzt die einst schöne Anne-Marie in einem Kabuff mit Kocher und ihrem angehäuften Tinnef. Vom Leben ernüchtert muss sie feststellen: "Am Anfang gehörst du zu den kleinen Leuten und am Ende wieder."

Mit Stücken wie "Kunst", "Drei Mal Leben" und "Der Gott des Gemetzels" hat Yasmina Reza es zur weltweit am häufigsten gespielten zeitgenössischen Dramatikerin gebracht. Sie ist bekannt für ihre lebensechten Dialoge. In ihrem neuen Buch, für das die Aufführungsrechte in Frankreich schon verkauft sind, lässt sie nun nur eine Schauspielerin monologisieren. Zu lachen gibt es in dem Einpersonenstück weit weniger als in ihren bisherigen Erfolgsstücken. Das aber mindert das Vergnügen nicht im Geringsten an diesem Text, der sich ebenso als Prosa wie als Bühnenstück lesen lässt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann diese "Anne-Marie die Schönheit" auch das Theaterpublikum in Deutschland beglücken wird. Yasmina Reza hat damit eine dankbare Rolle geschaffen, die so erscheint, als sei sie manch in die Jahre gekommener Diva wie auf den Leib geschneidert.

Buchtipp

Yasmina Reza: "Anne-Marie die Schönheit". Hanser Verlag. 80 Seiten. 16 Euro.

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