Auf Tuchfühlung

Zur Landesschau "500 Jahre Industriegeschichte in Sachsen" gibt es sechs Themenausstellungen in der Region. Crimmitschau widmet sich dem "Textil-Boom".

Crimmitschau.

"Auguste Antonie Eckelt, 20 Jahre alt, welche, in einer Spinnerei beschäftigt, von einem Riemen erfasst und zwischen Welle und Decke so furchtbar zerrissen wurde, dass nach zwei Stunden der Tod erfolgte." Vermerkt die Chronik der Stadt Crimmitschau im Jahre 1867. Damals existierte die Tuchfabrik Gebrüder Pfau noch nicht an ihrem heutigen Standort, aber die Industrialisierung der Textilproduktion in Sachsen war in vollem Gange und steuerte auf die Weltspitze zu - koste es, was es wolle.

Der "Textil-Boom", so der Titel dieses Schauplatzes der Sächsischen Landesausstellung, im 19. und frühen 20. Jahrhundert produzierte Garne, Stoffe und Textilien für die Welt auf Maschinen für die Ewigkeit - die die Ewigkeit dann aber doch nicht erlebten. Dies ist in der Tuchfabrik Gebrüder Pfau in Crimmitschau anschaulich, unterhaltsam und in Teilen auch sehr berührend zu besichtigen. Friedrich und Antonie Pfau hatten 1859 eine Handweberei gegründet, die so erfolgreich war, dass sie 1885 am heutigen Standort in eine neu errichtete Maschinenweberei umziehen konnten. Nach einem Brand entstand ab 1899 durch Neubau und Ankauf die bis heute erhaltene Volltuchfabrik. Hier wurden hauptsächlich Streichgarngewebe für Oberbekleidung hergestellt. Wie viele Arbeitsschritte von der Anlieferung der Baumwolle bis zur Qualitätskontrolle der fertigen Stoffe nötig waren, kann man in dem heutigen Industriemuseum besichtigen. Bei einer Führung mit laufenden und lärmenden Maschinen - denn die Fabrik blieb so erhalten, wie sie 1990 verlassen wurde. Davon zeugen nicht nur Hinterlassenschaften im Garderobenraum, Schilder an den Wänden, sondern eben auch die zum Teil hundert Jahre alten Maschinen, die für die Ewigkeit gebaut zu sein schienen.

Die Fabrik produzierte von 1899 bis 1990, bis 1972 im Privatbesitz der der Familie, danach als Teil eines Volkseigenen Betriebes unter dem Namen VEB Volltuchwerke Crimmitschau, zu etwa 70 Prozent für den Export, auch ins "westliche Ausland", das damals wie heute wenig nach den Arbeitsbedingungen fragte, sondern das Billigangebot gern nutzte. Etwa 200 Beschäftigte arbeiteten hier, überwiegend Frauen, aber auch einige Männer, sodass sich auch außerhalb der Produktion "mancher Faden spann", wie einer der geradezu liebevoll formulierten Ausstellungstexte vermerkt. Da die alten Maschinen kaum Möglichkeiten der Automatisierung boten, es der DDR ohnehin an Investitionsmitteln fehlte, änderte sich auch die Beschäftigtenzahl nicht - wie sich auch die Arbeitsbedingungen kaum änderten. Kein Wunder, dass die Arbeit, dass die Maschinen gewissermaßen zu einem Teil des Lebens der Arbeiterinnen und Arbeiter wurden. Und so erzählen sie ihre Geschichte in dem Museum auch in der Ich-Form, als lebende Wesen: "Die Selfaktoren: 'Wagenspinner' - unser Name ist Programm ... 6,4 Meter Garn in der Minute spannen wir pro Spindel - macht für uns alle zusammen über 12 Kilometer. Das reicht von hier bis nach Werdau, wo die meisten von uns in den 1930er- Jahren produziert wurden. 2020 schaffen Luftspinndüsen um die 500 Meter Garn in der Minute ... Aber unsere Art zählt eben zu den Dinosauriern des Industriezeitalters!" So knapp kann man Glanz und Elend einer ganzen Branche erzählen - und dies geschieht in der Ausstellung mehrfach. Es wird weder der Lärm noch die Umweltverschmutzung ausgespart, das Abwasser das die Flüsse färbte und vergiftete, das Öl, das in Massen vergossen wurde. Eine Ringmeisterin: "Da hat'n mir so nen alten Meister, der hat immer gesagt: 'Ölt nar, dann läufts a!' ... mir hamm manchmal so viel Öl nein geschüttet, dass ... der Fußboden so verölt war, dass es direkt gefährlich war, dort zu laufen." Die Zeit scheint angehalten - das lässt Erinnerungen derer wach werden, die in dieser oder einer ähnlichen Fabrik gearbeitet haben, lässt Erinnerungen an die Arbeitskämpfe der ferneren oder näheren Vergangenheit wach werden: die großen Textilarbeiterstreiks in Crimmitschau und ganz Sachsen, das leise Sterben der Textilindustrie nach 1990.

Aber mit dem neuen Ausstellungsteil "Textil? Zukunft!" gibt das Museum auch einen realistisch ermutigenden Blick auf die sächsische Textilproduktion von heute. Diese modern gestaltete Schau zeigt nicht nur aktuelle Produkte einheimischer Unternehmen wie Sicherheitsbekleidung, Modeaccessoires, Textilien für industrielle Zwecke. Sie geht auch ganz aktuell auf soziale, ökologische und nachhaltige Aspekte der Textilproduktion ein. Ein Museum auf Tuchfühlung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - was will man mehr?

Die Ausstellung"Textil-Boom" in der Tuchfabrik Gebr. Pfau in Crimmitschau, Leipziger Straße 125, ist bis zum 31. Dezember Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen durch die gesamte Fabrik (mit laufenden Maschinen) jeweils 11 und 14 Uhr.

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