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Torsten aus Torgau macht keiner was vor. Da raten weltweit Wissenschaftler dringend zum Impfen, finden Kinder Klimawandel gefährlich, halten Politiker Putin momentan für nicht so dufte, viele Medien betrachten alle drei Punkte auffällig ähnlich. Torsten aus Torgau legt die Finger auf die Tastatur und gießt geballtes Gegen-Wissen aus der Youtube-Universität ins Netz. Bevor mir jetzt die Stadt Torgau und der ein oder andere Torsten aufs Dach steigt: Natürlich bediene ich mich hier mit diesem Pars-pro-toto-Sprachbild eines gemeinen Klischees, allein der schicken Alliteration wegen. Torgau ist eine wunderschöne Stadt und ich bin mir sicher, 90 Prozent der dort lebenden Torstens sind geimpft, aufgeklärt und sympathisch. Mit sprachlichen Bildern und Zuspitzungen ist es eben immer so eine Sache, da geht es der Kolumne wie dem Gedicht wie dem Song wie dem Meme: Irgendjemand fühlt sich zuverlässig auf den Schlips getreten und es gibt Namen, die aufgrund ihrer popkulturellen Verwurstung immer wieder die ein oder andere Spitze ertragen müssen. Fragen sie mal Karen und Corinna. Auch Torsten musste etwa bei der Chemnitzer Band Blond schon mal an den Mansplaining-Pranger und könnte genauso Michael, Dimitri oder Karsten heißen. Oder Tamara.

Dabei haben solche Vereinfachung ja durchaus Sinn: Nicht ohne Grund sind Metaphern etwa so alt wie die menschliche Kommunikation. Gerade in der Musik liegt in ihnen ja häufig sogar die besondere Kraft. Gute Songs brauchen keine drei Minuten, keine drei Strophen, kaum dreißig Worte um Welten entstehen zu lassen. Um schöne große Worte sind Künstler dabei selten verlegen, oft gelingt es sogar besser mit den richtigen, beispielhaft zugespitzten kleinen. Bei aller schönen Utopie, pur und wörtlich gemeint ist beides selten. Weder kann Westernhagen alltagspraktisch zwischen Hunger und Harndrang "Freiheit" als "das Einzige" zählen lassen, noch erzählt Zappa nur von irgendeinem Bobby Brown aus der Nachbarschaft.

Manchmal reicht ein gut gewähltes Beispiel, und es ist ein ganzes Universum mit gemeint. Wenn Casper in "Fabian" über die Leukämie-Leiden eben jenen Freundes rappt, meint er damit genauso tausend andere Biografien, die mit dieser Krankheit kämpfen, er meint auch meinen zum Glück überstandenen Krankheits- und Chemo-Horror vor 15 Jahren, er meint die Kraft der Freundschaft. Und wenn ich von Torsten aus Torgau rede, bellen am Ende vielleicht auch nur die nun mal getroffenen Hunde. 

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