Ausgegliederte Sparte am Theater Plauen-Zwickau: Puppen tanzen an neuen Schnüren

Im August 2016 hat das Theater Plauen-Zwickau seine Sparte Figurentheater ausgegliedert und in die alleinige Obhut der stadteigenen Zwickauer Messe- und Veranstaltungsgesellschaft gegeben. Ein arbeitsreiches Jahr später ist die traditionsreiche Einrichtung wieder im Gespräch - und raus aus dem Gerede.

Zwickau.

Das Wetter ist nicht das Beste an jenem dritten Sonntagnachmittag im September. Dennoch verlässt ein auffälliger Tross von rund 100 Menschen jeden Alters Zwickaus Zentrum über den Muldendamm Richtung Norden. Bunt kostümierte Gestalten tummeln sich während des 3,5-Kilometer-Fußmarschs auf dem Flussdeich, ein Trommler, ein Stelzenläufer, viele Kinder, die mit Hand- und Stabpuppen agieren; rhythmisch skandierte Sätze gipfeln immer wieder in dem einen Wort, dass vor allem die Kinder so fröhlich wie laut mitrufen: "Pup-pen-the-a-ter!"

Das findet in Zwickau seit rund einem Jahr wieder auf der Bühne statt und nicht mehr in kommunalpolitischen Gremien. Monatelang hatte sich zuvor ein zähes Ringen um die Zukunft der traditionsreichen, seit Kriegsende in der Schumannstadt etablierten Puppenbühne entsponnen. Die Stadt Plauen, seit dem Jahr 2000 neben Zwickau als Gesellschafter des fusionierten Theaters Plauen-Zwickau zum Mitbetreiber geworden und notorisch klamm, sah sich außer Stande, die kleinste Sparte des Hauses - es ging um einen jährlich sechsstelligen Betrag - weiter mitzutragen. Eine rein Zwickauer Lösung musste her.

Die ist seit August 2016 Realität: Ausgestattet mit einem festen, gedeckelten Zuschuss der Stadt kam das Puppentheater mit Wirkung vom Monatsersten unter das organisatorische Dach der stadteigenen Zwickauer Kultur-, Tourismus-, und Messegesellschaft, Kultour Z. Was unter normalen Umständen nach nahtlosem Übergang klingt, war indes eine Herausforderung. Nicht nur drei der fünf Puppenspieler verließen zu Saisonende das Theater. Auch Direktorin Annette Gleichmann hatte den Dienst quittiert.

So musste die Kultour Z., als die Übernahme perfekt war, erstmal eine neue Leitung für das Haus finden. "Auf unsere Stellenausschreibung hatten wir mehr Bewerber als erwartet", blickt Kultour-Z.-Geschäftsführer Jürgen Flemming zurück. Nicht nur trotz, sondern teils gar wegen der einzigartigen Übergangssituation, in der sich das Haus befand, meldeten Bewerber Interesse an. Das überzeugendste Konzept legte am Ende die studierte Schauspiel- und Puppentheaterregisseurin und Puppenspielerin Monika Gerboc - sprich: Gerbotz - vor. Explizit unter der von der Kultour Z. gesetzten Prämisse, das künstlerische Niveau der Zwickauer Puppenbühne zu halten- ein Aspekt, den in der Übernahmediskussion viele Beobachter besorgt in Frage gestellt sahen.

Künstlerisches Mitwirken an der Herzensbildung junger Menschen statt harmloser Bespaßung - das liegt ganz in der Intention der gebürtigen Slowakin, die zuvor vier Jahre lang die Sparte Puppenspiel am Piccolo Theater Cottbus geleitet hatte - ein ebenso ambitioniertes, öffentlich gefördertes privates Mehrspartenhaus mit rein jugendlicher Zielgruppe. Die selbstbewusste Mittdreißigerin stellte Forderungen. Denen wurde entsprochen: "Mein Hauptanliegen ist es, die Theaterpädagogik am Puppentheater zu stärken", so die Mutter einer vierjährigen Tochter. Gerboc war in der glücklichen Lage, Einfluss auf die Besetzung der vakant gewordenen Stellen zu nehmen. So gelang der in ihrer Szene bestens Vernetzten der Glücksgriff, neben Konrad Bruno Till, dem mit 1,90 Metern größten Puppenspieler Europas, mit Franziska Rilke und Sabine Weitzel zwei Puppenspielerinnen ans Haus zu holen, die auch theaterpädagogisch beschlagen sind. Und mithin flexibel in beiden Bereichen einsetzbar - eben halb als Bühnenakteurinnen, halb als Vermittlerinnen in Schulen und Kitas. Hinzu kommen Workshops und regelmäßige Puppenspielkurse, die das Theater Kindern verschiedener Altersgruppen anbietet. All das sieht Monika Gerboc als Bedingung für den Erfolg ihres Teams, zu dem auch die übernommenen Spieler Antje Binder und Detlef Plath gehören. Befördert wird die Entwicklung dabei auch durch die in den neuen, überschaubareren Strukturen entstandenen kurzen Entscheidungswege und durch die seit 17 Jahren bewährte Marketing-Kompetenz der Kultour Z., die dem Theater in inhaltlich-künstlerische Belange gleichwohl nicht reinredet.

Allemal ist die Stärkung der Pädagogik ein Qualitätssprung gegenüber der Zeit des Puppentheaters unter Ägide des Theaters Plauen-Zwickau. Deren Theaterpädagogik umfasst aktuell zwei Mitarbeiter - für zwei Spielorte und alle Sparten. So konnten sie notgedrungen allenfalls einen Teil ihrer Zeit der Puppe widmen - zumal Oper, Schauspiel und Ballett die erklärungsbedürftigeren Themen boten.

Derweil bohren auch Franziska Rilke und Sabine Weitzel dicke Bretter. Seit Juni halten sie mit Schülern ab acht Jahren Workshops zum Thema Cybermobbing und Cyberterror ab. Basierend auf den dabei gewonnenen, anonymisierten Erkenntnissen über die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen mit den Schattenseiten der virtuellen Medienwelt soll ein Stück entstehen, das im Februar Premiere feiert. Die klassische Schiene bedient das Haus zurzeit neben dem Repertoire mit der Buchadaption vom "kleinen Raben Socke", die jüngst Premiere feierte. Weitere Projekte sind "Das Katzenhaus" nach dem Buch von Samuil Marschak mit Premiere im November sowie Molières "Der Geizige" als Esstheater-Inszenierung für Erwachsene im Zwickauer Brauhaus ab Mai. Ein Gruselspektakel auf Burg Schönfels für Zuschauer ab 12 Jahren folgt im August.

Zwar sind Große nicht die Hauptklientel des Theaters. Dass es sich ihnen widmet, ist aber ein Zeichen, dass nach dem großen Reset vor einem Jahr die Systeme längst wieder stabil laufen. Davon zeugen auch die Besucherzahlen: In der ersten Saison unter neuer Leitung besuchten 17.055 Gäste 189 Vorstellungen - zuzüglich der 3000 Besucher des Eröffnungs-Open-Air-Spektakels in der Zwickauer Innenstadt im September 2016. Die 220 Vorstellungen der letzten Spielzeit unterm Dach des fusionierten Theaters, 2015/16, hatten 17.446 Gäste besucht.

"Es wird wieder über das Puppentheater gesprochen", zieht Jürgen Flemming sein Fazit. Von allen Seiten hört er nach eigener Aussage anerkennende Worte über den jüngsten Geschäftszweig der Kultour Z. Und dabei hat das Haus in dieser Hinsicht immer noch Pfeile im Köcher. Denn der kleine Demonstrationszug für diese Facette der städtischen Kultur, der am 17. September die Zwickauer Innenstadt verließ, führte zum am Stadtrand gelegenen Konzert- und Ballhaus "Neue Welt". In dessen Park wurde an jenem Nachmittag mit buntem Rahmenprogramm die Ausweichspielstätte des Theaters im modernen Anbau des Ballhauses eingeweiht. Derweil wird das 30 Jahre alte Stammhaus in der Gewandhausstraße umfassend saniert: Wer baut, der bleibt.

www.puppentheater-zwickau.de

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