Ausstellung im Hygiene-Museum Dresden: Hier kommt die Sonne

Der Stern, ohne den es auf der Erde kein Leben gäbe, steht im Fokus einer neuen Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Sie zeigt: Selbst wenn die Sonne nicht scheint, ist sie doch omnipräsent.

Dresden.

Sie kann unser Leben sein und unser Tod. Sie kann uns gesund machen und krank. Die Erde wäre ein finsterer, toter Schneeball ohne sie, und doch wird sie den Blauen Planeten irgendwann vernichten. Von der Sonne ist die Rede. Überall. Nicht nur mit Hinblick auf den zurückliegenden Jahrhundertsommer. In der Politik, in der Kunst, in der Religion - Verweise auf das Zentralgestirn sind auf allen Ebenen menschlichen Lebens gegenwärtig.

Mithin kann man sich fragen, warum das Team des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, dem nichts Menschliches fremd ist, nicht längst auf die Idee gekommen war, der Sonne eine Ausstellung zu widmen. Dieser Tage allerdings gibt es noch einen Grund mehr, den Blick dorthin zu wenden, wo das Licht herkommt: Seit 12. August ist mit dem Start der Parker Solar Probe, einer Sonnensonde der Nasa, der entschlossenste Versuch in der Geschichte der Menschheit angelaufen, dem Stern unseres Sonnensystems nahe zu kommen. Richtig nah. Und zwar bis auf sieben Sonnenradien, um in der weit ausgreifenden Sonnenatmosphäre Daten zu erfassen, die Aufschluss über das Verhalten der Sonne geben. Sieben Sonnenradien - das sind nur noch vier Prozent der Distanz Erde-Sonne.

Anlass genug für die Dresdner Institution, ihre am vergangenen Freitag eröffnete große Sonderausstellung "Shine on me. Wir und die Sonne" ganz selbstbewusst als museale "Schwestermission" des Houstoner Forschungsprojekts zu deklarieren. Eine Schwestermission, um im Bild zu bleiben, in sieben "Umrundungen". Sieben Kapiteln, die, nicht immer auf Anhieb als sinnfällig zu erkennen, in der Ausstellung mit englischsprachigen Popsong-Titeln untersetzt sind, in denen die Sonne vorkommt. Sieben Aspekte, mit denen die Sonne Leben und Kultur der Menschheit geprägt hat und bis heute prägt, hat die freie Kuratorin Catherine Nichols für die Ausstellung herausgearbeitet. Die erhält dadurch mit ihren 430 Exponaten zum Einen im besten Sinne interdisziplinären Charakter, bleibt zum Andern stets auf dem populärwissenschaftlichen Teppich. Forschungsstationen zum selbstständigen Erkenntnisgewinn für aufgeweckte Kinder und Erwachsene inklusive.

Da ist zunächst, auch historisch korrekt an den Anfang gesetzt, die Sonne als Gottheit. Von Naturvölkern über die Religionen der Antike, einschließlich Altes Ägypten, die Weltreligionen bis hin zum japanischen Shintoismus, in dem die Sonnengöttin Amaterasu bis heute die zentrale Bedeutung spielt. Darstellungen vom Sonnenwagen von Trundholm bis zur von Goldstrahlen umkränzten katholischen Monstranz unterstreichen die Ähnlichkeiten des Sonnenkults, die unabhängig voneinander auf verschiedenen Erdteilen entstanden sind, teils auch auf einander aufbauten.

Zweite Umrundung: Die Sonne als Zeitgeber, die den Lebensrhythmus der Menschen über Tag und Jahr vorgibt - ein aktuelles Thema in einer Zeit, in der so erbittert wie nie zuvor über das Für und Wider der Sommerzeit gestritten wird. Von antiken, teils auch verblüffend modern anmutenden Instrumenten zur Sonnenzeit-Erfassung bis hin zum Licht-Wecker, der das Farbenspiel des Sonnenaufgangs imitiert, reicht hier das Spektrum der Exponate. Darunter ein rund 400 Jahre altes multifunktionales astronomisches Instrument, das schon wegen seiner handlichen Gestalt vom Britischen Museum in einer Ausstellung als "Smartphone des 16. Jahrhunderts" inszeniert wurde.

Wie im Himmel, so auf Erden, könnte man Umrundung Nummer drei überschreiben - die Überhöhung irdischer Dinge durch die Sonne als Symbol in Kommerz, Bildender und Regierungskunst. Welches politische Lager etwa hat nicht irgendwann das Symbol der Sonne bemüht, das ihre Vertreter der Menschheit bringen? Von Alexander dem Großen und dem Sonnenkönig übers Hakenkreuz bis hin zu Mao Tse Tung, und Kim Il Sung. Auch hierzulande sangen Junge Pioniere "Immer lebe die Sonne", übersetzt vom russischen "Pust' vsegda budjet solnce". Ein propagandistisch raffinierter Kunstgriff: Wer kann schon etwas gegen die Sonne haben?

Runde vier: Die Sonne als Lichtquelle. Als solche diente sie neben dem Scheiden von Tag und Nacht zu vielerlei. Ein lichtbrechendes Mineral etwa sollen die Wikinger genutzt haben, um bei bedecktem Himmel ihre Position zu bestimmen. Und ein die Sonne reflektierender Ring hilft jungen Frauen in Indien bis heute, Männern diskreten ihre Zuneigung und das Bedürfnis nach mehr zu signalisieren. Und was wäre die Mode ohne Sonnenbrillen?

Bei Umrundung Nummer fünf kommt das Hygiene-Museum zu seiner Kernkompetenz. Die Sonne als Arznei, wobei auch hier der Paracelsus-Leitspruch greift, wonach die Dosis das Gift macht. Die UV-Strahlen etwa, die der menschlichen Haut zwar arg zusetzen können, deren Mangel wiederum dem menschlichen Kreislauf nicht gut bekommt. Apparate, mit denen man versuchte, die Sonne elektrisch simuliert ins Haus zu holen, zeigen, wie man hier versuchte, meteorologische Defizite auszugleichen.

Endgültig in der Neuzeit kommt das Museum mit Umrundung Nummer sechs an: Die Sonne als Energiequelle, wobei sich hier zwischen Sonnenkollektoren und Passivhausbau die dialektische Situation abzeichnet, dass die Menschheit heute gezwungen ist, sich die Sonne zunutze zu machen, damit sie an deren Wirkung nicht zugrunde geht.

Die finale siebte Umrundung schließlich führt nach allerlei irdischen Aspekten wieder in den Himmel: zur Sonne als Stern. Sie ist kein Planet, sondern ein schwabbliger Gasball, dessen Pole sich nicht mal gleich schnell drehen und der nicht nur durch seine Hitze, sondern auch durch sein Magnetfeld und seine Winde aus Wasserstoff und Helium das Leben auf der Erde beeinflusst. All das weiß man nicht viel länger als dass der Mensch Probleme mit der Sonne bekommt, wenn er mit der Erde weitermacht wie bisher.

Das Verdienst der Ausstellung liegt vor allem in ihrer Universalität. Viel von dem, was dort verhandelt wird, mag man schon gehört haben, manches fühlt sich so selbstverständlich an, dass man vielleicht noch nie darüber nachgedacht hat und gerade deshalb zu neuen Einsichten findet. Und außerhalb des Museums zum letzten Exponat: dem Original. Vermutlich sieht man es von nun an mit anderen Augen.

Die Ausstellung "Shine on Me - wir und die Sonne" wird bis zum 19. August 2019 dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1, gezeigt. Zur Ausstellung ist ein illustrierter Katalog erschienen. www.dhmd.de

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