Ausstellung "Menschen des 20. Jahrhunderts": Du bist, wonach du aussiehst

Das Leipziger Museum der bildenden Künste zeigt Fotos von August Sander aus der Reihe "Menschen des 20. Jahrhunderts". Die faszinierenden Porträts verbinden zwischen Licht und Schatten Zeitgeschichte und Einfühlsamkeit miteinander.

Leipzig.

Der "Arbeitslose" sieht aus wie ein Häftling, gefangen in seiner ausweglosen sozialen Situation. Der "Schankwirt" scheint selbst sein bester Kunde zu sein. Der "Geldbriefträger" ist sich seiner gehobenen Stel-lung bewusst, ebenso der "Großindustrielle", der erhaben und satt auf seinem Stuhl thront: Über 600 Fotos, die ersten schon aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die meisten aber aus den Jahren der Weimarer Republik, zeigen ein eindrucksvolles Panorama der "Menschen des 20. Jahrhunderts". In sieben Kategorien ("Der Bauer", "Der Handwerker", "Die Frau", "Die Stände", "Die Künstler", "Die Großstadt", "Die letzten Menschen - Idioten, Kranke, Irre und die Materie") lässt er Vertreter zahlloser Berufs- und sozialer Gruppen in ebenso genau und kühl beobachteten wie einfühlsamen Porträts für sich selbst sprechen: Arbeiter, Angestellte, Sekretärinnen, auch den "Cretin", die "Bohéme", "Panoptikumsdirektor" und "Bildhauerin", die sich ihrer besonderen Begabung und Profession bewusst sind.

Das Leipziger Museum der Bildenden Künste zeigt 70 dieser Fotos aus allen Abteilungen, die August Sander 1963 selbst zusammengestellt hat. Sander, 1876 in Herdorf im Westerwald als Sohn eines Bergbauzimmermanns geboren, war als junger Mann einige Jahre lang auf Wanderschaft, die ihn auch nach Halle, Leipzig und Dresden führte. Zu Leipzig hatte er darüber hinaus eine besondere Beziehung, weil er Kontakt mit dem Verleger Ernst Albrecht Seemann pflegte und in der Messestadt 1904 einen seiner ersten Kunstpreise erhielt. Schon Zeitgenossen lobten August Sander. Der Philosoph und Essayist Walter Benjamin schwärmte, dass die Porträts "unerschöpflichen Stoff zur Betrachtung bieten", empfand Sanders Beobachtung als eine "sehr vorurteilslose, ja kühne, zugleich aber auch zarte", die sich im Sinne Goethes mit "dem Gegenstand innigst identisch macht".

Genau so lassen sich Sanders Fotos noch heute lesen: als einfühlsame Dokumente einer Zeit, die die Menschen sich ihrer selbst bewusst werden ließ. August Sander hat sie in seinen Porträts auf das reduziert, was sie waren (oder zu sein schie-nen): Kein unruhiger Hintergrund, kein künstliches Licht, keine künstlerischen Eskapaden oder Experimente stören den Eindruck, den die Fotografierten von sich selbst und auf den Betrachter machen.

Mit dem Blick von heute sagen diese Fotografien aber auch: Du bist, wonach du aussiehst. Das Äußere, die Physiognomie geraten zu einem Wert, zu einer Wahrheit an sich. Was teils fatale Folgen hat, die fern der Menschlichkeit sind, mit der August Sander selbst die Menschen betrachtete. Die Nazis etwa, die Sanders Buch "Antlitz der Zeit" be-schlagnahmten und die Druckstöcke zerstörten, machten sich Äußerlichkeiten zunutze, wie sie in Sanders Fotos zu sehen sind, wenn sie "wertes" und "unwertes" Leben sortierten. Sander, der 1964 in Köln starb, ging es um das äußerlich Typische - das innere Atypische hatte in seinen Fotos wenig Platz. Darin war er ganz Kind seiner Zeit, deren andere "Kinder" er gleichwohl kongenial fotografiert hat. Sehenswert!

Die Ausstellung "August Sander" und seine Fotografien sind noch bis 2. Dezember im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen. Geöffnet ist dienstags sowie donnerstaghs bis sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 12 bis 20 Uhr. www.mdbk.de

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