Bärte der Propheten

Die Texaner ZZ Top sind die am längsten in konstanter Besetzung spielende Rockband der Geschichte: Ihr cooler Wüstenblues ist aber noch aus ganz anderen Gründen legendär. Vor 50 Jahren wurde das Trio gegründet.

Houston, Texas am 10. Februar 1970: Billy F. Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard gehen auf die Bühne der Knights Of Columbus Hall. Es ist eines ihrer ersten Konzerte, der Vorhang hebt sich: Doch anstelle tosenden Applauses herrscht Stille - vor ihnen steht nur ein einziger Zuschauer. "Wir zuckten mit den Schultern und legten einfach los. Nach dem Set kauften wir ihm eine Coke, weil wir so froh waren, dass er geblieben war. Dann spielten wir ihm eine Zugabe", sagt Hill.

50 Jahre machen ZZ Top, die coolsten Bärte des Rock, nun schon Musik, und es gibt eine ganze Menge zu feiern: Das halbe Jahrhundert machte sie zu lebenden Legenden. Längst schweben sie erhaben über Fragen, ob ihre Mischung aus Blues, Boogie und Hardrock retro, nostalgisch oder Oldschool ist. Zeit spielt in ihrem comichaft symbolesken Universum nicht die geringste Rolle. Übrig bleibt nur eine Frage für jedes Stück: "Rockt es?" Ja, verdammt, das tut es! Im Auge der Gegenwart gibt es mittlerweile Diskussionen, ob ihre Lieder, die weibliche Kurven, heiße Schlitten und starken Schnaps besingen, einfach sexy oder doch sexistisch seien. Fest steht jedenfalls, dass Rock sich zu allen Zeiten mit Erotik und der Partyseite des Lebens befasst. Fest steht auch, dass die drei Herren aus Texas die Inszenierung der eigenen Marke nicht bierernst meinen. Wenn etwa im Video von "Sharp Dressed Man" das Geschehen in ironischem Kontrast zum Text steht und da vieles andere auf ihren Platten auch cartoonesk überzeichnet anmutet, sollte man den Humorfaktor nicht unterschätzen. Sie spielen genau jene Sorte Cowboy, der sich an den Stetson tippt und die jeweilige Dame höflich "Ma'am" nennt, während er im Vorübergehen ungeniert ihrer Kehrseite hinterherpfeift. Das Trio repräsentiert eine Welt, in der sich so ein Mann einer Ohrfeige oder eines Kusses gewiss sein darf; meist beidem. So bleiben sie Urviecher des Rock - und imposante Vertreter ihrer aussterbenden Art.

Was mag der Name bedeuten? "Jeder von uns könnte dir eine gute Geschichte dazu erzählen, und keine wäre wahr." Die wahrscheinlichste mag folgende sein: Ihre Verehrung für B.B. King und Z.Z. Hill brachte sie auf die Idee, sich ZZ King zu nennen. Trotz des Augenzwinkerns erschien ihnen dies letzten Endes doch zu angelehnt an die Originale - also ersetzte man den "King" kurzerhand durch "Top".

Einem ganz anderen King, nämlich dem Stephen, verdanken sie den Zuwachs einer neuen Fangeneration. Der Großmeister ausgefeilter Horrorliteratur baut gern eigene Lieblingsbands in seine Bücher ein. In der berühmten Fantasy-Saga "Der dunkle Turm" findet man deutliche Referenzen an ZZ Top. Im 1992 erschienenen dritten Band spielt ihr 80er Hit "Velcro Fly" eine zentrale Rolle im Endzeitszenario der an New York angelehnten, fiktiven Stadt Lud. Eine Hauptfigur erkennt den Track und erwähnt die Band mehrfach. Hierdurch erhielt das Trio auch jenseits ihrer angestammten Veteranen-Klientel Kultstatus.

Musikalisch erhält man den Überblick über die Bärte des Propheten durch eine Aufteilung in drei Phasen. In der ersten Dekade servieren sie eine lupenreine Mischung aus erdigem Blues, einer Prise Texmex-Salat, hartem Southern Rock und gummiartigem Boogie. Wer hier in die Lostrommel greift, zieht ausnahmslos Gewinner. Zwei LPs der Ära benötigt man aber unbedingt: Zunächst die 1973er-Durchbruch-Scheibe "Tres Hombres". Darauf befinden sich irre Nummern wie die Story des "Master Of Sparks". Das Lied erzählt von einer Clique texanischer Rednecks, die des Nachts einen Stahlkäfig samt darin befindlichem Freiwilligen mit 100 Sachen über den Highway schleift. Wer das Spiel überlebt, darf sich "Funkenmeister" nennen: Es heißt, Gibbons sei Träger dieses Ordens. Nicht ganz so seltsam ist "La Grange", im dortigen Volksmund und von ZZ Top als "bestes Hurenhaus in Texas" bezeichnet. Dem tatsächlich existierenden Etablissement wurde später sogar ein Broadwaymusical samt Verfilmung gewidmet. Doch dieses Lied begründet seine ganz und gar eigene Legende: Auch wer nie bewusst etwas von ZZ Top hörte oder nicht einmal Rockfan ist, kennt diesen Höllengroove von einem Ohrwurm.

Zwei Jahre später schiebt ZZ Top "Fandango" nach, einen räudigen Bastard aus Live- und Studioplatte. Die A-Seite enthält derbe Klassiker, die Gibbons & Co. lässig auf Doppel-Z bürsten. Noch schöner ist gleichwohl die B-Seite mit eigenen Songs. "Tush", ihre Lobpreisung des weiblichen Hinterns, die sich rasch zur zweiten großen Visitenkarte mausert. Als absolutes Highlight kristallisiert sich gleichwohl der gefühlvolle "Blue Jean Blues" heraus. Ein typisches Katzenjammer-Lied, in dem der Protagonist beklagt, seine Freundin habe ihn verlassen, noch dazu bekleidet mit seiner zerschlissenen Jeans. Abgesehen davon, dass diese ihr wahrscheinlich weit besser steht als ihm, wird hier jeder Blueskenner unverkennbar einen Namen im Kopf haben: Buddy Guy! Es ist höchst erstaunlich, wie grandios und zwillingshaft Gibbons sich den ebenso technisch versierten wie emotionalen Gitarrenstil seines Vorbilds aneignet. Auch gesanglich legen ZZ Top diese fünf Minuten als perfekt phrasierte Guy-Nummer an. Zweifellos handelt es sich hier um eines der besten weißen Bluesstücke, die es gibt.

Die 80er stehen danach ganz und gar im Zeichen von MTV und großen Stadien. Wie nahezu alle großen Acts der 70er erfinden sich auch die bärtigen Drei (der nur mit Schnauzer ausgestattete Drummer heißt wenigstens "Bart") neu und geben ab 1983 dem alten Affen Zeitgeist ordentlich Zucker mit "Eliminator" (1983) und "Afterburner" (1985). Mancher puristische Fan der ersten Stunde rümpft bis heute die Nase über jene "Plastik-Periode" - doch die Wahrheit sieht anders aus: Killer wie "Gimme All Your Lovin'", "Sleeping Bag" oder "Sharp Dressed Man" prägen nicht nur die Kunstform des Musikvideos, sondern offenbaren sich als perfekte Kreuzungen aus damals modernen Sounds, unterschwelligem Blues plus tanzbarem Hardrock. Gemeinsam mit Regisseur Tim Newman überführten sie die Clips als erste vom reinen Performance-Schnipsel ins Stadium eines Mini-Spielfilms samt Drehbuch und Storyline. ZZ Top tauchen darin sporadisch als ebenso knuffige wie coole Erscheinungen auf, die den jungen Underdogs helfen, das richtige Mädchen, den richtigen Jungen und das richtige Leben zu finden. Ihre popkulturell bedeutenden Videos plus beide Alben schießen weltweit in die Top 10 und machen sie berechtigt zu ikonischen Weltstars.

Im bislang letzten Kapitel trumpfen sie, nach ein paar eher soliden denn begeisternden Durchhängern, wieder mit großen Spätwerken auf. Zurück zu den Wurzeln heißt die Devise. Die Politur der 80er weicht ihren frühen Strukturen, ohne auf die Vorzüge moderner Produktionstechnik zu verzichten. Besonders die 2003 und 2012 erschienenen CDs "Mescalero" und "La Futura" sollten Freunde beider vorheriger Abschnitte spielend an einen gemeinsamen Tisch bringen. Gibbons Stimme klingt im Alter naturgemäß noch mehr nach Sandpapier, Reißnägeln und Tequila als ehedem. Lieder wie das sonnige "Mescalero", der schnurrige "Alley Gator" oder das schmirgelnde "I Gotsta Get Paid" weisen sie einmal mehr als herausragende Songwriter und Musiker aus.

Wie ZZ Top, die ihr Zeichen unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis des Rock brannten, kehrt auch ihre Geschichte regelmäßig wieder zum Anfang zurück. "Der Typ vom Columbus Hall-Gig besucht noch immer unsere Konzerte. Nie verrät er seinen Namen. Er sagt nur: ,Hey, erinnert ihr euch? Ich bin der Typ!' Mann, natürlich erinnern wir uns!"

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