Barockes mit Kontrasten

Mit einem großen Vokalkonzert sind am Mittwochabend im Freiberger Dom die 23. Silbermanntage eröffnet worden. Bei allem musikalischen Genuss - einen Wermutstropfen gab es doch.

Freiberg.

Wie oft hat man diese Melodie im Fernsehen gehört, dieses pompös-triumphale, hochtönende Blech, dem die hohen Streicher sowie die Pauken in den Bässen sekundieren. Ursprünglich war es Musik für einen König, aber irgendwann in der Frühzeit des Pantoffelkinos wählten europäische Medienschaffende das Thema als sogenannte Eurovisionshymne aus - in einer reinen Streicherfassung als Auftakt und Ausklang von international vernetzt ausgestrahlten TV-Formaten wie "Spiel ohne Grenzen", "Aktenzeichen XY... ungelöst" oder dem Grand Prix Eurovision de la Chanson. 16 Takte, eine halbe Minute, bis alle Leitungen standen. Dass es sich bei dem Stück um einen Teil des Präludiums zum "Te Deum" von Marc Antoine Charpentier (1643 - 1704) handelte, wussten nur die wenigsten. Ebenso, wie es nach den 16 Takten weitergeht.

In Mittelsachsen wissen das seit Mittwochabend einige Menschen mehr: Buchstäblich zum Auftakt der 23. Silbermanntage erklang im Freiberger Dom St. Marien eingangs des Eröffnungskonzerts "Musik für Könige - Von Versailles nach Dresden" das rund 25-minütige Sakralwerk des Parisers in voller Länge.

"Musik & Macht" ist die diesjährige, 23. Auflage des elf Tage dauernden Musikfestes überschrieben, das mit dem ideellen Zentrum in Freiberg seine Fühler bis nach Dresden und ins Mittlere Erzgebirge ausstreckt und bei der Programmgestaltung auf Klasse statt Masse setzt. Insofern war die Eröffnung in Freiberg gleich ein guter Einstieg: Das Collegium Vocale Leipzig und die Solisten Gesine Adler, Susanne Langner (Soprane), Marie Henriette Reinhold (Alt), Christoph Pfaller (Tenor) und Tobias Ay (Bass) gaben gemeinsam mit der auf Instrumenten historischer Mensur spielenden Merseburger Hofmusik unter Leitung von Michael Schönheit dem frühbarocken Meisterwerk ein so feierliches wie leichtfüßiges Gepräge - und zugleich eine Ahnung davon, wie weit der Interpretationsspielraum bei Alter Musik ist. Besagtes "Te Deum"-Vorspiel etwa, das man gemeinhin als gemessen flotten Marsch im Ohr hat, kam über das Publikum wie ein Parforceritt und wurde durch das ehrgeizige Tempo um etwa ein Viertel kürzer als gewohnt. Das "Te Deum" lebt vom Wechsel zwischen barocker Extrovertiertheit und intimen Solistenpartien voller Ruhe und Besinnung - was klanglich insofern einen Kontrast setzt, als die Akustik des Freiberger Doms mit seinem hohen Mittelschiff auf hohe Dynamik und schnelle Tempi empfindlich reagiert. Da kann das Ensemble, können die Sänger noch so mustergültig intonieren - auf dem Weg zum Zuhörer geht viel verloren an Konturen, an Transparenz. Das wurde auch bei der "Missa 1733" von Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) deutlich, quasi der zuerst geschaffenen "Light-Version" der Messe in h-moll für August den Starken von Sachsen. Man ahnte, welche Liebe und Arbeit die Leipziger nebst Solisten gemeinsam mit den Merseburgern in dieses Referenzwerk gesteckt hatten. Schließlich sitzt bei Bach kein Ton ohne Grund da, wo er sitzt. Und seine Modernität, seine Zeitlosigkeit im Kontrast zu frühbarocken Werken zu erleben, ist immer wieder frappierend. Und doch ging auch bei diesem knapp einstündigen Werk zumindest in den lauten Passagen viel an Konturiertheit, Transparenz und mithin Wirkung verloren. Mag St. Marien speziell im Zusammenspiel mit dem historischen Bautenensemble des Freiberger Untermarktes das schönste Gotteshaus der Bergstadt sein - das mit der besten Akustik ist es nicht.

Was sich freilich für Orgeldarbietungen schon wieder ganz anders verhält. Auch eine solche gab es zu erleben. Zwischen den beiden geistlichen Chorwerken stand auf dem Programm der Orgelzyklus "Veni Creator" des Franzosen Nicolas de Grigny (1672 - 1703), dargeboten von Erwan le Prado, seines Zeichens Organist an der Abbaye de St. Étienne in Caen. Le Prado spielt praktisch international in einer Liga mit dem Freiberger Domorganisten und künstlerischen Festspielleiter Albrecht Koch. Was dem die Silbermannorgel ist, ist dem Mann aus der Normandie seine Cavaillé-Coll: Orgelbaumeister Aristide Cavaillé-Coll war für den französischen Orgelbau der Romantik das, was der Freiberger Meister für das barocke Sachsen bedeutet. Und Le Prado machte mit den vielfarbigen, von liturgischen Sequenzen der Männerstimmen des Collegium Vocale unterbrochenen Stücken aus dem schmalen Werk des Franzosen deutlich, worin die romantische französische Orgelmusik wurzelt, die sich ziemlich bald von der Funktion des reinen religiös konnotierten Instruments emanzipierte. Über große Monitore konnten ihm die Zuhörer bei seinem Spiel in ihrem Rücken und über ihren Köpfen sogar über die Schulter sehen. Mal ein sinnvoller Einsatz moderner Technik! Die Begeisterung des rund 475-köpfigen Publikums für die an diesem Abend von allen Beteiligten dargebotene Musik fiel am Ende verdientermaßen groß aus. Bis 15. September gilt es noch zahlreiche Entdeckungen bei den Silbermanntagen zu machen. Sicher auch, was die Akustik der Spielorte angeht.

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