Bauhaus trifft VR-Brille

Das Dresdner Duo Ätna über die Grenzen des Jazz, musikalische Vorbilder und den Produzenten als Glücksfall

Die Begriffe sind austauschbar, die Mischung macht es spannend: Das Dresdner Duo Ätna mixt seit vier Jahren und zwei EPs höchst kreativ Elektronika, Indiesounds und Jazz zu einem eigenwilligen Gebräu, das am Ende doch tanzbarer Pop ist. Nun kommt ihr Debüt "Made by Desire" raus, das weitere Klangfarben hinzufügt. Warum Spielfreude und Experimentierlust wichtiger sind als Schubladen und Akkorde, verraten Inéz Schaefer und Demian Kappenstein im Gespräch mit Karsten Kriesel.

Freie Presse: Sie haben sich im Umfeld des Studiums auf einer Party getroffen: Wie findet man da zusammen heraus, was die Art von Musik ist, die man gern zusammen machen möchte?

Demian Kappenstein: Wir wussten ja, dass wir beide Jazz studieren und auch Jazz machen wollten.

Inéz Schaefer: Ich habe Demian zuerst gefragt, ob er in der Band, in der ich damals war, aushelfen kann als Schlagzeuger. Dann hatten wir also dieses Jazz-Quintett. Das war aber logistisch schwierig. Parallel hatten wir angefangen, auch zu zweit einen Song zu schreiben und haben schnell gemerkt: voll cool. Mir war schnell zu viel, was die anderen gespielt haben, fünf Leute sind einfach anstrengender als zwei. Zu zweit kommt man viel schneller voran.

Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Kappenstein: Es kommt darauf an, wer fragt. Oft antworten wir mit etwas, was man sich gerade nicht konkret vorstellen kann, um damit die beste Antwort zu provozieren, nämlich es sich selber anzuhören. Wir sagen dann so etwas wie Elektro-Pop oder Indie-Pop. Oft beschreibe ich gern die Instrumente, die wir bedienen, weil das schon einen roten Faden vorgibt: Inéz singt, spielt Bass, Piano und Synthesizer. Ich selbst spiele Schlagzeug, auch ein bisschen Bass und bediene die Elektronik. Wir versuchen immer, sehr viel gleichzeitig abzudecken. Die Inspiration reicht da von 90er-Trashpop bis zu folkloristischen Einflüssen. Und natürlich können wir dieses Jazz-Ding nie so ganz ablegen.

Frau Schaefer, sie sagten einmal, die Grenzen des Jazz seien Ihnen zu eng. Nun ist Jazz ja eigentlich für seine Offenheit bekannt. Wie haben Sie das gemeint?

Schaefer: Die Leute haben uns am Anfang gesagt, wir müssten mehr Akkorde verwenden. Zu eng war mir da vor allem die Hörersicht. Die Jazzleute haben gesagt, das ist doch Pop und kein Jazz, was ihr da macht. Die Popleute sagten, es höre sich so jazzig an. Diese Grenze fand ich einfach doof. Und ich sah es dann auch nicht ein, irgendwelche komplizierten Akkorde in die Musik bauen zu müssen, damit es als Jazz zählt. Klar, Jazz ist super offen. Aber wenn man versucht, uns da irgendwo einzusortieren, dann sind mir diese Schubladen zu doof. Ich finde die Genres dann uncool, wenn sie zu einer Begrenzung werden.

Gibt es bei aller Freiheit trotzdem Vorbilder?

Schaefer: Ganz viele! Ich habe früher gerne Enya gehört und Andrea Bocelli, das war der musikalische Einfluss meiner Mama. Und von meinem Papa kam viel afrikanische und indische Musik. Prodigy finden wir beide ganz cool.

Kappenstein: Im Studium waren das auch Sachen wie Björk. Allgemein Künstler, die interessante Sachen mit der Stimme machen. Uns begeistert vieles, Altes und ganz Junges. Letzte Woche ist das Blond-Album rausgekommen, das hören wir gerade viel im Auto.

Sie waren mit zwei EPs schon international auf Tour. Wie ist da der Druck für das Album-Debüt?

Kappenstein: Am liebsten hätten wir erst mal weiter EPs gemacht. Das ist eigentlich ein tolles Veröffentlichungsformat, der Spannungsbogen ist ein anderer. Bei einem Album geht es mehr um Abwechslung, eine EP kann viel mehr aus einer Richtung kommen. Aber insbesondere im deutschen Raum scheint die Aufmerksamkeit mehr auf ganzen Alben zu liegen. Und dann haben wir gesagt, gehen wir es an, auch, weil wir mittlerweile genug neues Material zusammenhatten. Am Ende war es sehr spannend, auch weil wir gemerkt haben, andere Farben mit reinbringen zu können.

Schaefer: Labeldruck hatten wir zum Glück keinen. Wir haben dann entschieden, wir sind jetzt bereit dafür, lass uns mal machen. Und dann nach einem Label schauen.

Kappenstein: Wir waren auch schon fast bereit, es komplett selbst zu machen. Viel von der Papierarbeit, um ein eigenes Label zu gründen, war schon erledigt. Mit den Möglichkeiten, die man heutzutage hat, wäre das auch eine Option gewesen. Aber mit einem Label, das von einem begeistert ist, das Bock auf einen hat, ist es auch toll. Das spart einem die Verwaltungssachen, damit man Musik machen kann.

Seit der ersten EP arbeiten Sie mit dem Produzenten Moses Schneider, der von Tocotronic und den Beatsteaks bekannt ist. Wie seid ihr an ihn gekommen?

Schaefer: Einer der glücklichsten Zufälle, die man sich vorstellen kann.

Kappenstein: Moses hatte noch einen Gefallen offen bei dem Produzenten aus unserem Freundeskreis, den wir eigentlich angefragt hatten. Der hat uns weitervermittelt. Vor allem, weil Moses wie kaum ein anderer für dieses Live-Recording steht. Er kann aus einer Band, die einen Song spielt, alles rausholen. Der andere Produzent hätte dann eher am Rechner Dinge gesetzt und geschoben - wir wurden ihm als Jazz-Duo angekündigt, da hatte er schon einiges befürchtet. Moses sagt von sich ganz ehrlich, dass seine Offenheit im Jazz Grenzen kennt. Aber seit wir ihm unsere Musik vorgespielt haben, sind wir sehr intensiv am Zusammenarbeiten.

Man kann ein ganzes Album am Laptop produzieren. Sie dagegen machen sogar jeden Effekt selbst. Warum?

Schaefer: Weil es für uns viel organischer und lebendiger ist.

Kappenstein: Die Limitierung macht es klarer, finde ich. Ich kenne Musiker, wenn die vor dem weißen Blatt sitzen und ein Stück erstellen wollen, können die wochenlang zum Beispiel damit verbringen, sich rauszusuchen, wie jetzt die große Trommel klingen soll. Da können sie am Rechner aus 350 Varianten wählen. Mir würde das schnell den Wind aus den Segeln nehmen. Die Instrumente, die wir haben, kann ich mit Effekten verfremden, aber das ist übersichtlich. Und es ist eben nicht beliebig Es macht auch Spaß zu schauen: Wie kann ich es ausgestalten und es trotzdem noch selbst spielen?

Sie mixen Anleihen aus Bildender Kunst, Mode und Design mit zahlreichen Chiffren modernen urbanen Lebens: Bauhaus trifft VR-Brille, quasi. Das wirkt bei aller Vielschichtigkeit mitunter recht verkopft Wie planvoll suchen Sie die Elemente zum "Gesamtwerk Ätna" zusammen?

Kappenstein: Auf einmal betrachtet, wirkt das vielleicht manchmal etwas viel. Wie bei einer Pralinenschachtel - von der man erst mal lieber nur eine isst. Ja, wir sind sehr design- und kunstaffin. Gerade Bauhaus liegt uns sehr. Aber dann wandeln sich auch Sachen, von eher minimalistisch zu dichter.

Gerade planen Sie ein Virtual-Reality-Konzert. Wie darf man sich das vorstellen?

Kappenstein: Diese Gestaltungsebene finden wir spannend, denn uns geht es ja auch um Bühnenbilder, Fashion- und Designaspekte. Und da ist Virtual Reality eine sehr interessante Ausdrucksebene. Man würde uns dabei live hören, sieht aber die Bildwelten, die wir uns vorstellen und digital umsetzen.

Schaefer: Während wir im Studio live spielen, hätten wir entsprechende Anzüge an, die unsere Bewegung auch direkt in die VR-Welt übertragen. So können wir auch mit den Leuten interagieren. Es ist eine neue Gestaltungsebene. Leute, die sonst vielleicht nicht so viel auf Konzerte gehen, können so bestimmte kulturelle Phänomene in ihre Welt übersetzt bekommen. Wir arbeiten gerade mit einer Firma zusammen, die da Pionierarbeit betreibt.

Das Video zum Titel "Won't Stop" vom Ätna-Debütalbum "Made by Desire":


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