Behemoth-Frontmann: "Sie lesen nur Überschriften"

Adam "Nergal" Darski über radikale Kunst, freies Denken und menschliche Widersprüche

Gdynia.

Der Pole Adam Darski ist nicht nur der umstrittenste Musiker seines Landes - er ist international auch der erfolgreichste. Anfangs war der Sänger und Gitarrist unter dem Pseudonym Nergal mit seiner Band Behemoth nur in der Black-Metal-Subkultur unterwegs und beschäftigte mit Provokationen wie öffentlichem Bibel-Zerreißen Presse und Gerichte seiner Heimat. Spätestens seit dem Meilenstein "The Satanist" von 2014 hat sich die Gruppe aber stilistisch freigeschwommen und wurde mit kunstvollem Extrem-Metal zur weltweit führenden Branchengröße. Nun legt Behemoth mit "I Loved You At Your Darkest" einen beeindruckenden, vielschichtigen Nachfolger vor, der der Band international riesige Aufmerksamkeit beschert - trotz eines so elegant wie drastisch ausgestelltem Satanismus. Warum? Tim Hofmann hat mit Adam Darski gesprochen.

Freie Presse: Herr Darski, manche Satanisten glauben an einen zerstörerischen dunklen Geist, andere sind Atheisten mit einer gewissen Lust an Provokation. Wo stehen Sie?

Adam "Nergal" Darski: Nun, ich bin vor allem ein Eremit in dieser Welt, ein Freidenker. Ich versuche die Magie des Lebens zu ergründen und lerne dabei immer Neues.

Jeder Mensch ist letztlich das Produkt seiner gesammelten Einflüsse. Was bedeutet denn da "Freidenken" für Sie?

Vom Universum zu lernen bedeutet für mich, die Grenzen der bisherigen Erfahrung immer weiter zu dehnen, den Verstand offen zu halten und immer weiter zu suchen. Gerade weil ich nur die Summe meiner Erfahrungen bin. Ich mag es nicht, limitiert zu sein. Man darf sich nicht in einem Muster oder einer Doktrin fesseln lassen. Das Ausdehnen gelingt nur, wenn man sich so frei wie möglich macht - auch wenn es eine absolute Freiheit nie geben kann.

Weil eben nichts aus dem Nichts kommt?

Exakt. Wir erfinden Dinge nicht, wir transformieren sie nur. Auch wenn Musiker oft sagen, dass ein Riff oder ein Text plötzlich einfach so in ihrem Kopf waren, stimmt das ja nicht: Jeder Gedanke kommt aus meiner Intuition, und die ist immer die Summe all meiner Lebenserfahrungen. Also kommt alles immer von irgendwoher. Auch wenn man es eventuell keiner speziellen Quelle mehr zuordnen kann und deshalb das Gefühl hat, es sei einfach so entstanden, sind immer Quellen da.

In Ihrer Autobiografie "Beichten eines Ketzers" beschreiben Sie, dass es für Sie wichtig war zu lernen, Ihren Geschmack von rationalen Erkenntnissen zu trennen. Wie schafft man das?

Nun, nur weil ich etwas für den Tod nicht ausstehen kann, heißt das ja nicht, dass es prinzipiell schlecht ist. Wenn man den simplen Gedanken erst einmal versteht, kann er einen im Leben sehr viel weiterbringen!

Aber ist nicht der Geschmack für jeden Menschen ein wichtiger Gradmesser?

Natürlich - weil es leicht ist, sich danach zu richten. Für manche Situationen ist das auch sinnvoll. Aber ich darf mich davon doch nicht beirren lassen! Etwas nicht zu mögen sollte nie dazu führen, der Sache einfach nur aus dem Weg zu gehen. Nein, ich will es begreifen, ich will es studieren, will verstehen, was dahintersteckt. Bin ich gegen das Christentum? Auf jeden Fall! Habe ich gute Freunde, die tief gläubige Katholiken sind? Aber natürlich! Der Mensch ist ein verdammt komplexes, sehr widersprüchliches Wesen. Jeder von uns! Nur, weil wir auf der einen Ebene nicht miteinander kommunizieren können, heißt das ja nicht, dass wir das auf einer anderen nicht schaffen. Natürlich sind wir dabei irgendwo alle auch Heuchler. Aber ich habe doch jederzeit die Chance, aus meinen Fehlern zu lernen, das liegt ja allein an mir. Ich kann heute versuchen, ein besserer Mensch zu sein als gestern - und morgen ein besserer als heute!

Urteilen wir zu schnell?

Absolut! Wir urteilen sofort, wir sind sehr ungeduldig, wir machen uns nicht die Mühe tiefer zu gehen, um andere Menschen zu verstehen. Deshalb habe ich ein Problem mit vielen Menschen, die ich in sozialen Medien treffe. Die lesen nur noch Überschriften. Sie gehen nicht tiefer, entwickeln keine Empathie und suchen nur nach Sündenböcken, um sich besser zu fühlen als andere.

Sind Sie ein Extremist?

(überlegt) Eigentlich nicht.

Wer die antichristlichen Videos Ihrer Band gesehen hat, würde Sie eventuell so bezeichnen ...

Nun, dann müsste diese Person lernen, was eine Metapher ist. Ich bin in Polen für meine Videos und Texte schon vor Gericht gestellt worden. Dort konnte ich aber gut erklären, dass auch drastische Bilder Methapern sind. Gerade Kunst ist dafür da, sich mit den dunklen Seiten unseres Wesens auseinanderzusetzen. Ich als Künstler kann aber nur die Verantwortung dafür übernehmen, was ich ausdrücken will - nicht dafür, was der Hörer oder Betrachter herausliest. Ich will niemanden verletzen, aber ich möchte eben auch meine Gedanken auf meine Weise ausdrücken.

Wollen Sie Menschen mit extremen Darstellungen dazu bewegen, sich für neue Interpretationsspielräume zu öffnen?

Absolut. Als Künstler geht man in seinem Werk auf, man verschwindet darin. Da gibt es keine direkte Brücke zu anderen Menschen. Wir leben in dunklen, verstörenden und gefährlichen Zeiten. Das kann ich nur aufnehmen und als Kunst wieder herausschreien. Denn wenn ich schreie, dann werde ich vielleicht gehört. Das erzeugt natürlich eine gewisse Radikalität, aber gerade in dieser sehe ich viel Schönheit!

Birgt Radikalität aber nicht auch viele Gefahren?

Vielleicht. Doch ehrlich: Ich denke, Kunst sollte gefährlich sein! Sie ist nicht dazu da, das Leben einfacher zu machen oder luxuriös. Kunst soll dich in eine unkomfortable Situation bringen! Denn erst dann stellst du Fragen und bewegst dich.

Adam "Nergal" Darski

Der studierte Historiker und Museumskurator gründete 1991 in seiner polnischen Heimat die Band Behemoth. 2007 wurde er wegen "Verletzung religiöser Gefühle" angeklagt, nachdem er öffentlich eine Bibel zerriss - die Klage wurde aber abgewiesen. Kirchliche Proteste sorgten dann dafür, dass er als Juror der polnischen Castingshow "The Voice" ausgeladen wurde. 2010 erkrankte Darski an Leukämie, durch eine Stammzellenspende wurde er ein Jahr später geheilt. (tim)

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