Bei sich selbst ankommen

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Jörg Magenau erzählt in seinem ersten Roman "Die kanadische Nacht" von (s)einer Selbstfindung.

Das Sprechzimmer, in dem der Vater seine Patienten empfängt, darf er als Junge nur betreten, wenn er was ausgefressen hat. Dann empfängt ihn der Vater mit Stethoskop um den Hals hinterm Schreibtisch und hält ihm eine Standpauke samt angemessener Strafe als "Therapie". "Ich blickte schuldbewusst zu Boden, und wenn ich den Raum - halb bedrückt und halb erleichtert - wieder verließ, hörte ich, wie mein Vater ans Waschbecken trat, um sich die Hände zu waschen, wie er es nach jedem Patientenbesuch zu tun pflegte."

Kein Wunder, hat der namenlose Protagonist in Jörg Magenaus Roman "Die kanadische Nacht" kein allzu gutes Verhältnis zu seinem Vater. Fast 30 Jahre hat er ihn nicht gesehen. Erst als der 91-Jährige nach einem Treppensturz im Sterben liegt, macht der Sohn sich auf nach Kanada, wo der Vater im Ruhestand ein neues Zuhause gefunden hat. Die Reise kommt ihm gerade recht: Ist in Berlin doch sein aktuelles Buchprojekt gescheitert. Zwei Jahre hat er an der "Biografie eines vergessenen, oder vielmehr niemals berühmt gewordenen Dichters" gearbeitet. Als das Buch fertig war, hat die Witwe, eine Malerin, ihr Veto eingelegt. Zwei Jahre Arbeit umsonst. Anfangs hatte er noch Zweifel, ins Flugzeug zu steigen. "Warum einen Sterbenden aufsuchen, wenn man sich das ganze Leben lang verpasst hat?"

Die Reise wird zu einem Trip zu sich selbst. Während er mit einem schwarzen VW Golf, den er in Calgary am Flughafen geliehen hat, zum Vater nach British Columbia fährt, ziehen Szenen aus der Vergangenheit vorüber. Von der Mutter ist da zu lesen, die vor dem Leben mit diesem kalten Mann in eine Affäre mit dem Klavierlehrer floh und wenige Jahre nach der Scheidung an Krebs gestorben ist, weil sie die Naturmedizin und Rudolf Steiner der von ihrem Ex propagierten Schulmedizin vorzog. Die zweite Ehefrau des Vaters ging mit ihm nach Kanada und wurde an seiner Seite depressiv. Und dann ist da natürlich der Vater selbst, der mit dem Sohn nur eine Vorliebe für Hölderlin gemeinsam hat. Soweit der Erzähler sich erinnert, war in seiner Kindheit der Vater stets abwesend. "Vielleicht hatte ich deswegen immer wieder Biografien über berühmte Schriftsteller geschrieben, weil mir die Vaterfigur fehlte. Der abwesende Vater war eine Leerstelle, die es zu füllen galt."

So manch eigene Erfahrung wird der 1961 in Ludwigsburg geborene Jörg Magenau seinem ersten Roman eingeschrieben haben. Schrieb doch auch er als Journalist jahrelang in "taz", "FAZ" und "Süddeutscher Zeitung" nur über andere. Einfühlsame Biografien von Christa Wolf (2002), Martin Walser (2005) oder den Brüdern Ernst und Georg Friedrich Jünger (2012) sind daraus hervorgegangen. Von sich und seinen eigenen Erfahrungen hat er nie erzählt. Warum nicht? Weil es ihm, wie er über seinen Protagonisten im Buch urteilt, an Eigenheiten und Fantasie mangelte? War es Unsicherheit? Eine Flucht vor sich selbst? Magenau hat sich lang genug mit Literatur beschäftigt, um die Antwort offen zu lassen. Seinem Roman stellt er das Zitat aus Eckermanns Gesprächen mit Goethe voran, demnach der Dichter über seine "Wahlverwandtschaften" sagte, "dass darin kein Strich enthalten (sei), der nicht erlebt, aber kein Strich so, wie er erlebt worden".

Auch, ob es ein reales Vorbild für den Dichter und die Malerin im Buch gibt, lässt Magenau offen. Das spielt auch gar keine Rolle. Handelt es sich doch um eine fiktive Geschichte und das Rätseln, ob es sich dabei um einen Schlüssel-Roman handelt, erhöht nur den Reiz der Lektüre. Mit der ganzen Fertigkeit des erfahrenen Feuilletonisten hat Jörg Magenau einen lebensklugen Roman geschrieben, der viele Wahrheiten und jede Menge psychologische Einsichten enthält. Eine bewegende Vater-Sohn-Geschichte, die durch starke Bilder lebt. Über das Schreiben sinniert er darin ebenso wie über soziale Prägung, Liebe oder das Leben für die Kunst. Nebenbei erzählt er von der Initiation eines Schriftstellers. Ob es die von Jörg Magenau selbst ist und er fortan nur noch Romane schreiben wird, wird die Zukunft zeigen. Zu hoffen, wäre es. Macht sein Debüt doch Lust auf mehr.

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