Beißt nicht, will nur spielen

Der kanadische Pop-Rocker Bryan Adams begeistert das Publikum in der fast ausverkauften Leipziger Arena mit Hits am Fließband - sympathisch, aber wenig originell.

Leipzig.

"Herr, das Volk draußen wird unruhig. Ich bitte um die Erlaubnis, es ein wenig zerstreuen zu dürfen." Stammt aus der Monty-Python-Komödie "Das Leben des Brian", könnte aber auch am Anfang des Konzerts mit Bryan Adams stehen. Mit mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern in den etwa 40 Jahren seiner Karriere gehört der Kanadier Bryan Adams zu den Granden des Popgeschäfts. Warum das so ist, demonstrierte er auch am Mittwochabend in der mit 7000 begeisterten Fans fast ausverkauften Leipziger Arena. Zerstreuen kann er das Volk bestens.

Der 1959 als Sohn eines Berufssoldaten in Diensten der Uno geborene Sänger fand sich in den 80er-Jahren eher "aus Versehen" auf dem Pop-Thron wieder, wie die New Yorker "Village Voice" befand, und hielt sich lange dort oben. Er hatte ein Händchen für knackige, einprägsame Popmelodien, die er rockig verpackte - was er live auch immer noch hervorragend zelebriert. Mit seiner Band - Keith Scott an der Leadgitarre, Schlagzeuger Mickey Curry, Keyboarder Gary Breit und Bassist Norm Fisher - hämmert er sich durch Hits wie die frühen Klassiker "Summer Of '69", "Somebody" und "Run To You" sowie "Cuts Like A Knife" und die Hits der 90er: "Everything I Do", "Please Forgive Me", "All For Love".

Die Lieder des Bryan haben im Grunde nur drei Themen: Liebe, Liebe, Liebe. Na gut, manchmal vielleicht auch noch: Liebe. Die aber in vielen Facetten: mal in einen sozialen Kontext gestellt wie in "Ultimate Love", wo sie einen pazifistischen Zweck erfüllt, mal eher persönlich: "When You're Gone", das er allein, mit begrenzten Fähigkeiten auf der Akustikgitarre und damit sehr schön unperfekt spielt.

In seinem Konzert bleibt nichts dem Zufall überlassen. Er werde versuchen, alle Songs zu singen, an die er sich erinnert, kündigt er an. Diese Koketterie mag er. Selbst kleine Gags sind sorgfältig inszeniert: Als er "It's Only Love" ansagt, macht er es spannend: Er habe den Song 1985 mit Tina Turner aufgenommen ... , die Trommel wirbelt erwartungsvoll ... , "und heute ... (Atem anhalten) ... ist sie nicht da". Das Publikum singt textsicher jeden Song mit, und es tanzt nach kurzer Aufforderung hervorragend trotz beengter Platzverhältnisse in der vollen Arena. Zwischendrin gibt es mehrfach standing ovations für den ein bisschen in die Jahre gekommenen Künstler, der nun auch nicht mehr in Jeans und T-Shirt, sondern im schicken Sakko auftritt.

Zu jedem Song laufen auf eine große Leinwand eingespielte Videos, die in ihrer edlen Ästhetik oft an die mehrfach ausgezeichneten Porträtfotos von Bryan Adams erinnern. Er hat nicht nur Prominente und Models stilsicher abgelichtet, sondern auch britische Soldaten, die schwer verwundet aus dem Irak und Afghanistan zurückkehrten. Die Serie "Wounded - The Legacy Of War" ist ein beeindruckendes und berührendes Dokument der Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit jedes Krieges. Sehenswerte Fotos von Menschen, die mit ihren Wunden überlebt haben und sich das Leben nun neu erkämpfen müssen, erschreckend, aufrüttelnd.

Anders als seine Popsongs - sie sind perfekt gemachte Unterhaltungsmassenware -, was aber in Zeiten der in ihrer Sprachlosigkeit geteilten Gesellschaften auch eine Qualität sein kann. Adams' Lieder vereinen, was und wen die Mode ansonsten vielleicht streng trennen würde. Sie schwören ein auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner, und sei es nur "bitte, vergib mir". Sie versprechen ewige Liebe, ewige Treue, ewige Jugend - Versprechen, die das wirkliche Leben nur selten halten kann.

Dabei ist Bryan Adams manchmal nur einen Schritt von wirklicher Klasse entfernt. Aber während The Clash aus dem Crickets-Klassiker "I Fought The Law" den kreischenden Aufschrei eines Sträflings machen, der "gegen das Gesetz gekämpft" hat, "aber das Gesetz hat gewonnen", wird daraus bei Bryan Adams ein etwas hektisch herunter gedroschenes Lied, das wenig Raum für Zwischentöne lässt und Härte nur vortäuscht. Im Grunde ist Bryan Adams ein Popmusiker, der seine Songs in eine raue Rock-'n'-Roll-Hülle verpackt - aber er beißt nicht, er will nur spielen.

In einem der Videos ist zu sehen, wie er durch eine Einkaufsmeile spaziert, hier und da Bekannte grüßt, ein, zwei Worte mit ihnen wechselt. Er ist der nette Mann von nebenan, einer, den man gern kennt, von dem man ungesehen einen Gebrauchtwagen kaufen würde. Er vereint hohe Sympathiewerte, Selbstbewusstsein und harte Arbeit mit wenig Originalität - eine Art Beständigkeit, die sich fast ungewollt gegen die als beängstigend empfundenen allgegenwärtigen Unsicherheiten der Digitalisierung, Globalisierung, Radikalisierung, permanenten Selbstoptimierung stellt. Man muss die Musik Adams' nicht lieben, aber hassen wird man ihn auch nicht. Das mit der Zerstreuung hat jedenfalls gut geklappt - dafür gab es viel Applaus und mehrere Zugaben.

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