Belastungsprobe zum Jubiläum

Seit zehn Jahren bringt das freie Fritz-Theater Kultur und Unterhaltung auf die Bühne des ehemaligen Wismut-Theaters in Chemnitz-Siegmar. Ein Grund zum Feiern - doch Virus-bedingt muss nun eher am Überleben gearbeitet werden.

Chemnitz.

Die Premiere von "Der Gott des Gemetzels" im Fritz-Theater war einzigartig. Im wahrsten Wortsinne. Denn das Kammerspiel wurde nur ein einziges Mal gezeigt, dann kam Covid-19 und die damit verbundenen Einschränkungen im öffentlichen Leben.

Schon die Premiere war heikel und fand am 14. März unter erschwerten Bedingungen statt. "Wir haben alle Besucher aufgeklärt, die Sitzplätze reduziert und von jedem die Kontaktdaten gesammelt", erklärt Isabelle Weh, die gemeinsam mit Hardy Hoosman und Alica Weirauch das Fritz-Theater leitet. Falls einer der Gäste Symptome des Corona-Virus gezeigt hätte, sei man vorbereitet gewesen. Allerdings sei das bis heute nicht der Fall gewesen, so Weh. Dennoch sei die Vorstellung ein Wagnis gewesen, wenn auch im gesetzlich zulässigen Rahmen. Man habe die vier Schauspielerinnen und Schauspieler aber nach wochenlangen Proben, nicht "auf ihrer ganzen Energie sitzen lassen wollen". In der Woche darauf stellte das Theater seinen Spielbetrieb ein und schloss, wie sämtliche andere Kulturbetriebe der Stadt Chemnitz und des ganzen Bundeslandes Sachsen auch, seine Türen. Und das im großen Jubiläumsjahr des Theaters, das sein zehnjähriges Bestehen mit einem umfassenden Programm feiern wollte und noch immer will. Geplant sind beispielsweise Wiederaufnahme beliebter Stücke, über die das Publikum vorher abstimmen durfte. Einiges davon wird nun wohl gestrichen und verschoben werden.

Doch was stellt das Theaterteam mit dem Leerlauf an? "Langweilig wird uns nicht", sagt Weh. Im Theater selbst gäbe es reichlich Inventur- und Aufräumarbeit, zudem könne das Team nun angestauten Papierkram abarbeiten. Weh selbst hat gerade den Auftrag erhalten, eine Geschichte zu dramatisieren und in ein Theaterstück für Kinder umzuarbeiten. An Arbeit mangelt es nicht, doch die bringt erst einmal keine Besucher. Ein Problem für die Theatermacher ist aber, wie bei vielen anderen Kulturschaffenden derzeit auch, das Geld. Bei dem Theater handelt es sich um eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, kurz GbR. Bedeutet: Das Leitungsteam ist nicht fest angestellt, sondern agiert als Gruppe jeweils freischaffender Künstler, die sich zu dieser Rechtsform zusammengeschlossen haben. "Wir haften also alle auch privat, wenn es schlimmstenfalls zur Insolvenz kommt", sagt Isabelle Weh.

Doch so weit ist es noch nicht in Siegmar. Das Theater wurde in diesem Jahr von der Stadt Chemnitz mit Geld bedacht, davon ist noch etwas vorhanden. "Allerdings wurde es für das gesamte Jahr ausgeschüttet, wir können es nicht einfach komplett ausgeben, wir brauchen es für unsere Inszenierungen", sagt die Theaterleiterin. Große Rücklagen gibt es auch nicht und aktuell wird kein neues Geld in die Kassen gespült, solange der Spielbetrieb still steht. "Wir als Leitungsteam haben in dieser Woche unsere Hartz-4-Anträge ausgefüllt", sagt Weh. Der Schritt sei unvermeidbar gewesen, auch der Deutsche Bühnenverein rate dazu. Mit den beiden angestellten Minijobbern sei man einig geworden. Das Ensemble besteht hauptsächlich aus dem Leitungsteam selbst und einem festen Stamm von Gastschauspielerinnen und -schauspielern, letztere müssen nun wohl verzichten. Auch die Jugendtheatergruppe und die Laiengruppe machen Pause. "Spätestens im August muss es wieder bei uns losgehen, wenn es keine andere Finanzierung gibt", hat Isabelle Weh errechnet. Aktuell prüft sie mit ihrem Team, welche Förderprogramme der Bundes und der Länder auf ihre Institution passen. Sie alle wollen nicht aufgeben - auch, weil die Resonanz des Umfeldes gut ausfällt. "Wir haben nicht das Gefühl, vergessen zu sein", sagt Isabelle Weh. Menschen aus dem Umfeld würden sich solidarisch zeigen, es habe Zeichen vonseiten der Stadt und anderer Instanzen gegeben, um dem Theater den Rücken zu stärken. Nun müssen der Worte noch Taten folgen. Derzeit denkt das Team über neue Formate nach, etwa einen Livestream. Genaueres könne aber noch nicht verraten werden, vor allem hoffe man auf ein schnelles Ende der Pandemie, sodass der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden könne. Wie genau der dann aussehen wird, bleibt offen. "Es hat sich ja alles verschoben. Wir müssen dann sehen, wann welcher unserer Schauspieler Zeit hat und können daraus einen Spielplan erstellen", so Weh. Vor allem ein Stück von Loriot soll dabei sein, dafür hätten viele Menschen schon Karten für die Osterzeit gekauft und die wollen sie sicher schnell einlösen, wenn das Theater wieder seine Türen öffnen darf.


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