Besser als gedacht

Sind wir auf der Erde einander Feind, und Egoismus treibt uns an? Der Historiker Rutger Bregman hält das für eine fatale Lebenslüge: Er sieht die Menschheit gefangen darin, sich selbst schlechtzureden.

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!", dichtete einst Goethe: "Denn das allein / unterscheidet ihn / von allen Wesen". Viele würden das heute als Spinnerei abtun oder diese Worte vielleicht noch als frommen Wunsch durchgehen lassen - und unrealistisch nennen. Denn wir wissen doch alle, wie die Menschen sind: egoistisch, gnadenlos, böse. Erleben wir das nicht ständig im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz, in den täglichen Nachrichten? Nicht zuletzt die Pandemie-Situation scheint das zu bestätigen, wenn die Supermarktregale für Klopapier, Hefe und Nudeln leergekauft sind.

Dieses Menschenbild, entgegnet Rutger Bregman, ist absolut unrealistisch. Der niederländische Historiker schlägt stattdessen mit seiner Denkschrift "Im Grunde gut" eine alternative Geschichte der Menschheit vor. Das spannend zu lesende und leicht zugängliche Buch enthält eine interessante These und ist eine Ermutigung in dunklen Zeiten. Der Autor entwickelt sein Argument in zwei Teilen. Zunächst zeigt er anhand vieler Beispiele, welches Menschenbild uns gefangen hält und wo wir irren. So verweist er auf "Herr der Fliegen". Ausgerechnet diesen dystopischen Roman von William Golding heranzuziehen, um auf das Gute im Menschen zu schauen, scheint widersprüchlich - denn darin geht es um nichts anderes als Grausamkeit: Auf einer einsamen Insel gestrandet, brechen weit von der Zivilisation entfernt selbst so unschuldige Wesen wie Kinder in Barbarei aus. Sie ringen um Macht. Dominanz statt gegenseitiger Solidarität und Spaß am Quälen sind ihre Motivation. Goldings 1954 erschienenes, antihumanistisches Buch hat West-Schülergenerationen geprägt und war auch in der Verfilmung beispielgebend für den rohen Charakter des Menschen. Doch diese Fiktion, so Bregman, wird von einer friedlicheren Wirklichkeit widerlegt. Denn es gab so einen Plot tatsächlich: In den Sechzigern harrten sechs tonganische Jugendliche mehr als ein Jahr gemeinsam auf einer Felseninsel aus. "Als wir ankamen", berichtet der Kapitän, der die Gestrandeten rettete, "hatten die Jungen eine kleine Kommune eingerichtet, mit einem Gemüsegarten, ausgehöhlten Baumstümpfen, um Wasser aufzufangen, einer Sportschule mit ungewöhnlichen Gewichten, einem Badmintonfeld, Hühnerställen und einer festen Feuerstelle." Und Bregman schildert etliche solcher Begebenheiten - sie alle widersprechen anekdotisch dem "Krieg eines jeden gegen jeden", den der Philosoph Thomas Hobbes am Werk sah. Dieser hatte seine Erfahrungen aus dem englischen Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts auf die gesamte Menschheitsgeschichte übertragen und den berühmten Satz "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" geprägt: In seiner Sicht sind wir von Natur aus schlecht und müssen darum zivilisiert werden - was nur durch Zwang geht.

Dieses Menschenbild bestimmt seither Politik und Ökonomie - man denke nur an den "Homo oeconomicus" der Wirtschaftswissenschaft, der in uns allen allein eigennützige Konsumenten sieht: "Hilf dir selbst, dann ist allen geholfen", gilt dabei als Handlungsgebot. Die meisten Menschen, findet Bregman, haben das verinnerlicht. Er zitiert eine vielfach wiederholte Umfrage: "Ein Flugzeug muss notlanden und bricht in drei Teile. Die Kabine füllt sich mit Rauch. Allen Insassen ist klar: Wir müssen hier raus. Was passiert? Auf Planet A fragen die Insassen einander, ob es ihnen gut gehe. Personen, die Hilfe benötigen, bekommen Vortritt. Die Menschen sind bereit, ihr Leben zu opfern, auch für Fremde. Auf Planet B kämpft jeder für sich allein. Totale Panik bricht aus. Es wird getreten und geschubst. Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen werden niedergetrampelt. Frage: Auf welchem Planeten leben wir?" Rund 97 Prozent der Befragten sind sich sicher, auf Planet B zu leben. Aber stimmt das? Man sehe sich reale Katastrophenfälle an. Der Untergang der Titanic war nicht von Chaos und mit ausgefahrenen Ellenbogen rempelnder Menschen geprägt, wie uns Filme weismachen. In Berichten gab es "keine Anzeichen von Panik oder Hysterie", gibt Bregman Augenzeugen wieder, "keine Angstschreie und kein Hin- und Hergerenne". Und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001? Da liefen die Menschen geordnet die Treppen der brennenden Hochhaustürme hinunter und kümmerten sich dabei um Verletzte.

Allein, das reicht nicht, wie er selbst weiß. Denn das negative Menschenbild funktioniert als negativer Placebo. Solange wir uns einbilden, dass unsere Mitmenschen schlecht handeln, werden wir uns daran orientieren. Wir haben sozusagen das Schlechteste verinnerlicht. Also geht der Autor zum Gegenangriff über, indem er das negative Menschenbild, das er Fassadentheorie nennt, direkt auseinandernimmt. Diese behaupte, der Boden der Zivilisation sei extrem dünn und permanent drohe der feindselig-böse Naturzustand des Menschen hervorzubrechen. Diese Theorie werde aber nur mit Ausnahmebeispielen belegt, die nie die "normale" Welt zeigten. So zerlegt Bregman gut informiert psychologische Untersuchungen wie das Stanford-Prison-Experiment. Normale Studenten wurden hier zu brutalen Wächtern, sobald sie eine Uniform anhatten. Allerdings wurde das Experiment unwissenschaftlich durchgeführt, der Studienleiter wusste schon, was er herausfinden wollte, stachelte Studenten an und verheimlichte Teile seiner Daten. Bis heute aber scheint dieser Fall die populäre Vorstellung des bösen Menschen zu bestätigen. Doch: "Wir sind viel besser, als wir glauben."

Als historisches Argument für die Fassadentheorie dienen auch die angeblichen Barbaren der Osterinsel. Zwischen zwei Stämmen sei dort vor Jahrhunderten ein blutiger Krieg ausgebrochen. Erst wurde ein Stamm vernichtet, danach jagten sich die restlichen Bewohner und aßen die Getöteten. Die Bevölkerungszahl sei in kurzer Zeit von 15.000 auf 2000 geschrumpft. Doch beruht diese Zahl auf falschen Schätzungen. Neue Berechnungen gehen nun davon aus, dass nie mehr als 2200 Menschen Osterinsel bewohnten. "Die Tausende von Osterinsulanern, die sich gegenseitig gefoltert, getötet und gefressen haben sollen, verfügen über ein ausgezeichnetes Alibi. Es hat sie nie gegeben." Mithilfe der Entwicklungsbiologie erklärt Bregman, dass sich der moderne Mensch nicht aus Egoismus entwickelt haben kann - weil er ein mitfühlendes, soziales Wesen ist. Nur der Mensch kann erröten, also Scham empfinden. Als einzige Primaten mit weißen Augäpfeln können wir unsere Blickrichtung nicht verbergen. Die Menschen vermögen es von Natur aus nicht, ein Pokerface aufzusetzen - im Gegenteil: Sie suchen den gegenseitigen Augenkontakt. "Menschen scheinen supersoziale Lernmaschinen zu sein. Wir werden geboren, um zu lernen, uns miteinander in Verbindung zu setzen und zu spielen. Ist es dann noch verrückt, dass Erröten ein einzigartiger, menschlicher Gesichtsausdruck ist? Erröten ist eine typische soziale Fähigkeit. Leute, die erröten, lassen erkennen, dass sie etwas darauf geben, was andere von ihnen denken. Das schafft Vertrauen, um besser zusammenarbeiten zu können."

Aber was ist mit dem Bösen? Das absolute Böse, personifiziert im Teufel oder Dämonen ist durch religiöse Traditionen und mediale Darstellungen präsent. Von psychopathischen Tätern abgesehen, versuchen selbst die schlechtesten Menschen, in ihrem Sinne Gutes zu tun. Bregman weist auf Hannah Arendts "Banalität des Bösen" hin: Selbst die verbrecherischsten Schergen des Nationalsozialismus sahen sich im Recht und legitimierten ihr Tun. Auch Terroristen rechtfertigen ihre Taten mit Hinweis auf religiöse Überzeugungen, Verschwörungsmythen oder biologischer Überlegenheit: Noch der Grausamste muss sich bei seinen Taten suggerieren, nicht böse zu sein.

Stellenweise ist der Ton, den Rutger Bregman anschlägt, selbst ein wenig beschwörend. Denn ja, er will seine Leser überzeugen, das eingeschliffene negative Menschenbild abzulegen. Aufgrund der vielen Beispiele und Widerlegungen wirkt er wirklich überzeugend. Und schaut man sich mal im eigenen Alltag um, über wie wenige Mitmenschen man sich eigentlich tatsächlich ärgert, könnte das schon ein Hinweis darauf sein, dass Bregman auch Recht haben könnte. Immerhin ist sein Buch eine erfrischende und aufmunternde Lektüre nach einem Jahr, in dem so Vieles nicht gut war.

Buchtipp Rutger Bregman: "Im Grunde gut. Eine neue

Geschichte der Menschheit",

Rowohlt Verlag, 480 Seiten,

24 Euro.

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