Bilder von Deutschland

Fotograf Dirk Gebhardt ist quer durchs Land gewandert, hat Menschen fotografiert und daraus ein Buch gemacht - Ein Gespräch über Klischees, Heimat, Ost und West

In was für einem Land leben wir eigentlich? Fotograf Dirk Gebhardt wollte es ganz genau wissen. Er wanderte einmal in der Mitte Deutschlands quer durch: von West nach Ost, ungefähr von Mönchengladbach in Nordrhein-Westfalen bis nach Görlitz in Sachsen. Und erlebte, dass der Alltag in seiner Heimat mitunter ganz anders abläuft, als gedacht - nur das Wetter, das überraschte nicht. Seine Wanderung hat er in dem Fotobuch "Quer durch" zusammengefasst, das in diesem Jahr erschienen ist. Also: In was für einem Land leben wir? Katharina Leuoth hat Dirk Gebhardt gefragt.

Freie Presse: Wenn ich auf Grundlage Ihres Buches drei Wörter für Deutschland finden müsste, wären das diese: Vereine, Bio-Kult, Einsamkeit, letzteres bezogen darauf, dass den Orten die Menschen fehlen. Welche drei Worte würden Sie wählen?

Dirk Gebhardt: Lokale Verbundenheit, Gemeinschaftssinn, Nachhaltigkeit.

Sie schreiben, Ihr Großvater hat immer gesagt: Wo leben wir eigentlich? Sie wollten es mit der Wanderung herausfinden. Gab es einen konkreten Auslöser, und warum in der Mitte quer durch von West nach Ost?

Als Fotojournalist arbeite ich eher international. Ich hatte das Gefühl, Teile von Afrika und Südamerika besser zu kennen als meine Heimat. Das wollte ich ändern. Anlass der Wanderung war der 25. Jahrestag der Wiedervereinigung; mir war wichtig, Menschen in West UND Ost zu treffen. Ich habe die Wanderung in elf Etappen mit Unterbrechungen gegliedert; am 3. Oktober 2014 ging's los, am 3. Oktober 2015 war ich in Neißeaue bei Görlitz.

Und, wie leben wir?
Kulturell gesehen sehr kleinteilig. Das Eichsfeld zum Beispiel liegt in Thüringen, aber die Menschen dort bezeichnen sich nicht als Thüringer. Und die Menschen in Waldeck sagen nicht, sie sind Hessen, sondern sie sind Nordhessen. Bei der Wanderung ist mir bewusst geworden, dass sich alle 50 Kilometer der Dialekt ändert. Was meiner Ansicht nach die Menschen aber eint, ist ein gutes Gespür für ihre Umgebung. Viele sind involviert in die positive Entwicklung ihres Umfelds - das reicht von den Betreibern eines Öko-Ziegenhofs über Leute, die Müll aus dem Wald holen, bis hin zu den Menschen, die in der Bahnhofsmission Görlitz arbeiten.

Welche Begegnung auf der Wanderung war die schönste, enttäuschendste und überraschendste?

(überlegt) Das ist schwierig zu beantworten. Die bedrückendste hatte ich im Kloster Knechtsteden in Dormagen nach 80 Kilometern. Es war bedrückend zu sehen, wie den Leiter des Klosters das Thema Altersarmut umtrieb. Seine 94-jährige Schwester, die ein Leben lang gearbeitet hat, lebt mit einer kleinen Rente in Armut. Und das steht exemplarisch für viele Menschen in diesem Land. Die herzlichste Begegnung wiederum hatte ich in Berka beim Dorf- und Chorfest. Im Dorf herrschte auch unter den jungen Leuten ein starker Zusammenhalt und ich wurde dort in die Mitte aufgenommen, nach dem Chorfest ging's zur Party. Die herzliche Aufnahme habe ich aber oft erlebt. Das Klischee, dass die Deutschen sehr zurückhaltend und unfreundlich sind, kann ich nicht bestätigen.

Und was war Ihre skurrilste Begegnung? Ich hätte da ja einen Kandidaten.

Na dann sagen Sie mal, welchen denn?

Hans-Peter Hund, der Maler in Wurzen, der, wie Sie schreiben, kein Telefon hat, nicht gern mit anderen spricht und Ihnen eher zufällig die Tür geöffnet hat.

(lacht) Stimmt.

Wie öffnet man jemandem zufällig die Tür?

Keine Ahnung. Es war wohl eine Eingebung dieses Malers, uns Journalisten - mich hat noch ein Kollege begleitet, der mitschrieb - nach dem Klingeln zu öffnen. Wir haben uns lange mit dem Maler unterhalten. In der DDR litt er unter Repressionen, weil seine dunkle, expressive Malweise nicht ins Bild der Partei passte. Seine Werke verkaufte der staatliche Kunsthandel der DDR ins Ausland; er selbst durfte jahrzehntelang nicht ins westliche Ausland reisen. Heute werden seine Bilder zum Beispiel in Wurzen ausgestellt.

Wie würden Sie denn die Deutschen charakterisieren?

Da enthalte ich mich, die Menschen sind zu individuell. Man könnte in Klischees verfallen und sagen, in Riesa wählen alle NPD. Tatsächlich haben wir in Riesa viele Menschen getroffen, die Flüchtlingen helfen. Die Wahrheit ist glaube ich, dass alles gleichzeitig passiert: Es gibt Ausländerfeindlichkeit, und es gibt Menschen, die Ausländern helfen, und beides gibt es in Ost und West.

In Querfurt haben Sie erlebt, wie am Rande eines Volleyballturniers Rechte mit anderen im Sportlerheim sitzen, und der ehemalige SPD-Bürgermeisterkandidat sagt, die gehören zu Querfurt mit dazu, Volleyball ist nicht politisch. Haben Sie diskutiert oder waren Sie eher beobachtender Außenstehender?

Eher beobachtender Außenstehender. Das ist mir mitunter schwer gefallen, aber es gehört zur journalistischen Grundtugend, ausgewogen zu berichten. Wir hätten böse sein und zeigen können, wie viel rechtes Potenzial in den neuen Bundesländern steckt, aber es würde nicht stimmen, es wäre nur ein Teil der Wahrheit.

In Ihrem Buch ist mir noch zweierlei aufgefallen. Erstens: Es fehlt die Moderne, das Großstädtische, auch Reichtum, obwohl Deutschland als reich gilt.

Tatsächlich gibt es auf dieser Route mitten durch Deutschland kaum Großstädte, man vergisst oft, dass Deutschland insgesamt eher ländlich strukturiert ist und wir gar nicht so viele Großstädte haben. Was den Reichtum betrifft: Armut war ein durchgängiges Thema auf dieser Route. Die Orte sehen zwar nett aus, aber die Leute sagen: Es gibt hier wenig Arbeitsplätze, von denen man leben kann. Das zeigt, wie ungleich der Reichtum verteilt ist.

Das zweite, was mir auffiel: Ihre Fotos sind oft düster. Über den Kleingärten hängen Wolken, und wenn der Himmel doch mal blau ist, sind die Häuser grau.

Das hängt damit zusammen, dass das wahrhaftige Fotos sind. Auf der Wanderung konnte ich ja nicht warten, bis mal schönes Wetter ist. Da ging es immer weiter, und da stimmte das Klischee von Deutschland, dass das Wetter hier eben nicht immer so gut ist. Zum anderen wollte ich auch kein Hochglanzdeutschland zeigen, da gibt es schon genug Bilder davon. Ich wollte vor allem die Menschen zeigen, durchaus mit einem liebevollen Blick.

Sie hatten auf Ihrer Wanderung auch den Anspruch, ohne Geld zu übernachten. Warum?

Weil man so näher an die Menschen herankommt. Wenn sie einem eine Übernachtung organisieren, kümmern sie sich meistens gleich noch um mehr, sie gehen mit dir essen, laden dich auf ein Bier ein. Da hört man andere Geschichten als ein Journalist, der eine Stunde mit ihnen verbringt und dann wieder weg ist. Man muss Vertrauen gewinnen.

Was waren denn die schönsten von Fremden organisierten Übernachtungen?

Der Giebel einer Jagdhütte in Hessen, das Heimatmuseum in Niederorschel - wann schläft man schon mal in einem Museum - und eine Theaterumkleidekabine, aber die ist vor allem in Erinnerung geblieben, weil es mit etwa minus 5 Grad Celsius die kälteste Übernachtung war. Sie hatten dort nur so einen kleinen Elektroradiator zum Heizen. Zweimal haben wir keine kostenlose Übernachtung gefunden, gleich am Anfang nach 40 Kilometern und noch einmal in Kamenz.

Waren Sie enttäuscht?

Klar, aber es ist ja auch kein Beinbruch, mal wieder in einem ordentlichen Hotelbett zu schlafen.

In Ihrem Buch geht es oft um das Thema Heimat. Warum ist Menschen Heimat so wichtig, und was bedeutet Heimat den Erkenntnissen Ihrer Reise zufolge?

Heimat ist so wichtig, weil Menschen soziale Wesen sind. Sie identifizieren sich mit Anerkennung in ihrem sozialen Umfeld. Das ist aber weniger an eine Region, sondern vielmehr an Menschen gebunden, die das soziale Umfeld ausmachen. Das gilt meiner Ansicht nach auch für Flüchtlinge, die wir auf unserer Wanderung vielerorts getroffen haben: Wenn sie das Gefühl haben, angenommen zu werden, bringen sie sich in die Gesellschaft auch ein. Wenn sie hier Anerkennung erfahren, können sie sich auch hier heimisch fühlen. Ich glaube, das funktioniert überall auf der Welt.

Die Art, wie Sie ungeschönt Straßenecken in Ihren Fotografien zeigen oder Menschen, die man auch Sonntagnachmittag am Gartenzaun treffen könnte, erinnert durchaus an den Stil Arno Fischers. Er war Fotograf in der DDR und brachte unter anderem einen Bildband über New York heraus - und wie er dort fotografierte ähnelt in gewisser Weise Ihrem Deutschlandbuch. Würden Sie zustimmen?

(lacht) Arno Fischer war einer meiner Lehrer.

Ist es für Sie ein Kompliment, dass Ihre Bilder an ihn erinnern?

Arno Fischer war ein wunderbarer Mensch und Fotograf. Ja, daher ist dieser Vergleich ein Kompliment.

Dirk Gebhardt

Etwa 800 Kilometer durch sechs Bundesländer hat Dirk Gebhardt für seine Wanderung durch Deutschland zurückgelegt. Gebhardt, 1969 in Köln geboren, studierte Grafikdesign und visuelle Kommunikation in Amsterdam und Dortmund, seit 1999 ist er freier Fotograf. Er arbeitet unter anderem für Magazine wie Stern, Spiegel und das Time Magazine und ist dafür weltweit unterwegs. Zudem ist er Professor für Bildjournalismus und dokumentarische Fotografie an der Fachhochschule Dortmund. (kl)

Das Buch Dirk Gebhardt: "Quer durch"
Verlag Nimbus
288 Seiten, 191 Illustrationen
ISBN: 978-3-03850-034-6
Preis: 29,80 Euro

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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