Blick in den Abgrund

Italiens "verborgene" Schriftstellerin Elena Ferrante gehört zu den erfolgreichsten literarischen Phänomenen der Neuzeit. Nun wird ihr "vergessener" zweiter Roman "Tage des Verlassenwerdens" neu auf Deutsch verlegt - und erhält so die Aufmerksamkeit, die er verdient.

Neapel.

Ob ihr die "Anonymität" beim Schreiben hilfreich gewesen sei, wurde Elena Ferrante 2002 nach ihrem zweiten Buch "Tage des Verlassenwerdens" gefragt. Und die unter Pseudonym publizierende Schriftstellerin antwortete, sie habe immer schon den Alltag vom Schreiben getrennt: "Um das Leben zu ertragen, lügen wir, am liebsten belügen wir uns selbst." Das lindere den Schmerz, gestatte uns, das Grauen des ernsthaften Nachdenkens zu umschiffen, die Schrecken unserer Zeit zu mildern und rette einen mitunter vor sich selbst. "Beim Schreiben aber darf man nicht lügen. In der literarischen Fiktion muss man ehrlich sein bis zur Schmerzgrenze, sonst droht als Strafe die Leere der Seiten."

Diese Ehrlichkeit ihrer Bücher ist ein Grund für Elena Ferrantes Erfolg. Doch während sich die Anerkennung in Italien früh einstellte, ließ Ferrante die Leser hierzulande erst einmal kalt: Als "Tage des Verlassenwerdens" 2003 beim List-Verlag erstmals auf Deutsch erschien, ging das Buch unter. Doch nachdem der Roman "Meine geniale Freundin" Ferrante 2016 den weltweiten Durchbruch bescherte und sie in Deutschland für lange Zeit auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste katapultierte, änderte sich die Nachfrage: Für antiquarische Ausgaben des Zweitwerkes wurden schnell dreistellige Summen verlangt.

Der Suhrkamp-Verlag legt nun "Tage des Verlassenwerdens" neu auf, damit das Buch die ihm gebührende Aufmerksamkeit erhält. Und das ist gut so - auch, wenn es das direkteste Buch von Ferrante ist und sein Spannungsbogen nicht dem ihrer anderen Werke standhält. Vergleichsweise linear erzählt sie von einer Frau, die verlassen wird: Nach 15 Jahren Ehe verkündet Mario seiner Frau plötzlich nach dem Mittagessen, dass er sie verlassen wolle. Er zieht die Wohnungstür zu und geht, ohne sich von den zwei Kindern zu verabschieden. Zunächst denkt die 38-jährige Olga, er komme zurück - bis sie herausfindet, dass er eine andere hat: Carla ist die Tochter einer Kollegin, der Mario vor fünf Jahren Nachhilfe gegeben hat. Fünf Jahre hat er sie also betrogen und bis zur Volljährigkeit der Geliebten gewartet.

Lebensecht beschreibt Ferrante den Wahn Olgas, verstehen zu wollen, wo ihr Fehler lag. Zwischen Selbsthass und Sehnsucht zerreibt sie sich. Wenn Mario zu einem seiner seltenen Besuche kommt, flüstert sie dem zehnjährigen Gianni und der siebenjährigen Ilaria ein: "Wir müssen alle dafür sorgen, dass er nicht wieder geht." Vergeblich. Sie muss allein klarkommen und ist damit vollkommen überfordert, hört auf, sich zu schminken, schläft tagsüber auf dem Sofa, kocht nicht mehr und verliert den Kontakt zu ihren Kindern. Als Gianni Fieber kriegt und Schäferhund Otto an einer Vergiftung stirbt, wächst ihr alles über den Kopf.

Um sich an ihrem Mann zu rächen, stürzt sie sich in eine Affäre mit ihrem Nachbarn Carrano, einem depressiven Musiker, was nichts besser macht. Im Gegenteil. Ihr Leben entgleitet ihr. "Was für ein Fehler, den Sinn meiner Existenz einzig aus den Ritualen beziehen zu wollen, die Mario mit mäßiger ehelicher Hingabe bewilligte. Was für ein Fehler, meine Daseinsberechtigung von seiner Zufriedenheit, seiner Begeisterung, dem immer erfolgreicheren Verlauf seiner Karriere abhängig zu machen. Und vor allem: Was für ein Fehler zu glauben, ich könnte ohne ihn nicht leben, obwohl ich mir längst nicht mehr sicher war, ob ich mit ihm noch lebte."

Mit weiblichem Tiefblick erzählt Elena Ferrante von Olgas Weg zurück ins Leben. Panik, Wut und Angst werden im Roman geradezu physisch spürbar, ebenso die unsagbare Leere. Immerhin hatte die anonyme Autorin sich bereits mit diesem Werk einen Platz in der Literaturgeschichte gesichert und sich eingereiht zwischen die großen Stimmen der Emanzipation. Wer so schreibt, hat nicht nur einen Blick in den Abgrund riskiert: Wer so schreibt, der weiß, was Abgrund bedeutet. Wer aber Elena Ferrante, die das "Time"-Magazin bereits zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt zählte, wirklich ist, bleibt weiter verborgen. Die angeblich 1943 in Neapel geborene Autorin besteht auf völliger Anonymität und gibt Interviews nur schriftlich, um sich als Person von ihrem Werk zu trennen.

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