Bloß nicht mit Kleinigkeiten aufhalten!

Die "Freie Presse" stellt Schätze aus 100 Jahren Kunstsammlungen Chemnitz vor. Heute: Karl Schmidt-Rottluff: "Landschaft im Herbst" (1910)

Chemnitz.

Was fällt an diesem Gemälde auf? Farbe! Farbe! Und nochmals Farbe! Kraftvoll, wild, kontrastreich! Rot stößt an Grün, an Gelb, an Blau. Zackig, grob. Keine Details. Nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. Besser das Große ergründen! Die Natur! Die Elemente! Es ist, als zerre auffrischender Wind in dieser "Landschaft im Herbst" an den Baumkronen im Hintergrund und den eigenen Haaren des Betrachters. Als wärme die letzte Glut der Sonne das Gesicht. Als könne man erahnen, wie bleischwer dunkel es hier des Nachts wird, wenn sich die Farben langsam entziehen.

Überlieferungen legen nahe, dass der Maler Karl Schmidt-Rottluff ein ernsthafter, recht stabiler und eher schweigsamer Mensch war, aber reich an innerem Empfinden. Geboren 1884 im damaligen Chemnitzer Vorort Rottluff, gehörte er 1905 zu den Mitbegründern der Künstlergruppe "Brücke", die bis 1913 bestand. Er war nahezu ein Leben lang mit der aus Chemnitz stammenden Fotografin Emy Frisch verheiratet, überstand das Malverbot durch die Nazis sowie den Zweiten Weltkrieg mit einer gewissen stoischen Zurückgezogenheit, lebte nach dem Krieg im Westteil Berlins, wurde Professor an der Hochschule für Bildende Künste Berlin-Charlottenburg, malte bis ins hohe Alter und erhielt bis zu seinem Tod 1976 weithin Anerkennung. In allen Lebensphasen spielte das Erleben der Natur eine große Rolle in seiner Arbeit.

Das Ölgemälde "Landschaft im Herbst" entstand 1910 während der "Brücke"-Zeit. Die Gruppe widmete sich dem Expressionismus. Es war ein Aufbruch, der Drang nach Neuem. Es ging nicht um die getreue Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern um das Darstellen von Gefühlen und Gedanken mithilfe von Farben und Formen. Schmidt-Rottluff nahm die Natur quasi auf, reduzierte und übermalte sie aber, indem er ihr - entsprechend seiner Stimmung und seinem Innenleben - eigene Formen und Farben gab. Die Bilder dieses damals neuen Malens werden so zum Ausdruck der eigenen Person, des Lebensgefühls der eigenen Zeit und der Menschheit im Allgemeinen, schrieb Daniel J. Schreiber, Direktor des Buchheim-Museums am Starnberger See, anlässlich einer Schmidt-Rottluff-Ausstellung 2018.

Schmidt-Rottluff malte "Landschaft im Herbst" in Dangast an der Nordsee. Zu sehen ist eine flache Landschaft mit Wiesen, Weiden, Bäumen und Gattern. Zwischen 1907 und 1912 habe es die "Brücke"-Künstler immer wieder nach Dangast gezogen, heißt es bei den Kunstsammlungen Chemnitz. Sie porträtierten Fischer, Dorfbewohner und Landschaft, experimentierten, trafen Sammler und Freunde. "Landschaft im Herbst" entstand zudem in jenem Zeitraum von zirka 1909 bis 1911, in dem der "Brücke" ein Kollektivstil bescheinigt wird. Stilistisch, so erörtern die Kunstsammlungen Chemnitz, ließen sich die Urheber der Gemälde kaum mehr unterscheiden. "Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und 1910 auch Max Pechstein arbeiten in dieser Zeit eng zusammen." Somit ist dieses Bild auch eine Momentaufnahme der einigsten "Brücke"-Zeit, bevor die Mitglieder wieder eigene Wege suchen. Das Bild ist aber auch ein besonderes, weil es überhaupt zurück nach Chemnitz kam.

"Landschaft im Herbst" wurde unter den Nazis als "entartete Kunst" aus den Chemnitzer Kunstsammlungen beschlagnahmt, kam in Berliner Depots, später zu einem Kunsthändler, 1945 ins Museum Rostock, 1957 wieder nach Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt. Heute gehört es zu den zirka 60 Gemälden, über 250 Grafiken und rund 50 kunsthandwerklichen Objekten Schmidt-Rottluffs, die sich - darunter auch als Dauerleihgaben - im Bestand der Kunstsammlungen Chemnitz befinden. Nicht alles davon glüht in Farben, aber vieles strahlt - mit großer Kraft und Weltenliebe.

Die Jubiläumsausstellung "Im Morgenlicht der Republik. 100 Jahre Kunstsammlungen Chemnitz" wird vom 31. Mai bis zum 20. September in den Kunstsammlungen am Theaterplatz zu sehen sein.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.