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Bob Dylan wird 80: Ein Mensch namens Kunezevitch

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Bob Dylan wird 80 Jahre alt. Ein neues Buch mit Interviews aus 60 Jahren zeigt ihn als das, was er in seinen Liedern immer ist: ein kluger, poetisch genialer, mitfühlender, verletzlicher Mensch.

Chemnitz.

"Mein wirklicher Name war Kunezevitch. Ich habe ihn geändert, damit nicht immerzu die Verwandten ankommen, in verschiedenen Teilen des Landes, und Konzerttickets und all so was verlangen." "War das Ihr Vor- oder Ihr Nachname?" "Das war der Vorname. Den Nachnamen will ich Ihnen wirklich nicht verraten."

Ein Interview mit Bob Dylan konnte ein Abenteuer sein. Für Dylan, für den das ganze Leben ohnehin ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang war, sowieso, aber auch für den Interviewer. Und Dylan sagte schon mal ganz unverblümt: "Ich versuche Ihre Fragen nur so gut zu beantworten, wie Sie sie stellen können." Und das war manchmal eher semiprofessionell. Wenn er etwa 1965 gefragt wurde, wie viele Protestsänger es denn gebe: "Ich denke, es sind ungefähr 136. Oder 142."

Aber eine ganze Menge über sein künstlerisches und sein Gefühlsleben hat Dylan dann doch verraten in den gar nicht so wenigen ausführlichen Interviews, die er während seiner Karriere gegeben hat. Einige der schönsten, aussagekräftigsten versammelt der im April rechtzeitig vor Dylans 80. Geburtstag am Montag erschienene Band "Ich bin nur ich selbst, wer immer das ist: Gespräche aus sechzig Jahren". Herausgegeben und mit einem brillanten Vorwort versehen wurde der Band von Heinrich Detering, der auch einen Beitrag zum Katalog der weltweit ersten Museumsausstellung mit den seriellen Bildern von Bob Dylan 2007 in Chemnitz beisteuerte. Die ist zum festen Bestandteil seiner Biografie geworden. Und er wird auch bei Interviews in den USA danach gefragt: "Ich habe immer schon gemalt und gezeichnet. Aber bis vor kurzem hat sich nie jemand dafür interessiert. Ich habe nie irgendeinen Zuspruch erfahren. Und jetzt hatte ich eine eigene Ausstellung." Aus der Antwort klingen Stolz und auch eine gewisse Rührung. Allein die wenigen Sätze zu seinen Bildern - natürlich geht es in den Interviews vor allem um Musik - resümieren, was ihm die Chemnitzer Ausstellung bedeutet hat und wie dankbar Dylan der damaligen Generaldirektorin der Kunstsammlungen Ingrid Mössinger gewesen sein muss.

Dankbarkeit und Respekt spielen eine große Rolle in Dylans Kommentaren zu seinem eigenen Werk und zu den Leistungen anderer Musiker, Schriftsteller, Künstler, Politiker. Geboren am 24. Mai 1941 in Duluth/Minnesota, hat ihn Musik seit seiner Jugend begleitet. Die alten Blues- und Rock-n-Roll-Sänger, Woody Guthrie, Jazzmusiker - Dylan begreift sich selbst als Teil einer unendlichen Kontinuität. Über Joan Baez: "Sie war etwas ganz Besonderes, fast zu intensiv. Sie hatte eine Stimme wie eine Sirene von einer griechischen Insel. Allein der Klang konnte einen in ihren Bann ziehen." Über Warren Zevon: "Ein Zevon-Song kann drei völlig unterschiedliche Songs enthalten, die er spielend miteinander verknüpft." Über Randy Newman: "Für mich ist er der Kronprinz, der rechtmäßige Erbe von Jelly Roll Morton." Über John Prine: "Prines Sachen sind purer proustscher Existenzialismus. Er schreibt wunderbare Songs."

Bob Dylan, der 2016 als erster Musiker überhaupt den Literaturnobelpreis erhielt, stellt sich nirgendwo über andere, er reiht sich ein in Generationen von Menschen, die er selbst bewundert, von denen er gelernt hat und die ihn wie das Land, in dem er lebt, vor allem gelehrt haben, sich selbst zu erkennen: "Ich glaube, es liegt am Land. Die Flüsse, die Wälder, die endlosen Weiten. Das Land hat mich geprägt. Ich bin wild und einsam ... Aber ich empfinde Liebe für die Menschen, für die Wahrheit und für die Gerechtigkeit." Über das Glück: "Es gibt da unterschiedliche Grade von Glück. Man wechselt ständig von einem zum anderen. Es ist schwer, vollkommen glücklich zu sein, wenn die Menschen um uns herum leiden und hungern." Und man ahnt, warum ihn die Fragen nach seinen "Protestsongs" und Protestsängern immer genervt haben. Da gehe es um "Leute, die keine Vorstellung davon haben, wie sehr andere leiden", aber "versuchen die Welt zu verändern. Die haben alle Angst zuzugeben, dass sie einander überhaupt nicht kennen." Und: "... jeder weiß, dass Songs mit Botschaften nervtötend sind. Nur Redakteure von Studentenzeitungen und alleinstehende Mädchen unter 14 können allenfalls etwas damit anfangen." Barack Obama aber schätzt und bewundert er, wegen seiner Lebensgeschichte, wegen seiner Art zu erzählen. Dylan hat dessen Biografie vor Obamas Präsidentschaft gelesen und mag "einfach die Art, wie er Dinge beschreibt. Seine Art zu schreiben spricht einen auf unterschiedlichen Ebenen an. Der Leser fühlt und denkt gleichzeitig, und das ist keine leichte Sache."

Diese Interviews, ergänzt um ein Stück, das der Schauspieler Sam Shephard 1987 über Dylan schrieb, sind das beeindruckende und oft überaus berührende Zeugnis vom Denken und Fühlen eines der großartigsten Künstler der Gegenwart. Ratschläge gibt Dylan in seinen Interviews nicht. Doch - einen vielleicht. Auf die Frage, ob ein junger Mann, der eine künstlerische Karriere plant, um viele Frauen kennzulernen, lieber malen oder Gitarre spielen sollte, sagt Dylan: "Besser keins von beiden. Wenn er Frauen im Kopf hat, soll er lieber Anwalt oder Arzt werden ... Oder vielleicht Privatdetektiv."

Nun wird Kunezevitch Robert Allan Zimmerman 80 Jahre alt. Auf seiner endlosen Reise ist er sogar bis Glauchau und Zwickau gekommen, was schon etwas heißen will. Manchmal denkt er an den Tod: "Ich denke über den Tod des Menschengeschlechts nach. Die lange, seltsame Reise des nackten Affen. Nicht, dass ich es zu leicht nehmen möchte, aber jedermanns Leben ist so vorübergehend. Jeder Mensch, egal wie stark oder wie mächtig er sein mag, ist schwach, wenn es ans Sterben geht. Ich denke grundsätzlich darüber nach, nichts Persönliches."

Die letzte Antwort in dem Buch betrifft den Mord an George Floyd: "Mir ist unendlich übel geworden, als ich sah, wie George zu Tode gefoltert wurde. Es war mehr als abscheulich. Hoffen wir, dass bald Gerechtigkeit kommt, für die Floyd-Familie und für diese Nation."

Das Buch Bob Dylan: "Ich bin nur ich selbst, wer immer das ist: Gespräche aus fünfzig Jahren", Kampa Verlag Zürich, 352 Seiten, 24 Euro.

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