Botschaft in vier Sätzen

5000 Menschen hören am Freitag Beethovens 9. Sinfonie auf dem Theaterplatz in Chemnitz als ein Zeichen für Gemeinsamkeit, Dialog, Demokratie. Die hält es sogar aus, mal im Regen zu stehen.

Das Publikum auf dem Chemnitzer Theaterplatz saß und stand bei der Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie zusammen - für Dialog und Demokratie.

Von Matthias Zwarg

Manchmal genügen vier Sätze, um ein Zeichen zu setzen, um eine gemeinsame Sprache zu finden, eine Botschaft zu senden - manchmal sind es die vier Sätze einer der populärsten Sinfonien der Welt.

1. Satz: allegro ma non troppo, schnell, aber nicht zu schnell. Der erste Satz der 9. Sinfonie ist weniger populär als der vierte. Als Beethoven die Sinfonie komponierte, war er schon taub, auch den Beifall der Uraufführung 1824 konnte er nicht hören. Die Instrumente des Orchesters der von Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo dirigierten Robert-Schumann-Philharmonie scheinen sich vorzustellen, sich zu unterhalten, wie es die Menschen im Publikum vor dem Konzert am Freitagabend getan haben. Vorbei an dem massiven Polizeiaufgebot sind sie zum Theaterplatz gekommen. "Schlimm, dass es zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen keine gemeinsame Sprache mehr gibt", sagt ein junger Mann. Vielleicht ist deshalb die 9. Sinfonie genau die richtige Wahl für dieses Konzert unter dem Motto "Gemeinsam stärker", an dem sich alle Sparten der Chemnitzer Theater beteiligen, Sängerinnen und Sänger mehrerer Chöre der Stadt, auch Chöre aus ganz Sachsen, Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Berlin. Generalintendant Christoph Dittrich erinnert an den ermordeten Daniel H., "unsere Gedanken sind bei der Familie des Opfers", sagt er, und: "Auch Angst, Trauer, Sorge müssen artikulierbar sein, aber ohne Gewalt und Hass." Schauspieler und Mitglieder des Figurentheaters lassen Stefan Heym und Kurt Schwitters zu Wort kommen. "Was wollen wir machen aus unserem Leben, aus unserer Gesellschaft", fragt Heym. "Ein Flüchtling bin ich, habe genug verloren, doch es bleibt mir die Unendlichkeit des Sternenhimmels."

2. Satz: molto vivace, sehr lebhaft. Die Unterhaltung der Instrumente setzt sich fort, wird intensiver. So intensiv, wie es die Gespräche auf der Straße sind. Nur dass man hier einander zuhört, Diskussion, Austausch zulässt. Ein syrischer Flüchtling sagt über die Demonstranten auf der rechten Seite: "Die meisten sind keine Nazis. Nazis haben eine Ideologie, einen Plan, eine Struktur - das haben die meisten nicht. Sie haben Probleme mit sich selbst, erleben Ungerechtigkeit, aber sie sind nicht alle Nazis." Und er erinnert daran, dass es in Chemnitz schon früher "100.000 Kulturveranstaltungen" gegen Rechts, Hass und Gewalt gegeben habe, über die die Medien kaum berichtet hätten, während jetzt die Stadt im Fokus stehe. Dunkle Wolken ziehen auf, es beginnt zu regnen, Regenponchos werden verteilt. Die Demokratie steht im Regen, und sie hält es aus.

3. Satz: Adagio molto e cantabile, langsam, sehr liedhaft. Die Musik ist elegisch, trauernd, diesmal vielleicht um den Verlust der gemeinsamen Sprache. Mit bunter Kreide stehen am Treppenaufgang des Theaterplatzes Worte wie "liebevoll, selbstverantwortlich, solidarisch, achtsam, würdevoll, respektvoll, Seelenheil, fleischfrei, gewaltfrei, sozial, kinderfreundlich, glücklich". Die 5000 Menschen bilden vielleicht wirklich die "Mitte der Gesellschaft" ab. Das Durchschnittsalter ist deutlich höher als beim Montagskonzert mit den Toten Hosen. Trotzdem sind auch Jugendliche da, junge Familien mit Kindern, Ältere, viele, die sich in der Stadt engagieren. Ein Mann hat sich die Flagge der Europäischen Union umgehängt. Eine Schauspielerin spricht Worte von Charlie Chaplin: "Nur, wer nicht geliebt wird, hasst ... für eine allumfassende Brüderlichkeit." Die Schlussrede aus dem Film "Der große Diktator" erreicht die Herzen der Zuhörer, es gibt langen Applaus.

4. Satz: Presto - Allegro assai, schnell, sehr fröhlich ... Langsam kämpft sich das bekannteste Motiv der 9. Sinfonie hervor, "Freude, schöner Götterfunken", Friedrich Schillers Ode an die Freude. Es leuchtet auf wie aus einer anderen Welt, so wie auch das Publikum in den milchig-weißen Regencapes wie aus einer anderen Welt erscheint, im Schutzanzug gegen den Zeitgeist, der von Schillers Vision noch weit entfernt ist: "Deine Zauber binden wieder / Was die Mode streng geteilt; / Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt." Der gewaltige Chor, die Solisten, das engagierte Orchester - ein ergreifender, ermutigender Moment. Sehr langer Applaus. Dass der Mut nötig sein wird, sehen die Gäste auf dem Heimweg, als gegenüber auf der Straße der Nationen Teilnehmer der Pro-Chemnitz-Demonstration mit Polizeibegleitung Richtung Bahnhof eskortiert werden.

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