Das Jahr 1979 und die Anfänge der Gegenwart

Potsdamer Historiker überrascht mit seiner speziellen Zeitenwende

Das Jahr 2019 ist voll von historischen Erinnerungen und Jahrestagen - mit dem Höhepunkt "30 Jahre Mauerfall" am 9. November. Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, hält mit einer eher überraschenden Zäsur dagegen: Er nimmt in seinem Buch "Zeitenwende 1979" das Jahr 1979 global unter die Lupe. Bösch wählte dabei eine andere Perspektive, um das Aufkommen gegenwärtiger Herausforderungen zu erklären. Er verzichtet auf die sonst übliche deutsche oder europäische Nabelschau und zeigt anhand von zehn Ereignissen des Jahres, wie die Welt von heute ihren Anfang nahm.

1979 häuften sich globale Ereignisse: So gewann der islamische Fundamentalismus durch die Revolution im Iran eine neue Bedeutung. In Afghanistan stärkte der sowjetische Einmarsch nachhaltig den radikalen Islam und brachte das Land am Hindukusch endgültig auf die geostrategische Weltkarte. Auf Polens Straßen forderten Millionen von Menschen den Sozialismus heraus, als Papst Johannes Paul II. sein Heimatland besuchte. Zugleich gewann die ökonomische Globalisierung an Fahrt. Das kommunistische China öffnete sich für den Kapitalismus und lockte internationale Firmen wie VW an. In Großbritannien leitete die frisch gewählte Margaret Thatcher neoliberale Reformen ein, die in vielen Ländern zum Vor- und später zum Schreckbild werden sollten. Parallel dazu kam das ökologische Denken in Deutschland auf, die "Grünen" wurden gegründet. Und erstmals nimmt die Bundesrepublik außereuropäische Flüchtlinge auf: die "Boat People" aus Vietnam.

Bösch ist ein atemberaubender Parforceritt gelungen. Insgesamt analysiert er zehn Ereignisse vor 40 Jahren anhand neu erschlossener Archivakten und der Vorstellung unterschiedlicher Akteure. Dazu zählen Flüchtlingshelfer, die mit dem Schiff "Cap Anamur" Menschen vor dem Ertrinken retteten, ebenso wie VW-Manager, die erste Joint Ventures in Shanghai aushandelten, oder Solidaritätsbrigaden, die ins revolutionäre Nicaragua ausrückten.

Nicht alle Kapitel mögen für jeden Leser gleichermaßen interessant sein. Man erkennt aber, dass die Ereignisse von damals der Ursprung vieler heute diskutierter Themen sind. Laut Bösch wurde 1979 deutlich, wie der Kalte Krieg sich zwar zuspitzte, die bipolare Ordnung aber zugleich aufbrach: "Die Welt wurde multipolar." Warum aber schien sich 1979 die Geschichte zu verdichten? Bösch beschreibt ausführlich, wie sich ausgehend vom Krisendiskurs der 1970er-Jahre vielerorts der Wunsch nach radikaler Veränderung breitmachte. Es war aber entscheidend, dass charismatische Führungspersönlichkeiten diese Wechselstimmung aufgriffen und vorantrieben.

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