Des Sängers Tod

In seinem neuen Roman setzt der Schweizer Lukas Hartmann dem legendären jüdischen Tenor Joseph Schmidt ein Denkmal.

In den 20er- und 30er-Jahren war Joseph Schmidt im deutschen Sprachraum ein Phänomen des Pop, wie es wenige Jahrzehnte später im Westen Peter Alexander und im Osten Frank Schöbel werden sollten: omnipräsent im Konzertsaal und auf dem Grammofonteller, verehrt von Fans jeden Alters und Geschlechts - besonders des weiblichen. Schmidt, Tenor aus der Bukowina (heute Ukraine) war ab 1929 ein Rundfunkstar, der durch seine leuchtende Stimme half, das erste elektronische Massenmedium populär zu machen. Die große Karriere auf der Opernbühne war ihm gleichwohl verwehrt - so sehr seine Stimme auch große Partien trug, seine Statur tat es nicht: Er maß nur 1,54Meter. Dafür spielte und sang er in mehreren Spielfilmen. Unumstritten gehört sein größter Erfolg, "Ein Lied geht um die Welt", zum ewigen Soundtrack des 20. Jahrhunderts. Ebenso ewig liegt gleichwohl ein Schatten darauf - wegen des tragischen Schicksals seines Interpreten: Schmidt, der, wegen seiner jüdischen Herkunft ab Februar 1933 beim Berliner Rundfunk mit Hausverbot belegt, im Mai 1933 vor den Nazis aus Deutschland flüchtete, wurde nicht einmal 40 Jahre alt.

Die letzten Monate in Schmidts Leben zeichnet jetzt der auf historische Stoffe spezialisierte Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann in seinem Roman "Der Sänger" weitgehend dokumentarisch nach. Im ersten Exil in Wien ist Arbeiten für Schmidt noch möglich. Nach "Anschluss" Österreichs 1938 ans Deutsche Reich führt die Flucht ihn über Belgien 1940 nach Frankreich, wo das Vichy-Regime den Deutschen interniert. Jetzt, im Oktober 1942, glückt ihm nach mehreren Anläufen die Flucht in die Schweiz. Juden indes gelten dort seit kurzem nicht mehr als politische Flüchtlinge. Und sein Ruhm gilt nichts bei den Eidgenossen. Arbeiten darf er erst recht nicht. Er könnte es auch gar nicht. Die Flucht hat ihm gesundheitlich schwer zugesetzt. Dass man ihn "zur Abklärung" seines Falles auch in der Schweiz interniert und mit anderen Emigranten in einer unbeheizten Baracke hausen lässt, gibt ihm den Rest. Eine schwere Halsentzündung plagt ihn. Er hat heftige Herzbeschwerden. Trotz massiven Hinweisens darauf beim Aufenthalt im Spital wird er von dort ungenügend kuriert entlassen. Zwei Tage später, am 16.November 1942, stirbt er an Herzversagen. Mit 38 Jahren. Unweit des Internierungslagers, auf der Couch, die ihm eine Gastwirtin in ihrer Wohnstube überlassen hat.

Man liest Lukas Hartmanns erschütternde, plastisch erzählte Chronik aus Sicht des Sängers mit stockendem Atem. Den plagt nicht nur seine eigene Lage. Ungewiss ist für den Sohn jüdisch-orthodoxer Eltern, der quasi in der Synagoge "entdeckt" wurde, auch das Schicksal der Mutter im fernen Czernowitz. Lebt sie? Erreichen sie seine Briefe? Rückblenden in die Vergangenheit, als die Welt den Star auf Händen trug, als der Womanizer auf die Familie verzichtete, die er hätte haben können, kontrastieren zum elenden Status als "Gast" der Schweiz, die sich damals im Umgang mit Flüchtlingen wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat. Mit denselben Ausreden, die man bis heute kennt. Man, staunt, dass das Buch eben so sieben Wochen umspannt. Gefühlt dehnen sie sich wie Jahre. Fiktive Zeugenberichte von Amtsträgern sowie von Anwohnern des Lagers, die erfahren, dass "der" Joseph Schmidt nebenan interniert ist, bieten punktuelle Außenansichten. Doch am schwersten wiegt der Einblick in die Innenwelt eines Geflohenen, der ein Leben hatte, in das er nicht zurückkann. Da keine Parallelen zum Heute zu ziehen, ist praktisch unmöglich.

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