Die Beiläufigkeit endet - die Wirklichkeit beginnt

Zu seinem 75. Geburtstag legt Botho Strauß eine Sammlung von kurzen, merkwürdigen Geschichten vor und beschränkt sich auf aphoristische Verkürzungen.

Nein, "zu oft umsonst gelächelt", wie der Titel seines jüngsten Buches heißt, hat der Schriftsteller wohl nicht. Seinen Namen kennen viele, aber wer hat ihn gelesen, diesen Autor, der ein halbes Hundert Bücher veröffentlicht und natürlich Lob, aber auch heftige Kritik erfahren hat?

Begonnen hat der am 2. Dezember 1944 in Naumburg geborene Botho Strauß mit Stücken, die nicht nur im deutschen Sprachraum erfolgreich waren. Heute lebt er in Berlin und in der Uckermark. "Dieser Mann ist eine große Hoffnung unserer Literatur" meinte einst Marcel Reich-Ranicki. Aber mittlerweile ist die Prosa sein Feld, der Roman, aber auch der Essay.

Mit "Anschwellender Bocksgesang" (1993 im "Spiegel") handelte er sich heftige Kritik ein, wohl berechtigt, wie zu jener Glosse "Der letzte Deutsche" (2015), mit der Botho Strauß das Ende deutscher Geistesgeschichte prophezeit. Da ist auch eine Nähe zu den politischen Ansichten von Peter Handke.

Andererseits verwandelte Strauß sich in seinen Texten immer wieder, wechselte vom Autobiografischen ins Gesellschaftliche, von einer nachdenklichen Beschreibung heutiger Zustände in die sanft-heiteren Erörterungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Da sind wir also bei seinem jüngsten Buch mit dem seltsamen Titel "zu oft umsonst gelächelt", eine Versammlung von kurzen Prosastücken, eigensinnig und eigenwillig. Worum geht es in den Texten?

Um Liebe und Liebesverhältnisse, um Mann und Frau, um Affären und Gemeinsamkeiten, um Freundschaft und Feindschaft. Es sind ja alte Themen, die Botho Strauß oft in aphoristischen Verkürzungen aufnimmt und bedenkt. Ob man ihm immer zustimmen wird, ist nicht die Frage, wenn er etwa meint: "Mann und Frau sind niemals Partner" und dann sozusagen die Nähe oder Ferne der Geschlechter in sprachlichen Entdeckungen zeigt.

Das Allgemeine bewegt sich um ganz direkte Biografien: Gordana kam aus Jugoslawien und lebt in Dänemark. Sergej im weißen Kaukasus. Und viele andere. Und sozusagen als Träger der Geschichten beginnt es damit, dass ein alter Romancier seinen jungen Kollegen einlädt, doch zuvor noch das Motto vom Emerson: "Alles, was es auf der Welt gibt, alles, was wir kennen oder kennen sollen, ist geschickt in den Stoff verwoben, daraus Mann und Weib gemacht sind".

Und mit diesem Leitwort versteht man dann die Geschichten, die sich hier finden. Irgendwann stöhnt dann der alte Romancier "Bilder, gebt uns die tiefen Bilder wieder". Genau darum geht es wohl Botho Strauß; weg von der Oberflächlichkeit der vielen Beschreibungen, der simplen Wiederholungen. Schnelle Liebe, "eilige Verhältnisse" und hin und wieder die große Liebe. "Immer auf der lebenslangen Bank ohne Rückenlehne, vor dem Gerichtssaal, und wenn hastig durchgespielt, was dann?" Ja, was dann?

Botho Strauß nähert sich diesem "Was dann", und er nimmt die aufmerksamen Leser mit, denen er ein Buch vor die Nase wünscht. Eben dieses vielleicht, dann wurde nicht "zu oft umsonst gelächelt".

Der Autor hat sich bei Gelegenheit seines 75. Geburtstages selbst das schwierige und seltene Lächeln des Erzählens geschenkt, wo die Beiläufigkeit endet und die Wirklichkeit beginnt.

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