Ein Flickenteppich mit Tendenz zur Melancholie

Durs Grünbeins neue Textsammlung "Aus der Traum" hinterlässt beim Lesen einen schalen Beigeschmack.

Blättert man in Durs Grünbeins Buch, so erscheint es, als würden Arno Schmidt und Walter Kempowski zugleich ihre legendären Zettelkästen öffnen, denn man wird von einem Tsunami voller Themen und Informationen überrollt. Kaum hat man sich einem Stoffgebiet genähert, verflüchtigt es sich schon wieder und macht einem anderen Platz. Ständig wechselt der Autor die Sujets. Bei ihm herrscht eine andauernde Fließbewegung vom Vers zum Essay, von der autobiografischen Notiz zur kulturhistorischen Betrachtung und umgekehrt.

Einen roten Faden in diesem Potpourri bildet das Motiv des Traums. "Im Traum öffnet sich, so plötzlich, wie der Pfau sein Rad schlägt, der große Fächer der Psyche", behauptet Grünbein und landet zwangsläufig beim Vater der Psychoanalyse, den er bedauert und bewundert: "Armer, heroischer Freud. Großer Gelehrter und Mediziner und Liebhaber der Philologie und Mythologie, der er war, musste er sich im Dickicht der Träume verirren." Immer wieder lässt der Künstler in solchen Formulierungen sein Wissen schillern. Unermüdlich zitiert er Koryphäen wie Otto Binswanger, Blaise Pascal oder Edmund Husserl. Er serviert einen Bildungscocktail, eine Art Bibliographie seines Intellekts, und trotzdem entwickelt sich bei der Lektüre ein schaler Beigeschmack, denn man bemerkt, dass er zu oft in horizontaler Richtung denkt. Aber nur das vertikale Denken, das Denken in die Tiefe ist für die Evolution des Geistes von Gewicht.

Am stärksten wirken jene Passagen, in denen Grünbein über sein Dasein als Poet reflektiert. Darin definiert er das "Gedichteschreiben" als "Übung in radikaler Selbsterforschung" und betont, der Lyriker solle "seiner eigenen Traumwirklichkeit folgen, nicht selten auch seiner abgründigen Psyche, wie es alle die Zerrissenen taten, die sich ins Goldene Buch der Menschheit eintrugen". Und er fügt hinzu: "Der Dichter ist einer, der lernen musste, allein zu sein, nonkonform, keinem verpflichtet - keiner äußeren Macht, keinem höheren (religiösen oder philosophischen) Prinzip, nicht einmal einer vorherrschenden literarischen Strömung." Bei all diesem Streben nach Unabhängigkeit mutet es allerdings verwunderlich an, dass Grünbein sich mit einem in dem Band abgedruckten Statement in die Debatte um die "Erklärung 2018" in punkto Flüchtlingspolitik einmischt und seinen Kollegen Uwe Tellkamp als "Heimatautor" mit verengtem Blickwinkel diskreditiert, wohl wissend, was solch eine Einstufung bedeutet, zumal er ihn außerdem als "aktiven Spalter" der Gesellschaft bezeichnet.

Grünbein ist nicht der arglose Schriftsteller im Elfenbeinturm, als der er sich geriert. Er ergreift Partei und untergräbt damit teilweise seine eigenen Auffassungen. Doch nicht allein diese Krux rückt seinen Flickenteppich in ein fragwürdiges Licht. Es sind vor allem die eingestreuten Strophen, die einem in ihrer Plakativität Kopfschütteln abnötigen. Ein Beispiel: "Heute Abend werde ich / in Sarajevo schlafen. / Sarajevo, ein anderer Name / für den verlorenen Ort, / Geschichte als Katastrophe / zu Lebzeiten. / Meine und deine, Europas Schande." Ästhetisch dünner und inhaltlich blasser geht es kaum noch. Ähnlich blutleer und verwaschen kam 2017 schon Grünbeins Lyrikband "Zündkerzen" daher. Offenkundig steckt der Autor bezüglich dieses Genres in einer Krise.

Authentischer muten dagegen Prosastücke an, in denen er sich an seine Jugend im Sozialismus entsinnt. Da heißt es etwa: "Ich begann mit einer einfachen Lektion. Sie betraf diesen Körper - das einzige, was der Staat, in den ich durch genetischen Loswurf hineingeraten war (der glorreiche Arbeiter-und-Bauern-Staat DDR), beschlagnahmen konnte, indem er mich zum Militär einberief und in die Großbetriebe zur Produktion." Gelegentlich blitzt Aphoristisches in diesen Erinnerungen auf, dann wieder tendieren sie in Richtung Melancholie. Zu Brillanz verhelfen selbst diese Memoirensplitter dem Opus nicht. An den zusammengestoppelten Texten stört vor allem die über weite Strecken mangelnde Sprachqualität. Grünbein, der einst als Magier der Verben und Substantive startete, droht unter die Stilverlotterer zu geraten. Mögen ihm die Musen künftig gnädiger sein.

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