Ein Geschichts- und ein Lebensbuch

Mit "Die Lichter, die wir selbst entzünden" folgt der Autor Utz Rachowski erzählend seinen eigenen Lebensstationen.

Was für ein wunderbares Buch" möchte man mit den polnischen Autorinnen sagen, die der Sammlung von Gedichten, Briefen und Reden ein Nachwort geschrieben haben. Das beginnt damit, dass zwei engagierte Leserinnen aus dem Nachbarland ihre Eindrücke bei der Lektüre Rachowskischer Prosa und Poesie beschreiben. Polen und Deutsche, das war und ist ein vielschichtiges, oft bitteres Verhältnis. Und es sind eben nicht nur die politischen Realitäten, die dieses verändern, sondern die Kunst, die Literatur bietet hier Wegzeichen, Lichter, die unsere Wege beleuchten. Utz Rachowskis Band "Die Lichter, die wir selbst entzünden" bewegt sich auf den Lebenswegen des Autors aus Reichenbach.

Das beginnt damit, dass Rachowski von seinen ersten Leseerfahrungen erzählt, von Victor Klemperers LTI, der die Sprachregelungen der Nazis sichtbar macht, und der Autor sieht nun sich selbst in den Verwirrungen der Sprache, die eine verwirrte Wirklichkeit beschreiben.

Damit beginnt das Buch, das dann den Lebensstationen des Poeten folgt. Auch hier erzählt er von seinen frühen Welterfahrungen: Es beginnt mit der Erinnerung an die Dichter, die er kennenlernte. Sinngeber nennt er Reiner Kunze, und von dem Freund Jürgen Fuchs erzählt er, aber diesmal im Kontext zu seiner polnischen Gegenwart.

Rachowski war mehrfach in Polen. So findet sich am Anfang ein Motto von Czesław Miłosz: "Wenn uns das Begreifen zugänglich ist, dachte er, dann nur im Augenblick des Mitgefühls". Mit dieser Devise verknüpft sich seine Erinnerung an die Zeiten, die er durchlebte und durchlebt. "Praxis" ist das Textkapitel überschrieben, in dem sich seine Briefe aus dem Gefängnis finden und Erfahrungen, die er in seiner Praxis in heutigen Jahren macht, wenn er mit Menschen spricht, die noch immer an der Vergangenheit leiden.

Seit 2003 arbeitet Rachowski als "Bürger und Rechtsberater für die Behörde des Sächsischen Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR". Er sprach mit tausenden von Betroffenen. Da findet sich der Text über einen als Beispiel. Deutsche Verhältnisse auch hier, wie in dem "transatlantischen Gespräch", und immer deutlicher wird der geheime Kern als ein deutsches Geschichtsbuch in Spruch und Widerspruch. Es ist nun nicht die Gelegenheit, all die Gedanken und Geschichten aufzuzählen. Wir müssen uns auf den Titel des Buches beschränken: "Die Lichter, die wir selbst entzünden". Da steht dann gegen Ende jener Text, aus Mörikes Gedicht "Mein Fluß", der wohl eines jener Lichter ist, die hier entzündet wurden. Also ein Geschichtsbuch, ein Lebensbuch. Magdalena Latkowska und Ewa Matkowska geben mit ihrer deutschen Kollegin Eva-Maria Zehrer dem Band ein Nachwort, das jenes Begreifen durch das Mitgefühl dieses Autors und seiner vielschichtigen Texte nun als Erfahrung bietet. Da kann man nur einstimmen in das "Murmeln", das er bei Mörike findet und in den Satz: "Was für ein wunderbares Buch".


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