Eine stark verrätselte Parabel

Letzter Baustein eines literarischen Großprojektes: Literaturnobelpreis- träger J. M. Coetzee schließt mit "Der Tod Jesu" seine Saga ab.

Legendäre Könige der Prosa wie Hermann Broch und Jakob Wassermann dienten in Sachen Romantrilogien in früheren Zeiten als Gradmesser. Der Nobelpreisträger J. M. Coetzee eiferte ihnen nach, als er 2013 einen Dreiteiler startete, den man mit Fug und Recht als außergewöhnlichstes Vorhaben seiner Laufbahn bezeichnen darf.

Im ersten Band mit dem Titel "Die Kindheit Jesu" schickte er einen fünfjährigen Jungen namens David und den fünfundvierzigjährigen Simon mit einem Schiff übers Meer. Die beiden, die als Flüchtlinge aus dem Nirgendwo stammten, verbündeten sich und bildeten später zusammen mit einer gewissen Ines eine Art Patchworkfamilie, die sich im fiktiven Ort Novilla ansiedelte, der sich irgendwo im spanischsprachigen Raum dieser Welt befindet. Aber dort durften sie nicht bleiben, da die Behörden sich an ihre Fersen hefteten. Was genau ihnen die Beamten ankreideten, ließ Coetzee als Geheimnis in der Schwebe.

Im Jahr 2016 erschienenen zweiten Puzzlestück seiner Jesus-Saga strandete die Gruppe in der imaginären Stadt Estrella. Simon und Ines nahmen Jobs in der Landwirtschaft an, doch bald verdeutlichte sich, dass David, der mit seinem immensen Gerechtigkeitsempfinden Christus gleicht, nicht den ganzen Tag herumstromern kann, sondern eine Schule besuchen muss. Die drei Schwestern, denen das Weingut gehört, auf dem Ines und Simon arbeiten, vermitteln den Knaben an eine Akademie, wo er nach dem Rhythmus von Ziffern tanzt, denn die Lehrer orientieren sich am "höheren Reich, aus dem die Zahlen zu uns herabsteigen". Dass die Chefin der Einrichtung Ana Magdalena heißt, verwundert kaum, denn im Buch wimmelt es nur so von Anspielungen auf die Bibel.

Von religiösen Andeutungen und Fingerzeigen gesättigt ist auch der jetzt veröffentlichte letzte Baustein des literarischen Großprojektes, das Merkmale einer stark verrätselten Parabel aufweist. David, inzwischen zehn Jahre alt, entpuppt sich immer mehr als eigensinniger, schwer zu erziehender Junge, der mit dem Kopf durch die Wand will. Um jeden Preis möchte er in die Fußballmannschaft eines Waisenhauses integriert werden. Deshalb sagt er sich von seinen Pflegeeltern los und übersiedelt in das Kinderheim. Nach dem Grund für diesen radikalen Schritt befragt, antwortet er: "Ich erkläre nichts. Ein Kind muss nichts erklären." Doch nach kurzer Zeit erkrankt er schwer. Ständig stürzt er, weil er seine Beine nicht mehr zu kontrollieren vermag. Die Ärzte finden heraus, dass er am "Saporta-Syndrom" leidet, "einer Neuropathie der adynamischen Art, das heißt einer Pathologie der Nervenbahnen, auf denen die Signale zu den Gliedmaßen gesendet werden." Sein Zustand verschlechtert sich rapide, und bald stirbt er. Freunde, die in ihm einen "Meister" witterten und andächtig seinen Worten lauschten, zelebrieren nach seinem Ableben eine regelmäßig wiederkehrende Gedenkveranstaltung: "Die erste Hälfte unseres Programms heißt 'Die Taten und Sprüche Davids'. Die zweite Hälfte wird aus Tanz und Musik bestehen." Ganz offenkundig handelt es sich dabei um eine Form des Gottesdienstes.

Sprachlich mutet das Opus spröde an. Häufungen von Hauptsätzen und simpel gestrickte Dialoge dominieren über weite Strecken. Auch der Wortschatz des Erzählers zeichnet sich nicht durch erhebliche Vielfalt aus. Vor allem bei den Verben mangelt es an einer breiten Fächerung. Aber diese Defizite bezeugen keineswegs das ästhetische Scheitern des Autors, weil sie Methode besitzen. Coetzee schätzt die raue, ruppige Sprache, den kratzigen Ton. Diesem schroffen Duktus trägt Reinhild Böhnke durch ihre Übersetzung perfekt Rechnung.


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