Fremde im eigenen Land

Sie sind als Indianer verkleidete Indianer; auch das nur, wenn sie ihren Powwow begehen. Dann kommen sie aus allen Ecken des Landes. Dann feiern sie ein großes Zusammensein, das sonst nicht mehr existiert. Es ist wie eine große Inszenierung der Vergangenheit. Doch gibt es dort kein Dort mehr, wird die Schriftstellerin Gertrude Stein zitiert: "There is no there there". Es wurde so viel abgerissen , bis das Dort der Kindheit verschwunden ist.

In seinem klug zwischen Zärtlichkeit und Brutalität konstruierten Debüt erzählt Tommy Orange, der von den Cheyenne abstammt, von den Native Americans. Sein Buch, das wie ein Faustschlag ist, traf den Nerv und wurde zum Bestseller, weil das Thema noch nie in einem romanfüllenden Panorama ausgebreitet wurde. Mit dem Filmemacher Dene Oxendene schuf der Autor sich ein Alter Ego. Dene ist einer von zwölf Nachfahren, die zum Fest kommen. Er arbeitet an einer Doku aus indianischen Geschichten.

Für seine Oral History bringt er seine Leute zum Reden, damit Geschichten den Klischees Individualität entgegensetzen. Überall trifft er auf Entwurzelte, deren Leben von Alkoholismus, Drogen, sexueller Gewalt, Selbstmorden von Angehörigen und Parallelwelten des Internets flankiert und gezeichnet werden. Das sind die Ergebnisse der Assimilierung. Für diese erste in den Städten geborene Generation hat das Rauschen der Freeways das Rauschen der Flüsse ersetzt.

Orange schildert die Leben plastisch: Vietnamveteran, Drogenberaterin, trockene Trinkerin im Kampf gegen die Hotel-Minibar, Dealer, Kleinkriminelle, bipolar Gestörte, Kinder in Pflegefamilien, Spielsüchtige und Netzabhängige, die mit 3-D-Druckern Unglaubliches tun. Sie bekommen ihre Stimmen, die sich zu einem Chor der Niederlagen fügen. Nur manchmal ragt ein Schimmer Hoffnung hervor. Alle Stränge kunstvoll verzahnt. Man behält den Überblick auch dann, wenn alles in die Katastrophe mündet, weil längst nicht jeder mit hehren Absichten zum Powwow kommt. Und wieder fließt Indianerblut ... (ulst)

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