Vom Suchen und Finden seelischer Abgründe

Unter den Krimiautoren, denen es neben der Spannung auch um sprachliche Eleganz geht, ist Friedrich Ani der wahre Meister. Sein Roman "All die unbewohnten Zimmer" beweist dies einmal mehr.

Der Gedanke drängt sich dem Fan des mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Autors auf: Mit seinem Krimi "All die unbewohnten Zimmer" befindet sich Friedrich Ani auf einer Art von Zielgeraden und läutet so das vermeintliche Ende all seiner ineinander verzahnten Geschichten der vergangenen 20 Jahre ein. Dafür gibt es ein entscheidendes Indiz: Alle Protagonisten seiner Romanreihen sind mit von der Partie, müssen sich ergänzen und miteinander auskommen, um den Fall zu lösen. Dass dies auf einem hohen literarischen Niveau passiert, zeichnet den Autor erneut aus und macht das Buch auch für die höchst interessant, die sonst Krimis eher meiden.

Zu den Protagonisten gehört Polonius Fischer, der viele Jahre als Mönch im Kloster verbracht hat, bevor er zur Polizei zurückgekehrt ist und dort jetzt Ermittlungschef ist; bei ihm hat man den Eindruck, die Zeit der Askese und des Schweigens haben sein Feingefühl für die Abgründe der Seele anderer Menschen geschärft, denn wenn er verhört, fangen irgendwann alle an zu reden.

Auch Jakob Franck, der pensionierte frühere Leiter der Mordkommission, ist mit von der Partie, weil er eigentlich nur, denn das kann keiner besser als er, Todesnachrichten überbringen soll, dann aber wegen seines scharfen Verstandes mitermitteln darf; ruhiger und unaufgeregter geht das kaum, und das dann jedoch packende Spannungsmoment erschließt sich vor allem im Unterbewusstsein. Fariza Nasri, die syrischstämmige Kommissarin, gehört nach ihrer Strafversetzung wieder zum Team der Ermittler, nur um gleich zu Beginn ihre Karriere erneut aufs Spiel zu setzen, weil sie einen todbringenden Heckenschützen, der eine Geisel genommen hat, in einem halsbrecherischen Alleingang ausschaltet.

Und gesetzt: Tabor Süden, den Friedrich Ani mittlerweile in mehr als 20 Romanen - zuerst als Kommissar, dann als Privatdetektiv - nach vermissten Menschen suchen ließ, wobei fasziniert, dass dieser zu Melancholie neigende Misanthrop von Anfang an auch sich selbst zu finden versucht, es aber nie schafft und daran zu zerbrechen droht.

Dies ist (auch) als Warnung zu verstehen: Nicht nur wegen des literarischen Tiefgangs, sondern auch wegen der feingliedrig kompliziert gestrickten Handlung bedarf das Lesen dieses Romans höchster Konzentration. Zwei Polizisten fahren Streife, als in München gerade eine rechtspopulistische Partei demonstriert und für große Unruhe in der Stadt sorgt; plötzlich springt einer der beiden Beamten aus dem Auto, läuft zwei syrischen Kindern hinterher, die Äpfel gestohlen haben, und liegt wenige Sekunden später mit eingeschlagenem Schädel tot auf der Straße. Die Suche nach dem Mörder führt den Leser entlang von Grenzen unseres Selbstverständnisses als Teil einer Gesellschaft, die wie nie zuvor gerade gebeutelt wird und sich neu finden muss.

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