Von einer Seele - einer uralten

Der Schauspieler Ulrich Tukur beschreibt in seinem Roman "Der Ursprung der Welt" eine Zeitreise und mutet den Lesern mit starken Bildern auch viel brutale Gewalt zu.

Ulrich Tukur (62) sieht schwarz. Im Jahr 2033 wird das Baltikum von Russland überfallen, in der Türkei bricht ein Bürgerkrieg aus, und der Westen Europas verfällt in Hysterie und Hass. Frankreich degeneriert zum Überwachungsstaat, in Deutschland steht es nicht gut um die Demokratie. Einzig Spanien bleibt ein freies Land, alle wollen dorthin. Auch der Mittdreißiger Paul Goullet aus Stuttgart, der nach Paris reist.

Auf einem Flohmarkt findet er ein Fotoalbum, darin sind elegante Damen und Herren aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts zu sehen. Einer davon sieht Goullet täuschend ähnlich, sodass er nach ihm zu fahnden beginnt. Sein Doppelgänger erweist sich als Prosper Genoux, als Kinderarzt und Triebtäter einer der größten Verbrecher Frankreichs in seiner Zeit. Der angebliche Kommunist arbeitete 1943 für die Résistance und brachte Flüchtlinge, die der Hitlerei entkommen wollten, in den Pyrenäen über die Grenze. Er raubte sie aus, folterte junge Frauen, mindestens 60 von ihnen soll der Mann zerstückelt haben.

Ulrich Tukur hat einst in Tübingen Geschichte studiert und ist fasziniert von der Vergangenheit. Zu seinen Bezugspersonen für den Roman gehört Walter Benjamin, der von Südfrankreich nach Spanien floh. Tukur hat eigens die Orte besucht, in denen die Flüchtlinge ausharrten, um in Sicherheit gebracht zu werden. Er ist den Fluchtweg von damals abgelaufen, um sich in die Atmosphäre jener Zeit zu vertiefen, in die Angst und das Chaos unter den Hilfesuchenden.

Der Filmstar, der im "Tatort" als Wiesbadener Kommissar agiert und im Film "Das Leben der Anderen" ein fieser Stasi-Offizier war, erzählt - nach seinen Erzählungen "Die Seerose im Speisesaal" und der Novelle "Die Spieluhr" - in diesem Buch eine dunkle Geschichte. Damit mutet er den Lesern einiges zu.

Paul Goullet hat seit über zehn Jahren keinen Sex mehr, er meidet ihn, weil er seit seinen Studentenjahren an einer Obsession leidet. Sein Sex war nicht von Zuneigung bestimmt, sondern "eine rohe Gier, ein brutales und rücksichtsloses Verlangen nach Befriedigung und eine Art Raserei, die ihn blind und hemmungslos machte", heißt es. Darin gleicht er dem Verbrecher Genoux, in dem er seinesgleichen sieht. Eine gewagte Konstruktion des Autors, der damit sagen will, alles wiederholt sich in der Geschichte. Es geht um Gewalt.

Goullet ist ein Dandy, besitzt ererbtes Vermögen und flaniert durch die Welt. 2033 hat er einen Chip als Kreditkarte unter der Haut, um seine Tage zu genießen. Als er an die "knabenhafte" Widerstandskämpferin Hélène gerät, bekommt er eine Lektion erteilt. Sie will ihn von seiner "gewalttätigen Obsession für mütterliche Frauentypen" befreien. "Sie hatte ihn der Dunkelheit entrissen, und mit ihr schien der Abgrund, den er in sich trug, verschwunden."

Ulrich Tukur nennt sich in Interviews einen Melancholiker. Drei Jahre hat er an dem Buch geschrieben, mental unterstützt von seiner Ehefrau Katharina John, mit der er nach Jahren in Venedig nun in Berlin lebt. Tukur spricht oft von der Seele des Menschen, die uralt ist und viele Vergangenheiten in sich trüge. Seine literarischen Vorbilder sind seit seiner Jugend E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe mit seiner Horror- und Schauerliteratur. "Es war reizvoll, über jemanden zu schreiben, von dem ich nur die äußere Erscheinung kannte", hat Tukur in einem Gespräch berichtet.

Seine Figuren in diesem Roman haben "schreckensweite Augen", eine junge Frau hat ein "rotes, fleckiges Gesicht". Einst wollte sein Held Goullet, "ausgestattet mit einer stattlichen monatlichen Apanage", einer Frau "den Kopf vom Rumpf reißen, weil er dort nicht hingehörte und ihn daran hinderte, sich ganz in den Besitz ihres Leibes zu bringen". Das sind starke Bilder, aber sie sind für die Leser mitunter auch schwer zu ertragen.

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