Wie durch die Wellen des Ozeans

Raoul Schrott hebelt in seinem neuen Roman die Gesetze der Zeit aus und schreibt "Eine Geschichte des Windes".

Wenn Geschichte sich nicht mehr rekonstruieren lässt, muss man sie eben erzählen. Zumal, wenn es sich um alte Geschichte handelt, die nur mündlich und nicht durch schriftliche Quellen übermittelt wurde. Der Österreicher Raoul Schrott hat aus dieser Erkenntnis lange schon seine ganz persönliche Poetik gemacht. Er ist berühmt für seinen "kreativen Umgang" mit antiken Texten. Nachdem er 2008 bei seiner Neuübersetzung der "Ilias" zum Schluss kam, Homer sei ein in Assyrien lebender griechischer Kastrat gewesen, warf mancher Altphilologe ihm "irrwitzige Fantastereien" vor. Das aber hieße, ihn misszuverstehen.

Schon im Lebenslauf, in dem er sich damit schmückt, den Nachttopf des Surrealisten Philippe Soupault geleert zu haben (dessen Privatsekretär er war) verwischt der 1964 in Landeck geborene Tiroler die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit. Aus der Unschärfe hat er eine Masche gemacht. Die Texte sind virtuelle Versuchsanordnungen. Der neue ist keine Ausnahme. Nichts Geringeres als "Eine Geschichte des Windes" hat Schrott vorgelegt. Und weil ihm das nicht reicht, fügt er dem Titel noch hinzu "oder von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal". Den Mann, von dem die Rede ist, hat es wirklich gegeben. Er hieß Hannes der Deutsche aus Aachen, auch genannt Juan Aleman de Aquisgran, und umrundete mit dem Seefahrer Magellan die Welt. Vielmehr ist über ihn nicht bekannt, wie Schrott schreibt. "Alles andere ist die Wahrheit einer Geschichte gegenüber der Geschichte."

Bei einem Besuch auf den Osterinseln will der Erzähler von dem Bündel eng beschriebener Bananenblätter erfahren haben, auf dem eben dieser Hannes seine Abenteuer notiert hat. Nur fragmentarisch ist das Manuskript zu entziffern. Und so setzt sich der selbst welterfahrene Schriftsteller hin, füllt die Leerstellen und erfindet die Erlebnisse dieses Kanoniers, der gegen Stürme, Flauten, Hunger und Meutereien kämpft, gegen Eingeborene auf den Molukken und das Heimweh nach seiner Geliebten Rochela, die prompt einen anderen hat, als er Jahre später nach Sevilla zurückkehrt. Auf der Suche nach einem neuen Seeweg zu den Gewürzinseln, umsegelt er das Kap Hoorn, erleidet Schiffbruch, wird gefangen genommen. Immerzu treibt ihn auf seinen Reisen das Rätsel der Winde um. "Wie ein Furz aus dem aufgeblähten Kadaver einer Kuh" blasen sie umeinander. "Vielleicht entstehen sie ja tatsächlich aus dem Verdauen und Verwesen von Meer und Land, wie sie sich hier, in Flut und Ebbe wogend gegenseitig wiederkauen."

In einer barocken Sprache, die an Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens "Abenteuerlichen Simplicissimus" (1668) erinnert, hebelt Raoul Schrott die Gesetze der Zeit aus. Die großen Epen und Reiseberichte von Homer über Christoph Kolumbus und Georg Forster bis zu Charles Darwin klingen an. Und sein Verlag treibt das Spiel auf die Spitze, indem er dem postmodernen Abenteuerroman einen speckigen Einband und einen groben Seitenschnitt verpasst. Seitenzahlen gibt es keine. Wozu auch? Die würden dieser überbordenden Lektüre ja nur einen einengenden Rahmen verpassen.

Nach seinem berühmtesten Buch "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde" (2003) hat es 16 Jahre gedauert, bis Schrott wieder einen großen Roman veröffentlicht hat. Doch so gekonnt er in diesem Schelmenstück sein literarisches Mimikryspiel beherrscht und sich die historische Haut überstreift - mal ehrlich: Wer liest heute noch den Simplicissimus? Nur Philologen. Wie durch die Wellen des Ozeans wird der Leser mit dem Helden hin- und hergeworfen. Die Erzählung will kein Ende nehmen. Aber viele Worte machen noch keine gute Geschichte. Sie ist einfach langweilig. Mit Gedichten und Kurzprosa wie mit seinem "Weissbuch" (2004) oder zuletzt "Die Kunst an nichts zu glauben" (2015) hat Schrott vorgemacht, dass sein literarisches Vexierspiel auch mit weniger Atem gelingen kann. Seine "Geschichte des Windes" ist ein bisschen viel heiße Luft.

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