Chemnitzer macht erstmals Sammlung von Tretautos öffentlich

30 restaurierte Kinderfahrzeuge vom Steiff-Auto bis zum 2,2-PS-Mercedes in Gelenau zu sehen

Chemnitz/Gelenau. Ein Faible für Fahrzeuge hatte Eckart Holler schon immer. Nicht nur, weil der studierte Elektroniker in Karl-Marx-Stadt für den DDR-Fahrzeugbau arbeitete. Bereits als junger Mann fuhr er Rallyes, machte seine Fahrerlaubnis bei der GST, weil es da schneller ging, und ließ später nichts auf seinen Wartburg kommen. Seit 1990 hält er der Marke Audi die Treue. Mit einem britischen Oldtimer, Baujahr 61, nimmt er oft an der sächsischen Burgen- und Schlösserfahrt teil.

Der 67-Jährige hat keine Zeit, sich aufs Altenteil zu setzen. Er arbeitet als Restaurator und ist Sammler - nicht von alten Möbeln oder Überraschungseiern. Holler sammelt Tretautos - egal in welchem Zustand sie sind. Ab nächsten Samstag wird er 30 solcher restaurierten Kinderfahrzeuge erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Eine Sammlung, wie es in Ostdeutschland keine weitere geben dürfte. Einen Vorgeschmack gab es am Samstag im kleinen Kreis. Da seine Ausstellung in Gelenau nur auf Zeit geöffnet ist, laufen bereits Gespräche mit dem Fahrzeugmuseum Chemnitz, um danach hier eine Sonderschau zu gestalten.

Zeitreise in die Geschichte

Produziert wurden die heute seltenen und deshalb kostbaren Autos ab 1850 bis in die Gegenwart: von US-amerikanischen, englischen, deutschen, italienischen und Herstellern in der UdSSR. Holler erwarb oder ersteigerte sie meist über das Internet, wo er jeden Tag auf Suche ist. "Das Problem sind Zubehör und Ersatzteile. Denn manche Autos sind in einem schlimmen Zustand", erzählt er. Lampen, Ballhupen, Zierleisten, Originalschrauben und -felgen muss er aufzutreiben. Schließlich will Holler jedes Auto wieder in den ursprünglichen Zustand bringen. "Darin unterscheide ich mich von anderen Sammlern, die nur sammeln und hinstellen. Ich brauche ein Projekt, an dem ich arbeiten kann", gesteht er. "Exklusive Stücke mit interessanter Geschichte, die sonst keiner hat, der Nachwelt erhalten", lautet seine Devise.

Das noch in Arbeit befindliche Tretauto "Austin J40" zeigt seine Mühen. Exakt 32.098 Stück wurden von 1949 bis 1971 in England produziert. Die Fabrik wurde staatlich subventioniert, sollte kranke Bergleute und Kriegsinvaliden in Beschäftigung bringen. Für sie blieben die 43 Kilogramm schweren Metallautos aber unerschwinglich. Eckart Holler hat eins in schrottreifem Zustand erworben.

Stolz ist er auf einen gelben "Shelley Porsche 356" im Maßstab 1:2. "Diese Autos wurden in den 1950er Jahren in Hamburg gebaut, für die Verkehrserziehungsgärten in großen Städten. Der Mineralölkonzern Shell finanzierte das Vorhaben. In den Autos übten westdeutsche Kinder sozusagen für das automobile Wirtschaftswunder."

Eine weite Reise hat das "Blechliesel", ein Ford-T-Modell mit Namen "Tin Lizzie" hinter sich. Das originale Vorbild wurde ab 1910, das Modell ab 1958 in den USA gebaut. Amerikanische Besatzer hätten es nach dem Krieg mit nach Europa gebracht. Ein Mann aus Bayern habe schließlich im italienischen Imola, auf einem Trödelmarkt, so ein Auto gekauft, aber nie restauriert, erzählt Holler. "Ein Scheunenbrand gab dem Fahrzeug den Rest. Ich habe es erworben und neu aufgebaut."

Glanz kommt auch in die Augen des Restaurators, wenn er über Naether-Fahrzeuge erzählt: "Naether, ein Engländer, kam um 1860 nach Zeitz und baute in Thüringen die europaweit erste Kinderwagenfertigung auf. Nach 1910 erweiterte er das Sortiment - auch um Fantasie-Tretautos." Hollers Exemplar stammt aus einer Fabrikantenvilla in Gera, wo es unbenutzt auf einem Boden stand.

Anders sein ramponiertes Steiff-Auto, wie es von der Teddy-Produzentin Margarete Steiff in Baden-Württemberg zwischen 1935 und 1938 hergestellt wurde. "Darin konnten Kleinkinder oder auch Teddys Platz nehmen. Es besaß Winker, Ballhupe, elektrische Scheinwerfer und eine 4,5-Volt-Batterie. Leisten konnten sich das Auto nur wenige."

Nicht eine Beule hat ein roter Mercedes, in dem bequem zwei Kinder Platz haben: mit 2,2-PS-Motor, zwei Scheibenbremsen, Hupe und Blinker. Gestartet wird er wie ein Benzin-Rasenmäher. 20 km/h schafft der Wagen spielend. Das Einzige, was fehlt, sind drei Radkappen. Holler glaubt nicht mehr, dass die noch irgendwo aufzutreiben sind.

Service:

Die Ausstellung historischer Tretautos ist ab 17. März bis 22. April, immer freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr im Depot Pohl-Ströher in Gelenau, Emil-Werner-Weg 96, zu sehen. Erwachsene zahlen für den Besuch des gesamten Depots 5 Euro, ermäßigt 3,50 Euro.

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